Proteste in Beirut | Bildquelle: AFP

Proteste nach Explosionen Wut und Gewalt in Beirut

Stand: 08.08.2020 19:40 Uhr

Trauer und Wut über die verheerenden Explosionen haben sich in Beirut in gewaltsamen Straßenprotesten entladen. Ein Polizist ist tot, mehr als 170 Demonstranten sind verletzt. Regierungschef Diab schlug vorgezogene Neuwahlen vor.

Bei Protesten gegen die libanesische Regierung haben Dutzende wütende Demonstranten das Außenministerium in Beirut gestürmt. Von ehemaligen Armeeoffizieren angeführte Protestierende drangen in das Gebäude ein und erklärten es zum "Hauptquartier der Revolution". Zuvor waren mehrere Tausend Menschen durch die Stadt gezogen, um nach der Katastrophe vom Dienstag ihren Unmut über die Regierung kundzutun. 

Die Aktivisten betrachten die Tragödie als Folge von Korruption und Nachlässigkeit der Regierenden. Geplant war im Rahmen der Demo auch eine symbolische Bestattung der bisher mehr als 150 Todesopfer.

Libanons Regierungschef Hassan Diab reagierte auf die Proteste und kündigte in einer Fernsehansprache vorgezogene Neuwahlen an. Er werde diese seinem Kabinett am Montag vorschlagen.

Zahlreiche Verletzte

Die Demonstranten hatten sich zunächst auf einem Platz im Zentrum Beiruts zu einer Protestkundgebung mit dem Motto "Gerechtigkeit für die Opfer, Rache an der Regierung" versammelt. Auf Bildern des libanesischen Senders MTV war zu sehen, dass einige der Protestierenden versuchten, eine Absperrung in Richtung des Parlaments zu durchbrechen, auch wurden Steine geworfen. Aus den Reihen der Demonstranten waren außerdem Sprechchöre zu hören, unter anderem "Revolution, Revolution" oder "Das Volk will den Sturz des Regimes". Laut Nachrichtenagentur Reuters waren auch Banner mit dem Inhalt "Verschwindet, ihr seid alle Mörder" zu sehen, während die Agentur AP von symbolischen Schlingen berichtete, mit denen Politiker und Beamte wegen der tödlichen Explosionen erhängt werden sollten.

Sicherheitskräfte setzten Tränengas ein, um die Menschen aufzuhalten. Zudem fielen Schüsse. Dies bestätigte die Polizei der Nachrichtenagentur Reuters nachdem entsprechende Geräusche im Zentrum der libanesischen Hauptstadt zu hören waren. Bei Zusammenstößen wurden mehr als 170 Menschen verletzt. 55 wurden in Krankenhäuser gebracht.

Zahl der Todesopfer steigt täglich

Nach Regierungsangaben waren am Dienstag 2750 Tonnen Ammoniumnitrat explodiert, das jahrelang ohne geeignete Vorsichtsmaßnahmen im Hafen gelagert worden war. Ammoniumnitrat kann für Düngemittel oder zur Herstellung von Sprengstoff verwendet werden. Erst am Freitag tauchten Dokumente auf, die belegten, dass der Zoll, das Militär, Sicherheitsbehörden und die Justiz in den vergangenen sechs Jahren zehn Mal wegen der Riesenmenge Ammoniumnitrat Alarm schlugen, die ungeschützt im Hafen lagerte. Doch geschah nichts.

Neben mehr als 150 Toten gibt es rund 6000 Verletzte. Weite Teile von Beirut gleichen einem Trümmerhaufen, die Explosion richtete Schäden in Höhe von schätzungsweise zehn bis 15 Milliarden Dollar an. Hunderttausende Menschen wurden obdachlos.

Der Libanon steckt schon seit Jahren in einer schweren Wirtschafts- und Währungskrise. Seit Monaten gibt es immer wieder Massenproteste gegen die Regierung.

Beirut - Eskalation bei Demonstration
Jürgen Stryjak, ARD Kairo
08.08.2020 19:08 Uhr

Download der Audiodatei

Wir bieten dieses Audio in folgenden Formaten zum Download an:

Hinweis: Falls die Audiodatei beim Klicken nicht automatisch gespeichert wird, können Sie mit der rechten Maustaste klicken und "Ziel speichern unter ..." auswählen.

Über dieses Thema berichtete NDR Info am 08. August 2020 um 18:15 Uhr.

Darstellung: