Ein Mann steht während einer 15-tägigen Ausgangssperre im September 2020 in Havanna auf leerer Straße. | Bildquelle: dpa

Kuba "Wir wollen kein Satellit der USA sein"

Stand: 25.10.2020 04:59 Uhr

In Kuba sind sich die Menschen nicht sicher, was schlimmer ist: Corona oder die Sanktionen. Ohne Touristen und Devisen liegt die Wirtschaft am Boden. Viele Unternehmer hoffen, dass Biden die US-Wahl gewinnt.

Von Marie-Kristin Boese, SWR, z.Zt. Mexiko City

Lilian Triana sieht etwas verloren aus auf der leeren Dachterrasse ihres Stammlokales in Havanna. "Hier haben wir glamouröse Partys gefeiert", erzählt sie. Jetzt bleiben nur Videos von den alten Events: Schöne Menschen tanzen zu heißen Rhythmen.

Kuba so vibrierend und elegant zu verkaufen, ist das Geschäftsmodell von Triana und ihrem Team. Fourwives heißt ihr Unternehmen, übersetzt "vier Ehefrauen", weil sie Freundinnen sind und sich sehr gut kennen. Das Unternehmen ist längst von vier auf sechs Frauen angewachsen: Fünf sind aus Kuba, Patricia Morgovsky kommt aus den USA. Die Unternehmerinnen veranstalten Partys und organisieren Reisen für gut betuchte Touristen. Sie wollen der Welt ein Kuba abseits der Klischees von morbidem Charme, Oldtimern und Nostalgie zeigen. Es ist allerdings auch ein Land abseits der Realität vieler Kubaner.

Frauen des Unternehmens fourwives sitzen an einem Tisch | Bildquelle: Weltspiegel
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Die Fourwives sitzen zur Planung auf der Dachterrasse zusammen.

US-Unternehmen zogen sich zurück

Vor allem US-Touristen buchten und feierten mit den Fourwives - bis US-Präsident Donald Trump das Embargo verschärfte. Er will die sozialistische Regierung in die Knie zwingen. Auch die engen Beziehungen zwischen Kuba und Venezuela sind ihm ein Dorn im Auge. In Kuba brach der US-Tourismus ein. Denn Trump kappte viele Flugverbindungen, US-Kreuzfahrtschiffe legen nicht mehr an, Geldsendungen von Exilkubanern aus den USA an Verwandte sind nur eingeschränkt möglich. "Viele Unternehmen haben sich abgewandt", sagt Morgovsky, "aus Angst, das Ziel von Sanktionen zu werden."

In der Not konzentrierten sich die Fourwives auf nationale Events wie Modenschauen für ein kubanisches Label. Dann kam die Pandemie - und während seines Wahlkampfs verschärfte Trump die Sanktionen noch einmal. "Trump will Stimmen fangen und die Kubaner umgarnen, die nach Florida ausgewandert sind und diese harte Strategie unterstützen", ist Morgovsky überzeugt.

Model in Kleid und Assistenten bei Modeschau | Bildquelle: Weltspiegel
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Als die US-Touristen ausblieben, organisierten die Fourwives Modenschauen für eine kubanische Firma.

Jetzt steckt Kuba in der wohl schwersten Versorgungs- und Wirtschaftskrise seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion. Die Devisen-Einnahmen durch den Tourismus fehlen. Kuba braucht aber harte Währung, denn ein Großteil der Waren - auch Lebensmittel - wird importiert.

Wohl auch deshalb werden die Fourwives wohlwollend toleriert. Ihr Unternehmen passt in keine Kategorie der kubanischen Bürokratie, aber ihre Kunden brachten US-Dollar ins Land. Die Frauen schweigen über ihr Verhältnis zur Regierung. Klar ist: Sie dehnen Grenzen im sozialistischen Staat, in dem nur eine Partei zugelassen ist. Die Wirtschaft ist großteils gelenkt, der Mangel war auch vor der Pandemie allgegenwärtig. Menschenrechte sind ein sensibles Thema.

Dollarshops sollen Devisen bringen

Was Kuba helfen würde? Morgovsky, die US-Amerikanerin unter den Fourwives, äußert sich dazu am Klarsten: Trump müsse abgewählt werden. Ex-Präsident Barack Obama habe doch gezeigt, dass ein Annäherungskurs möglich ist. Er lockerte in seiner Amtszeit Sanktionen, es herrschte Tauwetter in den Beziehungen. Das sei die Initialzündung für viele kleine Unternehmer gewesen - wie auch für die Fourwives, meint sie.

Patricia Morgovsky | Bildquelle: Weltspiegel
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Patricia Morgovsky ist die einzige US-Amerikanerin unter den Fourwives. Sie sagt: Für Kuba wäre Trumps Abwahl das Beste.

US-Stars bereisten damals Kuba und Morgovsky und ihre Freundinnen organisierten 2016 die Geburtstagsparty von Madonna in Havanna. "Wir haben damals gesagt: Wenn wir das schaffen, kriegen wir alles hin." Joe Biden, da ist sie sicher, würde Obamas Agenda fortführen. Trump dagegen würge den Unternehmergeist in Kuba ab. Er behinderte die, die er eigentlich fördern müsste: Jungunternehmer, die einen Wandel von Kuba selbst voranbringen wollen - auf ihre Weise, nicht zwingend nach klassisch kapitalistischem Vorbild.

Ariel Montenegro hat die Kunden der Fourwives durch Havanna geführt. Der Job ist erstmal weg. Auf seinem Radweg durch Havanna kommt er an Dollarshops vorbei. Der Staat verkauft Elektro- und Hygieneartikel gegen harte Währung, um an Devisen zu kommen - gut für Kubaner mit Bank-Karte und Verwandten im Ausland, die Dollar überweisen können. Montenegro hat beides nicht. Die soziale Schere geht auseinander.

Aber er sieht das Positive: Es tue sich was in Kuba. Tatsächlich hat die Regierung eine Währungsreform und mehr Freiraum für Betriebe angekündigt. "Wir wollen ja auch kein Satellit der USA sein, der darauf wartet, dass ein Präsident gewinnt, der uns hilft Reformen einzuleiten. Die müssen wir schon selbst durchführen", sagt Montenegro.

Ariel Montenegro | Bildquelle: Weltspiegel
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Ariel Montenegro bot früher Stadtführungen durch Havanna an - nun ist der Job weg.

Wenn Trump gewinnt, werden die Fourwives sich arrangieren

Die Umsetzung kann im Einparteienstaat allerdings dauern. Hoffentlich nicht so lange, sagen die Unternehmerinnen der Fourwives. Die junge Generation wolle zeigen, was sie kann. Und Künstler sehnten sich nach Inspiration. Mit einem US-Präsident Biden würden sich Türen in die USA sicherlich öffnen. Trotzdem bleiben gemischte Gefühle, sagt Triana: Wenn der Druck von außen nachlasse, werde sich vielleicht der Fortschritt im Innern verlangsamen, fürchtet sie.

Immerhin gibt es einen Hoffnungsschimmer: Trotz der Pandemie öffnet sich Kuba zur Hochsaison wieder für Touristen; mit strengen Regeln, versteht sich. Und vielleicht kommen ja die US-Amerikaner auch bald zurück - je nachdem, wer die Wahl gewinnt. "Am Ende müssen wir aber selbst nach vorne blicken, uns unabhängig machen vom Embargo und allem, was uns beeinträchtigt", sagt Triana. Wenn Trump gewinne, würden sie sich auch mit ihm arrangieren.

Mehr dazu sehen Sie am Sonntag, 25. Oktober, um 19.20 Uhr im "Weltspiegel".

Über dieses Thema berichtete der Weltspiegel am 25. Oktober 2020 um 19:20 Uhr.

Korrespondentin

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Marie-Kristin Boese, SWR

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