Liu Xiaobo | Bildquelle: picture alliance / dpa

Todestag von Liu Xiaobo "Er hat den ultimativen Preis gezahlt"

Stand: 10.07.2018 11:21 Uhr

Am Freitag jährt sich der Todestag von Liu Xiaobo. Hongkong ist der einzige Ort in China, an dem offen an ihn erinnert werden kann. Überall sonst im Land werden seine Gedanken totgeschwiegen.

Von Steffen Wurzel, ARD-Studio Shanghai, zzt. in Hongkong

Der kleine Buchladen im Hongkonger Stadtteil Kowloon ist rappelvoll. Rund 50 Menschen sind gekommen, um an Liu Xiaobo zu erinnern. 13 Autoren, Demokratie-Aktivisten und Literaten lesen kurze Texte des vor gut einem Jahr in chinesischer Gefangenschaft gestorbenen Friedensnobelpreisträgers sowie Texte, die sie mit ihm in Verbindung bringen.

Der Hongkonger Schriftsteller Dung Kai-Cheung liest eine Passage aus "Men in Dark Times" (Menschen in finsteren Zeiten) von Hannah Ahrendt. Die deutsch-amerikanische Publizistin beschrieb in dem Essayband die Biografien bedeutender Intellektueller wie Walter Benjamin, Rosa Luxemburg und Karl Jaspers. Für Dung Kai-Cheung gehört Liu Xiaobo in genau diese Reihe bedeutender Kämpfer für die Menschlichkeit.

Gedenken an Liu Xiaobo anlässlich seines ersten Todestages | Bildquelle: Steffen Wurzel /SWR
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Gedenken an Liu Xiaobo in einem Buchladen in Hongkong. Die Stadt ist der einzige Ort in China, an dem offen an den Friedensnobelpreisträger erinnert werden kann.

"Definitiv nicht der einzige Held"

Zum ersten Mal hatte sich Liu Xiaobo schon Ende der 1980er-Jahre mit der chinesischen Staats- und Parteiführung angelegt, als er sich an den friedlichen Studenteprotesten auf dem Pekinger Platz des Himmlischen Friedens (Tian'anmen) beteiligte. Zum Staatsfeind wurde er im Jahr 2008, nachdem er gemeinsam mit weiteren kritischen Denkern die "Charta 08" veröffentlichte: einen offenen Aufruf für mehr Demokratie, politische Teilhabe und Menschenrechte in China.

Diese eigentlich selbstverständlichen Forderungen brachten ihn ins Gefängnis, das er bis zu seinem Tod im Alter von 61 Jahren nicht mehr verlassen konnte. Liu Xiaobo starb in Haft.

"Liu Xiaobo war einer der Menschen, die für die entscheidenden Grundwerte kämpfen", sagt Lian-Hee Wee, Linguistik-Professor an der Hong Kong Baptist University. Dafür habe der Dissident den ultimativen Preis gezahlt. "Er ist definitiv nicht der einzige Held in diesem Kampf. Ihm zu gedenken bedeutet, auch anderen zu gedenken."

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Zensur und staatliche Komplettüberwachung

Das autonom regierte Hongkong ist der einzige Ort in China, an dem offen an den Friedensnobelpreisträger von 2010 erinnert werden kann. Auf dem Festland sorgen Zensur und staatliche Komplettüberwachung dafür, dass Liu Xiaobo und seine Gedanken totgeschwiegen und langfristig ausgelöscht werden.

Lian-Hee Wee sagt, er sei sich ziemlich sicher, dass die meisten Menschen in China noch nie Liu Xiaobos Namen gehört hätten. Das gelte sogar für seine gebildeten Freunde in China.

"In einer Zeit, in der sich China zu einer Supermacht entwickelt, verengt sich gleichzeitig die chinesische Gesellschaft, wenn es um Meinungen und Politik geht", sagt die Studentin Selin Lau. "Liu Xiaobo erinnert uns daran, immer auch anderen Meinungen zu hören, denn die Gesellschaft braucht das."

Liu Xiaobo | Bildquelle: AFP
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Liu Xiaobo im Dezember 2008. Zum Staatsfeind wurde er nach einem offenen Aufruf für mehr Demokratie, politische Teilhabe und Menschenrechte in China.

Jahrelang unter Hausarrest, ohne Begründung

Erinnert wird an diesem Abend in Hongkong auch an Liu Xia , die 57-jährige Witwe Liu Xiaobos. Chinas Staats- und Parteiführung hielt sie jahrelang unter Hausarrest, ohne Begründung, ohne offizielle Anklage. Nun durfte Liu Xia nach Deutschland ausreisen.

William Nee, China-Experte von Amnesty International, sagt, für ihn sei das Gedenken der Hongkonger Zivilgesellschaft an Liu Xiaobo und seine Frau etwas Besonderes. "Nach seinem Tod haben viele Menschen in China versucht, Liu Xiaobo zu gedenken, in dem sie ans Meer gefahren sind, in das seine Asche gestreut wurde", sagt er. Einige dieser Menschen seien später eingesperrt worden. "In Hongkong können wir noch problemlos gedenken. Dieses Recht sollten wir würdigen, solange wir es noch haben."

Erinnern an Chinas Helden der Menschlichkeit: Vor einem Jahr starb Liu Xiaobo
Steffen Wurzel, ARD Shanghai
10.07.2018 08:48 Uhr

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Über dieses Thema berichteten am 10. Juli 2018 Deutschlandfunk Kultur um 08:08 Uhr und die tagesschau um 12:00 Uhr.

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