Überfüllte Notaufnahme in Wuhan | Bildquelle: AFP

China und das Coronavirus Wut und anonyme Kritik

Stand: 27.01.2020 12:50 Uhr

Das Coronavirus in China wird zur Gefahr - auch für die Kommunistische Partei. Die übt sich in Durchhalteparolen. Doch das Vertrauen der Bevölkerung schwindet.

Von Steffen Wurzel, ARD-Studio Shanghai

Auch Li Keqiang trägt heute einen Mundschutz, wie auf den Aufnahmen der chinesischen Staatsmedien zu sehen ist. Er ruft den Umstehen zu: "Auf geht's, Wuhan!" Dazu reckt Li die rechte Hand in die Luft. Der chinesische Regierungschef hat sich heute in Wuhan mit Medizinern und Behördenvertretern getroffen. Das kurze Online-Video soll die Entschlossenheit der kommunistischen Staatsführung im Kampf gegen das Virus demonstrieren.

In den sozialen Netzwerken wächst die Wut

Doch auch ganz andere Videos werden dieser Tage massenweise über Social-Media-Netzwerke geteilt. Zum Beispiel eines, auf dem ein etwa 40-jähriger Mann zu sehen ist, der an einem Schalter eines Krankenhauses steht und völlig ausrastet. Die Szene soll in einer Klinik in Wuhan gefilmt worden sein.

Der Mann befürchtet offenbar, sich mit dem neuen Corona-Virus angesteckt zu haben. Er bittet um einen Termin bei einem Krankenhaus-Arzt, er will sich am Aufnahmeschalter registrieren lassen, doch die vier Krankenschwestern hinter dem Schalter schicken ihn weg: keine freien Betten mehr im Krankenhaus, sagen sie, kein Mediziner ist verfügbar.

Was die Szene zusätzlich dramatisch macht: Während der um Hilfe suchende Mann nur einen einen einfachen Mundschutz trägt, haben die Krankenhaus-Mitarbeiterinnen gespenstisch wirkende weiße Hochsicherheits-Ganzkörperanzüge an. Es ist schwer zu sagen, wann und wo Videos wie dieses genau entstanden sind, aber klar ist: Im Kampf gegen das Virus läuft in China längst nicht alles so gut organisiert ab, wie von den staatlichen Medien vermittelt wird.

Kritik unerwünscht - besonders in Krisenzeiten

Besonders eindrücklich schildert ein etwa Mitte 20-Jähriger seine Eindrücke. Er komme aus Wuhan, erzählt er in die Kamera. In einem gut zehn Minuten langen Video spricht er über Erfahrungen und Gedanken der letzten Tage. "Wenn man ins Krankenhaus will, um sich auf das Virus testen zu lassen: Keine Chance, Chaos. Man muss stundenlang anstehen, bis man dran kommt."

Sein Gesicht hat der anonyme Erzähler hinter einer Gesichtsmaske versteckt; wohl nicht nur aus medizinischen Gründen, sondern auch, um wegen seiner sehr deutlichen Worte keinen Ärger von den chinesischen Behörden zu bekommen.

"Warum um alles in der Welt haben uns die zuständigen Behörden nicht eher gesagt, wie gefährlich das Virus ist und dass wir eine Maske tragen sollen?", fragt er. Die verantwortlichen Politiker hätten schon längst entlassen werden sollen.

Wird Peking nervös?

Diese und andere Videos zur Viruskrise sind nur kleine Einblicke und Einzelfälle. Aber sie zeigen, wie verstört und auch verärgert viele Menschen in China dieser Tage sind. Die Staats- und Parteiführung in Peking dürfte das nervös machen. Denn nichts fürchtet sie mehr, als die Kontrolle über die Deutungshoheit in der Viruskrise zu verlieren. Alles, was die gesellschaftliche Stabilität und den Allmachtsanspruch der Kommunistischen Partei gefährden könnte, ist für die Führung in Peking gefährlich. Erst recht in einer Krise wie dieser Tage.

China-Virus: Premier Li in Wuhan, Feiertagswoche verlängert
Steffen Wurzel (SWR, Shanghai)
27.01.2020 12:29 Uhr

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Über dieses Thema berichtete B5 aktuell am 27. Januar 2020 um 09:02 Uhr.

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