Liu Xia, Schriftstellerin, Künstlerin und Witwe des verstorbenen Friedensnobelpreisträgers Liu Xiaobo, im Juli bei Vorbereitungen für die Seebestattung ihres Mannes. | Bildquelle: AFP

Hausarrest für Liu Xia in China "Chronischer Mord an der Seele"

Stand: 15.11.2017 11:31 Uhr

Die chinesische Schriftstellerin und Künstlerin Liu Xia steht seit sieben Jahren unter Hausarrest. Die Witwe des verstorbenen Friedensnobelpreisträgers Liu Xiaobo kann sich nicht frei bewegen und leidet schwer. Sie ist kein Einzelfall in China.

Von Axel Dorloff, ARD-Studio Peking

Hu Jia | Bildquelle: REUTERS
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Der Dissident Hu Jia arbeitet heute als Menschenrechtsaktivist.

Seit 2010 steht Liu Xia unter Hausarrest - die Dichterin, Fotografin, Malerin und Witwe des verstorbenen chinesischen Nobelpreisträgers Liu Xiaobo. Ihre Freunde machen sich große Sorgen. Die meisten dürfen keinen Kontakt zu ihr halten. Liu wartet in ihrer Wohnung in Peking täglich auf Freiheit, sagt der chinesische Dissident Hu Jia.

"Freiheit ist die beste Medizin, besonders für Liu Xia. Freiheit und Sicherheit. Das ist das einzige, was Liu Xiaobo zu Lebzeiten für sie wollte. Es ist der Schlüssel für alles. Anders wird Liu Xia nicht überleben", so Hu, der vor 30 Jahren aus China in die USA ausgewandert ist. Der Dissident arbeitet heute als Menschenrechtsaktivist. Er ist Mitglied der PEN-Schriftstellervereinigung und lebt in New York. Von dort aus setzt er sich für inhaftierte Schriftsteller-Kollegen ein - auch für Liu Xia.

Streng von der Außenwelt abgeschottet

Vor allem psychisch soll es Liu Xia schlecht gehen, heißt es aus diplomatischen Kreisen in Peking. Seit der Seebestattung ihres Mannes Mitte Juli dieses Jahres wird Liu Xia streng von der Außenwelt abgeschottet. Sie lebt unter den wachsamen Augen der chinesischen Staatssicherheit.

"Als Liu Xiaobo gestorben ist, sind alle ihre Hoffnungen zerplatzt", sagt Hu. "Aber ihr Leiden geht weiter. Es gibt derzeit kaum Hinweise darauf, dass der Hausarrest für Liu Xia aufgehoben wird. Man kann sich ihren Zustand vorstellen, nach so vielen Jahren physischer und psychischer Quälerei." Er mache sich große Sorgen um sie, sagt Hu. "Der nicht endende Hausarrest ist wie chronischer Mord an der Seele."

Liu Xia | Bildquelle: AP
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Liu Xia während der Seebestattung ihres Mannes Liu Xiaobo im Juli dieses Jahres.

Kein Einzelfall

Liu Xia ist kein Einzelfall. Noch immer sitzen chinesische Schriftsteller, deren Arbeiten als Anklage gegen das politische System in China verstanden werden, in Haft oder stehen unter Hausarrest. Oder werden im Alltag streng beobachtet.

"Die Situation ist miserabel. Laut einer Studie des Unabhängigen Chinesischen PEN Zentrums befinden sich derzeit 232 Schriftsteller und Autoren in China in Haft", so Hu. "Und diese Zahl ist bestimmt nicht vollständig. In den vergangenen Jahren wurden Leute unter rätselhaften Begründungen inhaftiert. Einige sind unbekannt und haben keine Kontakte ins Ausland. Kaum einer weiß, dass sie hinter Gittern sitzen."

Schriftsteller in Haft gestorben

Erst vergangene Woche, am 7. November, ist ein chinesischer Schriftsteller in Haft gestorben. Yang Tongyan wurde wegen eines Hirntumors im August aus medizinischen Gründen vom Gefängnis ins Krankenhaus verlegt. Er war Mitglied des Unabhängigen Chinesischen PEN Zentrums und hat als Schriftsteller wichtige Preise gewonnen. 2005 wurde er inhaftiert, um eine zwölfjährige Haftstrafe wegen angeblich subversiver Literatur zu verbüßen. Bis zu seinem Tod haben Menschenrechtler vergeblich seine Freiheit gefordert.

Liu Xiaobo und seine Frau Liu Xia im Krankenhaus | Bildquelle: AP
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Liu Xia und ihr Mann Liu Xiaobo kurz vor dessen Tod im Krankenhaus. Seit der Bestattung ihres Mannes wird sie streng von der Außenwelt abgeschottet.

Im Fall von Liu Xia gibt Dissident Hu Jia die Hoffnung nicht auf. "Ich wäre nicht überrascht, wenn ich eines Tages hören würde, dass sie den ganzen Druck nicht mehr aushalten konnte", sagt er. "Aber unser Ruf hat sich nur leicht geändert. Von 'Freiheit für Liu Xiaobo' zu 'Freiheit für Liu Xia'. Wir wollen, dass sie an einen sicheren Ort ausreisen kann, um ihre Wunden zu heilen. Das ist unsere einzige Hoffnung."

Perspektivisch nach Deutschland oder in die USA

Tatsächlich gibt es auch unter Diplomaten in Peking Hoffnung, dass Liu Xia perspektivisch nach Deutschland oder in die USA ausreisen darf. Eine Straftat hat die 56-jährige Liu Xia nicht begangen. Es gibt keine gerichtliche Entscheidung, die ihren Hausarrest rechtfertigen würde. Trotzdem beraubt China sie ihrer persönlichen Freiheit.

Das PEN-Zentrum Deutschland hat Liu Xia im August zum Ehrenmitglied ernannt. Eine Würdigung ihrer künstlerischen Arbeit und ihrer Rebellion gegen die Unterdrückung der Meinungsfreiheit, heißt es zur Begründung.

Warten auf Freiheit: Angst um Liu Xia
Axel Dorloff, ARD Peking
15.11.2017 10:55 Uhr

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Über dieses Thema berichtete der Weltspiegel am 10. November 2017 um 19:20 Uhr.

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