Emmanuel Macron besucht die Unglücksstelle in Beirut | Bildquelle: AP

Nach Explosionen in Beirut Frankreich und Libanon - eine besondere Beziehung

Stand: 07.08.2020 18:26 Uhr

Frankreichs Präsident Macron war der erste ausländische Staatsmann, der den Libanon nach dem verheerenden Unglück besucht hat. Für seine deutliche Kritik an den politisch Verantwortlichen im Land bejubelten ihn Tausende.

Von Martin Bohne, ARD-Studio Paris

Er war umringt von einer begeisterten Menschenmenge, die "Viva la France" rief - ("Hoch lebe Frankreich). Staatspräsident Emmanuel Macron konnte sich bei seinem Besuch im zerstörten Hafenviertel von Beirut als der Hoffnungsträger fühlen, der er in seiner Heimat schon längst nicht mehr ist.

Macron kam als erster ausländischer Staatsmann, um den Libanesen Solidarität zu zeigen - und um den Politikern des Landes die Leviten zu lesen. Und das kommt sehr gut an bei den verzweifelten und wütenden Menschen.

"Er hat gesagt, was wir schon seit Monaten fordern. Die ganze politische Führung muss ausgewechselt werden", sagt eine libanesische Aktivistin im französischen Fernsehen. Aber da man ja gegen die Herrschenden und ihre Truppen nichts ausrichten könne, sei die Unterstützung Frankreichs für sie so wichtig. "Dafür sind wir sehr dankbar."

Beirut - Paris des Nahen Ostens

Frankreich und der Libanon - das ist eine besondere Beziehung, schon seit vielen Jahrhunderten. Bereits die französische Krone fühlte sich als die Schutzmacht der Christen im Nahen Osten. Vor 100 Jahren übertrug der Völkerbund Frankreich das Mandat über den "Großen Libanon" - den Vorgänger der 1943 gegründeten Libanesischen Republik.

Rund ein Vierteljahrhundert hatten die Franzosen im "Großen Libanon" das Sagen, und die Libanesen erbten die französischen Verwaltungsstrukturen. Beirut galt als Paris des Nahen Ostens. Französisch ist immer noch eine Verkehrssprache, besonders unter der Elite. Während des jahrelangen Bürgerkriegs wanderten viele Libanesen nach Frankreich aus.

"Der Libanon ist eine Schwester-Nation", sagt der ehemalige sozialistische Kulturminister Jacques Lang, heutiger Präsident des renommierten "Instituts der arabischen Welt". Man habe eine über Jahrhunderte gemeinsame Geschichte, es gebe so viele menschliche und kulturelle Bindungen. "Libanon ist im Herzen aller Franzosen."

Der französische Staatspräsident Macron (r) hört einer Einwohnerin zu während er eine verwüstete Straße in Beirut besucht. Nach den verheerenden Explosionen in Beirut mit mindestens 130 Toten ist Frankreichs Staatschef Macron in der libanesischen Hauptstadt eingetroffen. | Bildquelle: dpa
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Frankreichs Staatschef Macron (r.) spricht am 06.08.2020 mit einer Einwohnerin Beiruts. Aufgrund seiner besonderen Beziehung zum Libanon berief Frankreich eine Geberkonferenz zum Wiederaufbau der Hauptstadt ein.

Frankreich koordiniert Wiederaufbauhilfe

Und so hat Frankreich jetzt auch die Koordinierungsrolle für die internationale Wiederaufbauhilfe übernommen. Die EU darf sich da nur einreihen. Und in gewisser Weise ist Macron mit seiner schonungslosen Kritik an den verkrusteten und korrupten Führungsstrukturen und der unverhüllten Forderung nach einer neuen politischen Ordnung für viele Libanesen zum symbolischen Anführer der Rebellion geworden.

Für Macron ist das ein riskanter Drahtseilakt. Und in Frankreich wirft ihm die linke und rechte Opposition prompt die Einmischung in die inneren Angelegenheiten eines anderen Landes vor. Das weist der Staatspräsident jedoch von sich: "Denjenigen, die mir Einmischung vorwerfen, sage ich ganz klar, das ist eine Forderung aus Freundschaft, keine Einmischung."

"Rolle im Interesse des Libanons wahrnehmen"

Er stelle der Führung ja kein Diktat und wolle sich auch nicht an ihre Stelle setzen. "Aber ich würde meiner historischen Verantwortung nicht gerecht, wenn ich diesem befreundeten Volk in der Not nicht zu Hilfe kommen und bei der Suche einer politischen Lösung helfen würde", sagt Macron.

Dabei geht es ihm auch um die große Strategie. Frankreich sieht sich weiter als Großmacht und will vor allem im Mittelmeeraum seine Interessen durchsetzen. Dafür ist der Libanon so etwas wie der Brückenkopf im Nahen Osten.

Macron drückt das so aus: "Wenn Frankreich seine Rolle nicht im Interesse des libanesischen Volkes wahrnehmen würde, seine Rolle als eine Macht, die an den Multilateralismus glaubt, dann würden andere Mächte - Russland, die Türkei, der Iran oder Saudi Arabien - ihre geopolitischen Interessen durchsetzen, zum Nachteil der Libanesen."

Frankreich und Libanon - eine besondere Beziehung
Martin Bohne, ARD Paris
07.08.2020 16:30 Uhr

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Über dieses Thema berichteten die tagesthemen am 07. August 2020 um 21:45 Uhr.

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