Die maltesische Journalistin Daphne Caruana Galizia  | Bildquelle: REUTERS

Sohn von Caruana Galizia "Der Staat hat meine Mutter verraten"

Stand: 17.12.2019 10:38 Uhr

Die EU will über ein Rechtsstaatsverfahren gegen Malta debattieren - als Konsequenz aus dem Mord an der Journalistin Caruana Galizia. Ihr Sohn Andrew hofft, dass die EU nun Druck macht.

Von Alexander Göbel, ARD-Studio Brüssel

Seine Augen sind blaugrau und wirken unendlich müde. Jeder Blick schmerzt Andrew Caruana Galizia, jedes Wort kostet viel Kraft. Nichts hat sich daran geändert seit dem 16. Oktober 2017. Weil dieser Tag eben alles verändert hat - der Tag, an dem eine Autobombe seine Mutter in den Tod riss.

"Diese große, mutige Vorkämpferin der Demokratie ist nicht mehr da", sagt er. "Jetzt liegt es an mir, meiner Familie, unseren Freunden, in Malta den Kampf zu kämpfen, in dem meine Mutter am Ende ganz allein war."

Kurz vor ihrem Tod hatte Daphne Caruana Galizia unter anderem eine geheime Offshore-Firma aufgedeckt: Sie gehörte Yorgen Fennech, einem Geschäftsmann in Malta mit besten Kontakten.

Fenech wurde im November unter Mordverdacht festgenommen, als er mit einer Yacht das Land verlassen wollte. Die Anschuldigung weist er zurück und belastet Keith Schembri: Der ehemalige Kabinettschef und Vertraute von Premierminister Joseph Muscat stecke hinter dem Mord. Damit steht der Vorwurf im Raum, die Bluttat sei womöglich im Amtssitz des Regierungschefs geplant worden. Dass Muscat erst im Januar zurücktreten will, lässt viele Menschen in Malta befürchten, der Premier decke nun einen der Verdächtigen und versuche, die Ermittlungen zu verschleppen.

Daphne Caruana Galizias Sohn Andrew und ihre Eltern Rose-Marie und Michael Vella verlassen das Gericht in Valletta. | Bildquelle: AFP
galerie

Daphne Caruana Galizias Sohn Andrew und ihre Eltern Rose-Marie und Michael Vella verlassen nach einer Anhörung das Gericht.

"Wo auch immer man hinschaut, sind Betrüger"

Für Daphnes Sohn Andrew ist das alles ein Offenbarungseid des Staates: "Eine Journalistin, die über Korruption recherchiert, wird dann ermordet, wenn die Institutionen längst gescheitert sind. Es ist kein Zufall, dass es eine Journalistin getroffen hat - und eben keinen Polizisten, keinen Minister, keinen Staatsanwalt, keinen Regierungschef", meint er. "Meine Mutter war die einzige, die in Malta noch übrig war. Sie hat die Verbrechen dieser Regierung aufgedeckt. Das war ihr Todesurteil."

Als Reporterin hatte sich Caruana Galizia immer mit allen angelegt. 25 Jahre bestimmte sie die Debatten - in einem kleinen Land, das als Paradies für geparkte Dollarmillionen, undurchsichtige Geschäfte, Geldwäsche und sogenannte goldene EU-Pässe für reiche Oligarchen gilt.

"Wo auch immer man hinschaut, sind Betrüger. Die Situation ist hoffnungslos", so lautet der letzte veröffentlichte Satz in ihrem Blog.

"Meine Mutter wurde ermordet, nachdem klar war, dass sie von der Polizei keinerlei Schutz erwarten konnte. Der Staat hat sie verraten", sagt ihr Sohn Andrew dazu. Das erschwere die Aufklärung des Mordes. "Genau deshalb brauchen wir die EU: Es kann nur dann Gerechtigkeit geben, wenn Europa genug Druck auf die maltesische Regierung macht."

Ein Stimmrechtsentzug kann Malta nicht "reparieren"

Die EU bemüht sich jedenfalls, Zeichen zu setzen: Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen zeigte sich besorgt über die Lage in Malta, EU-Justizkommissar Didier Reynders forderte die rasche Umsetzung einer Justizreform. Ratspräsident Charles Michel schrieb einen Brief an die Familie Caruana Galizia und sicherte Unterstützung zu.

Eine Delegation des EU-Parlaments bringt nach Gesprächen in Malta ein Rechtsstaatsverfahren ins Spiel - danach könnte Malta in letzter Konsequenz sein Stimmrecht als EU-Mitglied verlieren.

Artikel 7 des EU-Vertrags sei ein wichtiges Signal, könne aber kein System reparieren, das schon kaputt ist, erklärt Caruana Galizia. Der EU wirft er vor, aus den verschiedensten Gründen zu lange weggeschaut zu haben - man habe Malta eben auch in der Flüchtlingskrise gebraucht. Nun müsse die EU den Mut für echte Konsequenzen aufbringen. Viele der von seiner Mutter aufgedeckten Verbrechen seien schließlich europaweite Straftaten.

"Es ist naiv zu glauben, dass maltesische Geschäftsgebaren sich auf Malta beschränken. Wir sehen ganz ähnliche korrupte Verhältnisse im Balkan - und sie hängen mit Malta zusammen", sagt er. "Mir macht das Angst. Denn ich habe in den letzten zwei Jahren schon meine Heimat Malta verloren. Ich will nicht auch noch den Glauben an ein sicheres Europa verlieren."

EU soll Ursachen des Mordes bekämpfen

Andrew Caruana Galizia wünscht sich, dass die Aufklärung des Mordes am Ende auch zu neuen EU-Mechanismen für die Überwachung des Rechtsstaats führt.

Dann sei seine Mutter nicht umsonst gestorben: "Ich glaube an die Europäische Union, und wenn ich sie kritisiere, tue ich das, weil ich weiß, dass sie mehr kann", sagt er. Ich erwarte vor allem, dass die neue Kommission handelt und die Ursachen dieses Mordes bekämpft."

Die EU müsse endlich klipp und klar aussprechen, was der Mord an seiner Mutter wirklich war: "Die staatlich organisierte und finanzierte Tötung einer kritischen Journalistin".

"Korruption ist toxisch" - Die EU und der politische Mord in Malta
Alexander Göbel, ARD Brüssel
17.12.2019 09:51 Uhr

Download der Audiodatei

Wir bieten dieses Audio in folgenden Formaten zum Download an:

Hinweis: Falls die Audiodatei beim Klicken nicht automatisch gespeichert wird, können Sie mit der rechten Maustaste klicken und "Ziel speichern unter ..." auswählen.

Über dieses Thema berichtete WDR 5 im Morgenecho am 17. Dezember 2019 um 06:17 Uhr.

Darstellung: