Emmanuel Macron (M), Präsident von Frankreich, spricht mit einem regierungskritischen Demonstranten in Beirut. | Bildquelle: dpa

Macron reist nach Beirut Libanesen hoffen auf Hilfe Frankreichs

Stand: 01.09.2020 01:37 Uhr

Der französische Präsident Macron ist nach Beirut gereist - zum zweiten Mal nach der verheerenden Explosion im Hafen Anfang August. Die Libanesen setzen auf die Unterstützung Frankreichs, auch wegen der gemeinsamen Vergangenheit.

Von Anne Allmeling, ARD-Studio Kairo, z.Zt. Beirut

Bohren, Sägen, Schweißen - die Geräusche der Aufräumarbeiten dringen bis auf die Straße. Die meisten Wohnungen im Stadtviertel Gemayze haben keine Fensterscheiben mehr, in vielen Mauern klaffen riesige Lücken. Sie geben den Blick frei auf Sofas und Couch-Tische, auf Betten, Sessel, Schränke und Spielzeug - oder auf das, was davon noch übrig ist.

Vier Wochen nach der Explosion im Hafen von Beirut sind zwar die Straßen geräumt, die großen Schuttberge abtransportiert, die Glasscheiben in den Luxus-Büros wieder eingesetzt. Aber viele Libanesen, die in der Nähe des Hafens gewohnt haben, sind immer noch obdachlos. Hilfe vom Staat? Fehlanzeige, sagt Mirna Farah.

"Ein Ingenieur, ein Arzt und ein Student haben mir geholfen, den Schutt aus meiner Wohnung zu schaffen - aber nicht die Behörden!"

Klare Botschaft an Macron

Mirna Farah und ihre Familie wohnen bei Freunden. Sie haben so gut wie alles verloren. Für den Wiederaufbau fehlt ihnen das Geld. An Frankreichs Präsident Emmanuel Macron, der den Libanon heute zum zweiten Mal seit der Explosion besucht, richtet Mirna Farah eine klare Botschaft.

"Übernehmen Sie die Regierung oder nehmen Sie uns mit nach Frankreich. Ich wünsche mir, dass Sie unser Präsident sind oder wir wieder Französisches Mandatsgebiet werden."

Frankreich fühlte sich immer als Schutzmacht der Christen im Nahen Osten. Vor genau hundert Jahren erteilte der Völkerbund Frankreich das Mandat für den Großlibanon. Etwa ein Vierteljahrhundert hatten die Franzosen das Sagen im Land; noch heute ist Französisch weit verbreitet. Während des Bürgerkriegs wanderten viele Libanesen nach Frankreich aus. Doch Frankreich habe dem Libanon auch ein schwieriges Erbe hinterlassen, meint der Schriftsteller Elias Khoury.

"Als die Franzosen den Großlibanon schufen, gründeten sie den Staat auf der Grundlage einer konfessionellen Übereinkunft, die keine Bedeutung hat und den Libanon dazu verleitete, seine Kriege fortzuführen. Diese Kriege werden nicht enden, wenn wir an dieser konfessionellen Übereinkunft festhalten."

Spitzenposten nach Religion verteilt

Die politischen Spitzenposten werden im Libanon unter den wichtigsten Religionsgruppen aufgeteilt. So soll der Präsident immer ein Christ, der Regierungschef ein Sunnit und der Parlamentspräsident ein Schiit sein. Das Problem: Die politische Elite schachert sich gegenseitig die Posten zu und bereichert sich auf Kosten der Bürger.

"Wir haben eine Führungsschicht aus Mafiosi, Dieben und Kriminellen. Ernsthaft: Das sind Mörder. Am 4. August haben sie uns in unseren eigenen Wohnungen umgebracht. Keine Ahnung, wie Macron die Mafiosi und Mörder überzeugen will, keine Mafiosi mehr zu sein und das Morden zu beenden."

Kein Geld ohne Reformen, hatte Macron bei seinem ersten Besuch zwei Tage nach der Explosion gefordert. Wenig später trat die libanesische Regierung zurück. Gestern einigten sich die wichtigsten Blöcke im Parlament dann auf einen neuen Ministerpräsidenten: den bisherigen Botschafter des Libanon in Berlin, Mustafa Adib.

Führungselite sendet wenig Zeichen der Änderung

Der 48-Jährige ist der libanesischen Öffentlichkeit eher unbekannt, gilt aber als enger Vertrauter des früheren Regierungschefs Nadschib Mikati und gehört der politischen Elite des Landes an - für viele Libanesen ein Beweis dafür, dass die Mächtigen auch nach der verheerenden Explosion einfach so weitermachen wollen wie bisher.

"Sie werden erst etwas verändern, wenn sie selber Druck verspüren - Druck auf ihre eigene Person, auf ihre Familien, auf ihre Posten. Aber nicht, solange es nur um die Menschen hier geht. Die Menschen sind ihnen egal."

So sagt es die 25-jährige Amal aus Tripoli. Die Projektleiterin einer NGO packt in Beirut mit an, versucht, die Not der Obdachlosen zu lindern. Bereits seit Monaten steckt der Libanon in einer schweren Finanz- und Wirtschaftskrise. Mehr als die Hälfte der Bevölkerung gilt inzwischen als arm. Zehntausende Libanesen haben in den vergangenen Monaten ihr Land verlassen - vor allem die gut ausgebildeten jungen Leute. Schriftsteller Elias Khoury beobachtet das mit Sorge:  

"Wir stehen vor einem Wendepunkt: Entweder gibt es einen echten Regimewechsel - oder der Libanon wird zugrunde gehen."

Hilfe in der Not oder Großmachtanspruch? Macron im Libanon
Anne Allmeling, ARD Kairo zzt. Beirut
01.09.2020 01:16 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Inforadio am 01. September 2020 um 09:11 Uhr.

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