Die Drohnenaufnahme zeigt das neue provisorische Lager bei Kara Tepe auf der Insel Lesbos, Griechenland | Bildquelle: VANGELIS PAPANTONIS/EPA-EFE/Shut

Flüchtlinge auf Lesbos "Sogar in Moria war es besser"

Stand: 20.10.2020 04:50 Uhr

Bundeskanzlerin Merkel berät heute mit Kommunalpolitikern über die Aufnahme Geflüchteter aus dem neuen Lager Karatepe auf Lesbos. Viele klagen: Die Zustände dort seien schlimmer als zuvor.

Von Thomas Bormann, ARD-Studio Athen

"Wir sind hier in der Hölle", sagt ein Mann, der sich als Destiné aus der Demokratischen Republik Kongo vorstellt. "Sogar im alten Camp in Moria war es besser", meint Sekou Kouyate aus Guinea: Die Beschwerden der Flüchtlinge im neuen, provisorischen Zeltlager auf der Insel Lesbos klingen wie in Moria. Es gibt kaum Duschen, zu wenige Toiletten, der Strom fällt oft aus, das Essen ist schlecht.

Die Lagerbewohner beklagen, dass im neuen Lager "Karatepe" nur einmal am Tag Essen ausgegeben wird. Wenn es regnet, stehen manche Zelte unter Wasser und versinken im Schlamm.

Bei einem Unwetter vor knapp zwei Wochen überschwemmten Wassermassen Dutzende Zelte. Matratzen und Habseligkeiten der Bewohner waren durchnässt, 80 der insgesamt 1100 Zelte waren unbewohnbar.

Das neue Flüchtlingslager auf Lesbos | Bildquelle: AFP
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Das neue Flüchtlingslager auf Lesbos besteht aus Zelten - noch ist es nicht winterfest.

Lager soll winterfest werden

Die griechischen Behörden beschwichtigen, das Lager befinde sich noch im Aufbau. Mit Hilfe der griechischen Armee heben Baufirmen derzeit Entwässerungsgräben im neuen Lager aus, damit Regenwasser künftig schnell abfließen kann. Auch die Stromversorgung und die sanitären Einrichtungen sollen noch verbessert werden.

Migrationsminister Notis Matarakis verspricht, das Lager werde in Kürze winterfest ausgebaut sein. Vor allem aber betont er, dass das neue Lager auf der Insel Lesbos nicht überfüllt sei. So gebe es für jeden Lagerbewohner einen Schlafplatz in einem Zelt. Flüchtlinge müssten sich nicht mehr, wie noch in Moria, aus Holzpaletten und Plastikplänen Hütten bauen.

Angst vor der Dunkelheit

In Moria gab es nur für 2800 Personen Platz in den Wohn-Containern. Zeitweilig lebten aber mehr als 20.000 Menschen in dem Lager, die meisten im sogenannten "Dschungel" - so nannten die Lagerbewohner von Moria die Hügel rund um das eigentliche Lager, in denen Tausende Flüchtlinge in provisorischen Hütten und Camping-Zelten lebten. Dort gab es oft Streit zwischen unterschiedlichen Flüchtlingsgruppen. Frauen und Kinder trauten sich bei Dunkelheit nicht mehr aus ihren Zelten oder Hütten.

Das soll im neuen Lager Karatepe, drei Kilometer entfernt von Moria, anders werden. Angestellte eines Sicherheitsdienstes patrouillieren zwischen den Zelt-Reihen. Es gibt nur einen Zugang zum Lager - und der wird streng kontrolliert: Tagsüber dürfen die Bewohner das Lager verlassen. Um 19 Uhr müssen alle wieder zurück sein.

Asylverfahren werden beschleunigt

Was Flüchtlinge in Lagern auf den griechischen Inseln jedoch am meisten quält, ist die Ungewissheit, wie es mit ihnen weitergeht. Manche mussten jahrelang auf einen ersten Anhörungstermin in ihrem Asylverfahren warten. Die zermürbende Warterei ist zwar noch immer ein großes Problem, die griechische Regierung hat aber die Asylverfahren deutlich beschleunigt. In den vergangenen Monaten wurden Tausende Verfahren abgeschlossen. Die meisten dieser Flüchtlinge bekamen Asyl, durften die Lager verlassen und aufs griechische Festland umziehen.

Deutschland hat zugesagt, mehr als 1500 dieser asylberechtigten Flüchtlinge aufzunehmen. Ein erster Flug mit 101 Personen kam vergangenen Freitag in Hannover an. Die griechische Regierung hofft, dass sich andere EU-Länder dem Beispiel Deutschlands anschließen und ebenfalls Flüchtlinge aus Griechenland aufnehmen.

Die Zahl der Lagerbewohner sinkt

Durch die schnellere Bearbeitung der Asylverfahren ist die Zahl der Flüchtlinge in den fünf Lagern auf griechischen Inseln in den vergangenen neun Monaten um die Hälfte gesunken. Im Februar lebten noch mehr als 40.000 Flüchtlinge in den Lagern, jetzt sind es noch etwa halb so viele.

Anfang des Jahres galten noch alle fünf Lager als hoffnungslos überfüllt; jetzt leben in den drei Lagern auf den Inseln Lesbos, Kos und Leros etwa so viele Flüchtlinge, wie Plätze im Lager sind.

Als nach wie vor "unmenschlich" bezeichnen Hilfsorganisationen jedoch auch heute noch die Zustände auf Chios und auf Samos: Das Lager auf Samos bietet eigentlich nur Platz für 648 Personen - derzeit leben dort fast sieben Mal so viele, nämlich 4341.

Die fünf Hotspots auf den griechischen Inseln
FlüchtlingslagerZahl der BewohnerKapazität des Lagers
Lesbos765610.000
Samos4341648
Chios31981014
Leros960860
Kos904816
Quelle: Griechisches ZivilschutzministeriumStand: 15.10.2020

Küstenwache schickt Flüchtlinge zurück

Dass immer weniger Menschen in den Lagern leben, liegt auch daran, dass kaum neue Flüchtlinge auf den griechischen Inseln ankommen - weil die griechische Küstenwache die Grenze "offensiv verteidigt", so bezeichnet es jedenfalls der griechische Regierungssprecher Stelios Petsas.

Schlauchboote mit Flüchtlingen, die von der türkischen Küste aus zu griechischen Inseln übersetzen wollen, werden nicht durchgelassen. Im Gegensatz zu früher werden die Flüchtlinge in den Booten nicht als Schiffbrüchige ansehen, die gerettet werden müssen, sondern die griechische Küstenwache schickt die Boote zurück in Richtung Türkei - die türkische Küste liegt zumeist in Sichtweite, nur wenige Kilometer entfernt.

Menschenrechtsorganisationen kritisieren, das seien illegale "Push-Backs", aber die griechische Regierung bleibt bei ihrem Kurs der Abschottung. So will sie die Zahl der Flüchtlinge in den Lagern weiter senken.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 23. September 2020 um 06:40 Uhr.

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