Papst Franziskus (2.v.l) leitet die Zeremonie der Via Crucis - oder Kreuzweg - auf dem Petersplatz, der nach dem italienischen Verbot von Versammlungen zur Eindämmung der Coronavirus-Infektion von den Gläubigen leer ist.  | Bildquelle: dpa

Papst auf leerem Petersplatz Kreuzweg als Weg des Lichts

Stand: 11.04.2020 01:54 Uhr

Zwar war wegen dem Coronavirus alles anders - und dennoch: Auf einem fast menschenleeren Petersplatz hat der Papst die Kreuzwegsprozession mit einer eindrucksvollen Lichtinszenierung begangen.

Von Jörg Seisselberg, ARD-Studio Rom

Flackendes Kerzenlicht am Boden rund um den Obelisken im Zentrum des Platzes, die von Scheinwerfern angestrahlten Bernini-Kolonnaden und eine spärlich, aber stimmungsvoll beleuchtete Basilika. Davor das ebenfalls angeleuchtete Kreuz von San Marcello, für Katholiken ein wichtiges Symbol in Seuchenzeiten.

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Die Lichtinszenierung auf dem fast menschenleeren Petersplatz transportierte die Stimmung einer Kreuzwegprozession, in der wegen der Coronavirus-Ausgangsbeschränkungen fast alles anders war als gewohnt. Im Vatikan und erstmals nach über 50 Jahren nicht am Kolosseum wurde im Beisein des Papstes an den Weg Jesu Christi ans Kreuz erinnert. Die Botschaft "Inmitten des Bösen das Gute erkennen" hatte Franziskus in der Einleitung als ein Motto dieses Kreuzwegs formuliert:

"So wird der Kreuzweg zu einem Weg des Lichtes."

Meditationen von besonderen Autoren

Die Meditationen für diesen "Weg des Lichtes" hatte der Papst bei besonderen Autoren in Auftrag gegeben: Die Texte stammten in diesem Jahr von Häftlingen des Gefängnisses "Due Palazzi" in Padua, einem Mörder, aber auch von Eltern eines Mordopfers, von der Tochter eines Verurteilten, einem Richter, einem Justizvollzugsbeamten und einem zu Unrecht Beschuldigten.

Texte aus der Gefängniswelt über Verbrechen und ihre Folgen, über Schuld und Sühne, über Scham und Verzweiflung, über Urteile und Vorurteile. Auf der ersten Station schildert ein zu lebenslanger Haft verurteilter Gefangener seine Gefühle. In seinem verlesenen Mediationstext heißt es:

"Wie oft hallt in den Gerichten und in den Zeitungen dieser Schrei wieder: "Kreuzige ihn, kreuzige ihn!" Auch in Bezug auf meine eigene Person habe ich solche Rufe vernommen."

Die schärfste Verurteilung sei die des eigenen Gewissens, schreibt der Strafgefangene.

"Nach 29 Jahren Gefängnis habe ich noch nicht die Fähigkeit verloren, zu weinen, mich für das Böse, das ich getan habe, zu schämen."

Ein besonderer Kreuzweg

Direkt danach, und das war eine der eindrücklichsten Wechsel der Perspektive dieses besonderen Kreuzwegs, beschreibt ein Elternpaar seine Empfindungen, das eine seiner beiden Töchter durch einen Mord verloren hat.

"Eine wurde mit ihrer besten Freundin durch die blinde Gewalt eines kaltblütigen Menschen getötet; die andere, die wie durch ein Wunder überlebte, wurde für immer ihres Lächelns beraubt."

Der Schmerz sei im Laufe der Jahre nicht geringer geworden. Trotzdem hätten sie das Leben wiederentdeckt.

"Die Nächstenliebe zu unserem Gebot gemacht zu haben ist für uns eine Form der Erlösung. Wir wollen uns nicht dem Bösen hingeben."

"Die Hoffnung der Menschen aufrechtzuerhalten"

Auch die Tochter eines zu lebenslanger Haft Verurteilten kommt mit einem Meditationstext zu Wort. Sie schildert, wie sie seit Jahrzehnten durch Italien reist, um ihren Vater in unterschiedlichen Gefängnissen zu besuchen. An der elften Station, "Jesus wird an das Kreuz genagelt", dann der Meditationstext eines Priesters, der des Missbrauchs beschuldigt und freigesprochen wurde. "Die Hoffnung der Menschen aufrechtzuerhalten", lautet die Schlussbotschaft auf der letzten Station. Die Sünde, formuliert ein Justizvollzugsbeamter, dürfe niemals das letzte Wort haben.

Der Papst verfolgt die Prozession nachdenklich, sitzend auf einem rot gepolsterten Lehnstuhl unter einem weißen Balachin vor dem Petersdom. Vor ihm, auf dem riesigeren Petersplatz, nur zehn Menschen. Beschäftigte des Vatikanischen Gesundheitsdienstes, ein ehemaliger Strafgefangener, ein Polizist, ein Gefängnisdirektor, ein Geistlicher. Abwechselnd tragen sie das Kreuz Richtung Basilika. Das Gebet des Papstes auf der achten Station transportiert den Geist des Kreuzwegs der diesem besonderen Jahr ein Weg des Lichts sein sollte:

"Gott, Vater voller Güte, du lässt deine Kinder in den Prüfungen des Lebens nicht im Stich."

Zum Abschluss betet der Papst minutenlang still vor dem Kreuz von San Marcello. Im Mittelalter wurde dieses Kreuz während der Pest durch Rom getragen - nach gut zwei Wochen, so die Überlieferung, soll die damalige Epidemie abgeebbt sein.

Kreuzweg als Weg des Lichts
Jörg Seisselberg, ARD Rom
11.04.2020 10:10 Uhr

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Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 11. April 2020 um 10:00 Uhr.

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