Großdemonstration in Beirut Selbstbewusste Libanesen gedenken Hariris

Stand: 14.02.2010 16:55 Uhr

In Beirut haben tausende Menschen des ermordeten libanesischen Ministerpräsidenten Hariri gedacht. Anders als sonst bei solchen Anlässen gab es keine Tiraden gegen Syrien. Denn auch im Hariri-Lager hat sich die Erkenntnis durchgesetzt, dass es ohne einen guten Draht zur ehemaligen Besatzungsmacht nicht geht.

Von Carsten Kühntopp, ARD-Hörfunkstudio Amman, zzt. in Beirut

Fahnen, Spruchbänder, Luftballons und viele, viele junge Leute, die zwar noch nicht alt genug sind, um wählen zu können, die sich aber von Parteiaktivisten leicht mobilisieren lassen. Der neue Ministerpräsident Saad Hariri rief und seine Anhänger kamen und füllten den "Platz der Märtyrer" im Zentrum von Beirut. Dies war keine staatliche Gedenkveranstaltung, sondern eine Parteikundgebung von Hariri und seinen Alliierten.

Gedenken an Rafik Hariri
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Tausende Menschen schwenkten Fahnen zur Erinnerung an Hariri.

Ein begeisterter Anhänger: "Wir haben es geschafft, die Syrer aus dem Land zu werfen und haben nun wieder die volle Kontrolle. Bei der Wahl vergangenes Jahr bekamen wir eine Mehrheit. Die Leute sind also auf unserer Seite. Wir haben schon viel erreicht, müssen aber noch mehr schaffen und diese Revolution zum Ziel führen."

Selbstbewusst gegenüber Syrien

Syrien und sein Einfluss im Libanon sind nach wie vor das große Thema im Land. Nach der Ermordung von Ex-Premier Rafik Hariri mussten die syrischen Truppen den Libanon verlassen. Jahrelang warf Rafiks Sohn Saad den Syrern vor, seinen Vater umgebracht zu haben. Doch im Dezember stattete er Präsident Baschar al Assad einen Besuch ab. Ein Demonstrant erklärt die Wende: "Wenn Scheich Saad nach Syrien geht, dann baut er damit neue Beziehungen auf, von einem Staat zum nächsten und auf gleicher Augenhöhe. Das ist nicht mehr so wie früher von einer Großmacht zu einer kleinen Macht. Wir sind jetzt separate Länder."

Libanons Ministerpräsident Saad Hariri
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Rafik Hariris Sohn Saad regiert nun im Libanon.

Hinter Panzerglas versprach Saad Hariri bei der Kundgebung, den Weg seines Vaters weiterzugehen: "Ich werde den Libanon verteidigen, seine Demokratie, Freiheit und Unabhängigkeit. Für diese Werte starben mein Vater, der Märtyrer Rafik Hariri, und seine Freunde."

Ohne guten Kontakt zu Syrien geht es nicht

Doch die Tiraden gegen Syrien, die es früher bei solchen Anlässen stets gegeben hatte, blieben diesmal aus. Kein Wunder, sagt Hilal Khashan, Politologe an der "American University Beirut": "Was das Hariri-Lager einst zusammengebracht hatte, war die Feindschaft gegen Syrien. Doch das ist vorbei. Alle sind nun zu dem Schluss gekommen, dass sie, wenn sie eine politische Karriere wollen, sich besser um einen guten Draht zu Damaskus bemühen sollten. Die Mission und die Botschaft des Hariri-Lagers sind abgelaufen."

In der Tat: Wenn Syrien nicht nachgeholfen hätte, hätte Saad Hariri nicht Ende letzten Jahres seine Kabinettsbildung abschließen können. Die Großwetterlage im Nahen Osten hat sich in den letzten Monaten geändert, mit entsprechenden Folgen für den Libanon: Den USA und Saudi-Arabien geht es nicht mehr darum, Syrien zu isolieren, sondern es einzubinden. Also muss auch Hariri den Freunden Syriens in seinem Land entgegenkommen. So sind nun auch wieder die Hisbollah und ihre Partner mit Sitz und Stimme am Kabinettstisch vertreten.

Der 2005 ermordetete libanenesische Ministerpräsident Rafik Hariri.
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Gedenken an Rafik Hariri in Beirut.

Aus Sicht des Politologen Khashan ist diese Balance ohnehin eher die Norm als die Ausnahme für den Libanon: "Die Politik hier basiert auf gegenseitigem Entgegenkommen und Konsens. Jeder muss etwas dafür erhalten, dass er bereit ist, beim politischen Prozess mitzumachen. Das Land wird nicht auf der Grundlage einer einfachen Mehrheit regiert."

Auf dem "Platz der Märtyrer" hatte die Bewegung, die Saad Hariri anführt, einst begonnen. In genau einem Jahr dürfte man sich nicht wieder an diesem Ort treffen. Denn jetzt stehen die Zeichen auf Versöhnung - Versöhnung mit Syrien und Versöhnung mit den innenpolitischen Gegnern.

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