Marsch der Lebenden

Gedenken an den Holocaust in Auschwitz Der "Marsch der Lebenden" für die Opfer

Stand: 16.04.2015 15:17 Uhr

Gedenken an die Opfer des Holocaust: Zehntausende haben sich im ehemaligen Konzentrationslager Auschwitz zum "Marsch der Lebenden" getroffen, um zu erinnern und zu mahnen. Die Sorge der Teilnehmer vor neuem Rassismus ist groß.

Von Henryk Jarczyk, ARD-Hörfunkstudio Warschau

Seit mittlerweile 27 Jahren versammeln sich am Jom Hashoa Tag, dem Gedenktag der Opfer des Holocaust, Zehntausende Menschen im Konzentrationslager von Auschwitz. Es sind jedesmal ergreifende Szenen. Schweigend durchschreiten Männer und Frauen, ehemalige Häftlinge und Angehörige der Mordopfer das Eingangstor mit der Aufschrift "Arbeit macht frei". Anschließend gehen sie in das drei Kilometer entfernte Lager Auschwitz-Birkenau.

Die Teilnehmer nennen es den "Marsch der Lebenden", damit niemand die Toten vergesse. Ein Junge erzählt: "An diesem Ort sind Menschen zu Nummern geworden. Wenn wir hierher kommen, dann geben wir ihnen ihre Würde wieder zurück und erinnern daran, dass jedes Leben wertvoll ist."

In keinem anderen Lager der Nationalsozialisten wurden so viele Menschen ermordet wie in Auschwitz-Birkenau. Es dürften weit über eine Million sein. Die meisten der Opfer waren Juden aus den unterschiedlichsten Teilen Europas. Zu den in Auschwitz Getöteten zählten aber auch Polen, Sinti, Roma, sowjetische Kriegsgefangene sowie zahlreiche andere vom NS-Regime Verfolgte.

Wer das Martyrium in den Konzentrationslagern überlebt hat, ist bis heute tief gezeichnet. "Immer wieder reißen diese Erinnerungen alte Wunden auf, die uns hier zugefügt wurden. Ich habe es als kleiner Junge auf eine besonders grausame Weise erlebt. Diese Erfahrung wird mir lebenslang in Erinnerung bleiben", berichtet ein ehemaliger Häftling. Eine Frau beschreibt: "Wenn man hier ankommt, sieht man sofort im Geiste, was hier passierte. Die verhafteten Menschen und unsere Henker - die Erinnerungen werden wach. Ich komme, um jenen Ehre zu erweisen, die hier getötet wurden."

Zeichen gegen Hass und Intoleranz

Es ist schwer, das Grauen von Auschwitz begreifen zu wollen. Piotr Cywinski, Direktor des Museums von Auschwitz-Birkenau, unterstreicht, gerade deshalb sei es so wichtig, möglichst vielen Menschen an Ort und Stelle des größten Massenverbrechens aller Zeiten zu zeigen, wozu Hass und Intoleranz letztendlich führen können: "Bald wird es keine ehemaligen Häftlinge, keine Zeitzeugen mehr geben. Ich hoffe, dass die zuständigen Entscheidungsträger dafür sorgen werden, dass es in Europa schwierig bleibt, ein verantwortungsbewusster Bürger zu sein, ohne Auschwitz zu kennen."

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Überlebende des Vernichtungslagers Auschwitz (27. Januar 2015)

Zofia Wareluk

Zwei Wochen vor der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz wurde Zofia Wareluk (70) im Lager geboren. Ihre Mutter wurde in Auschwitz eingeliefert, als sie im vierten Monat schwanger war.

Erinnern, mahnen und immer wieder die Frage stellen: Wie war so etwas möglich? Eines der wichtigsten Anliegen sei, meint Auschwitz-Überlebender Marian Turski, wenn es darum gehe, vor allem junge Menschen für das Thema Rassismus heute zu sensibilisieren.

Der alljährliche "Marsch des Lebens" gehört ebenso dazu, wie die zahlreichen Seminare in der Jugendbegegnungsstätte im polnischen Oswiecim:  "Diese Begegnungsstätte ist ein Ort besonderer Kontakte für junge Menschen. Wenn wir eines Tages nicht mehr da sind, werden sie darüber entscheiden, wie man mit den Nachbarn, den Ukrainern, Litauern, Russen und Deutschen zusammenleben kann. Sie werden imstande sein, sich über die Vorurteile ihrer Väter und Großväter zu erheben. Das ist die wichtigste Aufgabe dieser Begegnungsstätte."

Jene, die den Holocaust überlebt haben, werden nicht müde zu betonen, dass der "Marsch der Lebenden" wichtig sei, damit das in Auschwitz verübte Verbrechen sich niemals wiederhole.

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