Flüchtlinge und Migranten verlassen das abgebrannte Aufnahmelager Lipa in der Nähe der bosnischen Stadt Bihac. | Bildquelle: FEHIM DEMIR/EPA-EFE/Shutterstock

Flüchtlingscamp Lipa geräumt "Wohin werden wir gebracht?"

Stand: 30.12.2020 04:02 Uhr

Hunderte Flüchtlinge aus dem abgebrannten Aufnahmelager Lipa mussten in der winterlichen Kälte in Bosnien ausharren. Andrea Beer war dabei, als sie das Camp endlich verlassen konnten.

Von Andrea Beer, ARD-Studio Wien, zzt. Bihac

Mehrere Busse stehen an einer kleinen Kreuzung mitten in der Landschaft nahe dem Camp Lipa, rund 25 Kilometer von Bihac entfernt. Hunderte Flüchtende und Migranten warten hier, ihre Habseligkeiten tragen sie in großen, bunten Plastiksäcken bei sich. Wenn sie diese dann in den Kofferraum legen und einsteigen sollen, entsteht eine gewisse Unruhe. Die Gruppen versuchen zusammenzubleiben, denn das Ziel der Fahrt ist unklar, wie einer von ihnen erzählt: "Ich weiß ja gar nicht, wohin es gehen soll. Sie bringen uns an einen anderen Platz. Aber niemand hat uns gesagt, wohin."

Kein Wasser, kein Strom, kein Arzt

Nein, meint dieser junge Mann aus der Gegend von Islamabad in Pakistan. Es ist deutlich wärmer im Nordwesten von Bosnien und Herzegowina als in den letzten Tagen. Doch trotz des Sonnenscheins hüllt er sich in eine graugrün karierte Wolldecke. Wie viele der Menschen, die hier warten, sieht er übernächtigt aus und ausgelaugt. Sechs Monate lang war er im Camp Lipa untergebracht, erzählt er. Doch die letzten Tage hätten ihn besonders geschlaucht. Aufgrund eines Streits mit den lokalen Behörden und der Zentralregierung in Sarajevo zog sich die Internationale Organisation für Migration, kurz IOM, aus Camp Lipa zurück. Niemand sprang ein, und 1200 Menschen waren damit sich selbst überlassen. Kein Wasser, kein Strom, kein Arzt.

Auch Essen durfte nur einmal am Tag verteilt werden. Am Dienstagmorgen sorgte die österreichische Nichtregierungsorganisation SOS Balkanroute für 1200 Portionen. Petar Rosantica aus Wien hat mitorganisiert. Er hat gehört, dass die Menschen weggebracht werden sollen, und das fände er natürlich gut: "Zum Glück. Ich hoffe, dass es ein besserer Ort ist", sagt er.

Drei junge Männer haben ihre Portion gerade bekommen, auch sie wirken erschöpft. Mohammed kann am besten Englisch, meinen sie, er soll für sie sprechen. "In den letzten Tagen haben sie uns viel weniger gegeben als heute", sagt er und zeigt eine Plastiktüte mit Weißbrot.

Erst am Nachmittag wird das Ziel bekannt

Mehrere Flüchtlingsorganisationen sind anwesend, und auch Mitarbeiter des IOM sind an diesem Morgen zu sehen. Die bosnische Polizei kontrolliert, und plötzlich kommt Bewegung auf. Das Camp soll geräumt werden, heißt es überraschend für alle. Und sie sollen losgehen, einen Feldweg entlang. Irgendwie scheinen einige doch froh zu sein, dass es irgendwohin geht und dass sie nicht noch eine Nacht an diesem verheerenden Ort im aufgegebenen, abgebrannten Lager verbringen müssen. "Wohin werden wir gebracht?", fragen viele. Ein Bus bringt uns nach Italien, sagt einer, nein nach Deutschland. Sie lachen.

Noch während sie einsteigen, wissen sie nicht, wo sie hingebracht werden. Und erst am Nachmittag wird das Ziel bekannt. Die Flüchtlinge und Migranten aus dem Camp Lipa nahe Bihac kommen nach Bradina, rund 30 Kilometer südlich von Sarajevo. Dort sollen sie in einem Gebäude der bosnischen Armee untergebracht werden. Es soll eine vorübergehende Lösung sein, bis Camp Lipa wieder aufgebaut sei, heißt es aus dem Sicherheitsministerium.

Doch am Abend stellte sich dann heraus: Anders als angekündigt sind die Busse doch nicht nach Bradina bei Sarajevo losgefahren. Laut dem bosnischen Sicherheitsminister Selmo Cikotic blockieren bosnische-kroatische HDZ-Minister den Transfer. Gleichzeitig wird Kritik an Cikotic laut: er habe nichts abgestimmt. Die Menschen schliefen stattdessen in den Bussen, in die sie vor rund 10 Stunden dort eingestiegen sind. Eine Lösung war am Abend nicht absehbar.

Tausende sind immer noch obdachlos

Was auch immmer letztlich mit den Bussen voller Flüchtlinge passiert: das Thema bleibt der Region erhalten. Nach wie vor sind mehr als 2000 Flüchtlinge und Migranten obdachlos in der Gegend. Sie hausen im Wald oder in leerstehenden Gebäuden. Die bestehenden Flüchtlingscamps sind überfüllt.

Nicht nur in Bosnien und Herzegowina muss sich die Flüchtlingspolitik laut Petar Rosandic grundlegend ändern: "Fundamental ist jetzt einmal, menschenwürdige Verhältnisse herzustellen, menschenwürdige Camps. Als Flüchtlingshelfer wissen wir, langfristig sind Camps keine Lösung." In Camps entwickelten sich keine guten Dynamiken. Deswegen brauche es ein EU-Asylzentrum in Bosnien und Herzegowina, "wo Mensch Antworten bekommen, ob sie einen Asylantrag genehmigt bekommen oder nicht. Aber sie brauchen endlich Antworten."

Menschen aus abgebranntem Flüchtlingslager Lipa schlafen in Bussen
Andrea Beer, ARD Wien
30.12.2020 07:18 Uhr

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Über dieses Thema berichtete B5 aktuell am 29. Dezember 2020 um 20:34 Uhr.

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