Ein Mann läuft in Beirut an den Trümmern eines zerstörten Hauses vorbei | Bildquelle: AFP

Libanon "Ich habe keine Hoffnung mehr"

Stand: 02.12.2020 16:17 Uhr

Vier Monate nach der verheerenden Explosion in Beirut ist die Verzweiflung in der Stadt groß. Eine Geberkonferenz soll neue Mittel für das Land auftreiben. Doch viele Menschen sehen für sich keine Zukunft mehr im Libanon.

Von Björn Blaschke, ARD-Studio Kairo

Fouad Boulos schiebt einen Baby-Buggy durch den Flughafen von Beirut, an seiner Seite vier Kinder und seine Frau. Die Familie verlässt den Libanon, zieht in die USA zurück, wo Boulos vor zehn Jahren seinen Abschluss in Labormedizin gemacht hat.

"Es ist ein Massenexodus", sagt er. "Die Explosion war der letzte Nagel im Sarg, wie man so sagt. Ich kann nicht ausdrücken, was ich nach der Explosion gefühlt habe. Sie kristallisierte alle Ängste, alle Schmerzen und alle Schwierigkeiten heraus, die wir durchlebten."

Die Explosion am 4. August: der letzte Sargnagel. Oder das letzte Glied einer längeren Entwicklungskette. Korrupte Politiker im Libanon haben über mehrere Jahre durch Vetternwirtschaft für einen Niedergang des Landes gesorgt. Der Abwärtstrend wurde noch einmal durch die Corona-Pandemie beschleunigt. Mehr als 50 Prozent der Bevölkerung leben mittlerweile an oder unter der Armutsgrenze.

Auswandererfamilie aus dem Libanon | Bildquelle: REUTERS
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Sie hat ihren Glauben an eine gute Zukunft des Libanon verloren: Familie Boulos

Täglicher Überlebenskampf

Imad Aoun von der Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen berichtet, dass die Menschen im Land ums Überleben kämpfen müssten, "wenn sie Essen kaufen, für die Ausbildung ihrer Kinder zahlen oder für Kleidung. Alles ist sehr viel teurer geworden."

Verheerend auch die Lage im Gesundheitssektor. Viele Krankenhäuser und Privatpraxen können Patienten oft nicht mehr ausreichend versorgen. "Die Explosion hat Lagerhallen für Medikamente im Hafen komplett zerstört", erzählt Aoun. "Lager, die das Gesundheitsministerium unterhielt, um Apotheken und Krankenhäuser im Land zu beliefern."

Für eine durchschnittliche Familie, sagt Ahmed Bayram von Save the Children, die ein einfaches Medikament braucht, bedeutet das: Sie "muss Kontakte spielen lassen, um daran zu kommen. Oder die Familie muss regelmäßig Apotheken abklappern, um das Medikament zu finden. Wenn sie es denn überhaupt findet."

Was am meisten fehlt

Dass in einer solchen Situation immer mehr Menschen versuchen, den Libanon zu verlassen, ist verständlich. Zumal Medikamente nur ein Beispiel für das sind, was die Menschen im Land brauchen. Am nötigsten aber hätten sie wohl eines: Hoffnung.

Fouad Boulos hat sie verloren, sagt er am Flughafen von Beirut: "Wenn ich Hoffnung gehabt hätte, wäre ich geblieben. Aber ich habe keine Hoffnung für den Libanon. Weder für morgen noch für übermorgen."

Humanitäre Krise im Libanon -– Geberkonferenz soll helfen
Björn Blaschke, ARD Kairo
02.12.2020 13:52 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 02. Dezember 2020 um 07:45 Uhr in der Sendung "Informationen am Morgen".

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