Mohammed VI., König von Marokko, bei einer Rede zu seinem 20. Thronjubiläum | Bildquelle: AFP

20 Jahre König Mohammed VI. Es rumort in Marokkos Monarchie

Stand: 31.07.2019 16:23 Uhr

In den nun 20 Jahren seiner Regentschaft hat König Mohammed VI. in Marokko vieles bewegt. Doch Armut und Ungleichheit sind nicht beseitigt. Deshalb stellt vor allem eine Bevölkerungsgruppe die Monarchie in Frage.

Von Jens Borchers, ARD-Studio Rabat

"Gott gebe unserem Herrn ein langes Leben", rufen Bedienstete des Palastes und verbeugen sich tief vor Mohammed VI.. So geht das jedes Jahr beim Thronfest in Marokko.

Dazu gehört auch der Treueschwur der marokkanischen Würdenträger, die die Hand des Königs küssen. Marokkos König hat auch im 21. Jahrhundert eine ungeheure Machtfülle: Er ist Staatschef, Oberkommandierender der Armee und Religionsführer der marokkanischen Muslime. 

Als er vor 20 Jahren König wurde, versprach Mohammed VI., Marokko zu modernisieren. Erfolgreiche Container-Häfen, das größte Solar-Kraftwerk der Welt, Autobahnen, Industrieansiedlungen - all das ist in den vergangenen 20 Jahren entstanden. Der König habe vieles angeschoben, sagt Omar Azziman, ein langjähriger Berater des Königs der französischen Nachrichtenagentur AFP und fügt hinzu: "Alles, was nicht perfekt ist, was noch zu tun bleibt, was unzulänglich ist und nicht funktioniert, lässt uns nicht kalt."

Immer noch kann fast ein Drittel der Bevölkerung nicht lesen und schreiben. Immer noch leben offiziell vier Prozent der Menschen in Armut. Die Arbeitslosigkeit liegt demnach bei zehn Prozent, bei den jungen Menschen aber sehr viel höher.

Soziale Ungerechtigkeit bleibt ein Problem

Mustapha Sehimi ist Jurist, Historiker und Publizist. Er verfolgt seit Jahrzehnten, was Marokkos Könige tun oder nicht tun. Die tiefen sozialen Gräben in Marokko, die nach den 20 Jahren der Regentschaft von Mohammed VI. immer noch klaffen wie Wunden, sorgten für Unruhe, sagt Mustapha: "Es gibt hier Milliardäre, die wir alle kennen. Die zahlen weniger Steuern als Sie und ich."

Marokkos König selbst stellt Fragen nach der sozialen Gerechtigkeit im Land. Vor fünf Jahren sprach Mohammed VI. über die Fortschritte im Land, über Statistiken die zeigen, dass der Reichtum Marokkos gestiegen sei. Und dann stellte Mohammed VI. folgende Frage:

"Wo ist dieser Reichtum? Haben alle Marokkaner davon profitiert oder nur bestimmte Schichten? Es bedarf keiner tiefgehenden Analysen, um auf diese Frage zu antworten: Auch wenn Marokko spürbare Fortschritte gemacht hat - die Wirklichkeit zeigt, dass nicht alle Marokkaner von diesem Reichtum profitiert haben."

Soziale Medien und Tabubrüche

Marokko hat auch eine Regierung. Aber diesen Politikern traut kaum jemand über den Weg, Umfragen belegen das immer wieder. Deshalb erwarten viele, dass der allmächtige König alles richten werde. Bisher jedenfalls.

Das scheint sich nun aber zu verändern. Im Internet und den sozialen Medien sehen, hören und lesen viele Marokkaner, wie es in anderen Ländern aussieht. Vor allem viele junge Menschen vergleichen das mit der Lage zu Hause: nicht genug Jobs, eingeschränkte Freiheiten, ein autoritärer Staat. Der Wirtschaftswissenschaftler Najib Akesbi glaubt, die Stimmung bei den jungen Menschen habe sich verändert:

"Seit etwa einem Jahr sind Tabus gebrochen worden. Die Sprache, die Worte, die benutzt werden - das hat sich verändert. Und wenn ich von gebrochenen Tabus rede, sprechen wir vom König. Selbst 2011, bei den Demonstrationen damals, haben sie nur die Berater des Königs kritisiert. Aber nicht den König selbst. Jetzt aber wird die Monarchie an sich in Frage gestellt."

Noch ist Vertrauen in König da

Der Jurist, Historiker und Publizist Mustapha Sehimi glaubt allerdings, das Mohammed VI. auch nach 20 Jahren Regentschaft noch beliebt ist: "Er bleibt populär. Beachten Sie meine Wortwahl: Er bleibt populär - das bedeutet: Er war beliebt, es gab da Verluste, aber bleibt populär."

Die sozialen Ungleichgewichte, das miserable Bildungs- und Gesundheitssystem - die Bevölkerung erwartet, dass sich da etwas ändert. Und sie erwartet es vom König. Mustapha Sehimi meint: "Es gibt ein Marokko der Jahre 2030 oder 2035, das muss definiert werden."

Das ist in Marokko Sache des Königs. Nicht zuletzt deshalb haben sie beim Thronfest wieder gerufen: "Gott gebe unserem Herrn ein langes Leben."

 

Marokkos König seit 20 Jahren auf dem Thron
Jens Borchers, ARD Rabat
31.07.2019 16:03 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 30. Juli 2019 um 09:55 Uhr in der Sendung "Tag für Tag".

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