Illegale Einwanderung auf die Kanarischen Inseln Treibt EU-Fischereipolitik Senegalesen zur Schlepperei?

Stand: 02.07.2006 17:21 Uhr

Die Perspektivlosigkeit in vielen Staaten Afrikas treibt immer mehr Menschen in die Flucht nach Europa. Viele versuchen in einem Fischerboot von Senegal aus die Kanarischen Inseln zu erreichen. Die Schlepper sind oftmals Fischer - denn mit den Fahrten ist mehr Geld zu verdienen als mit dem Fischfang. An dieser Entwicklung trägt auch die EU Mitschuld, die seit Jahrzehnten die Gewässer in Westafrika leerfischt.

Von Matthias Stelte, tagesschau.de

Das große Ziel heißt Europa. Tausende junger Senegalesen träumen davon, in Europa zu leben, Geld zu verdienen und nach ein paar Jahren wieder zurückzukehren. Ein Haus für die Familie bauen und ein kleines Geschäft aufmachen.

Flüchtlinge auf einem Boot der spanischen Küstenwache
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Flüchtlinge auf einem Boot der spanischen Küstenwache

Um diesen Traum zu verwirklichen, riskieren immer mehr Senegalesen ihr Leben. Denn der vermeintlich sicherste Weg nach Europa führt sie 1200 Kilometer über das Meer auf die Kanarischen Inseln. In einer Pirogge, einem Fischerboot aus Holz, wagen sie die mehrtägige Überfahrt. Angekommen auf den Kanaren, hoffen sie den Sprung nach Spanien oder ins übrige europäische Festland zu schaffen.

So ist die illegale Einwanderung eine neue Einnahmequelle für die Fischer geworden. Als Hochseefischer kennen sie sich auf dem Meer aus. Umgerechnet 600 Euro zahlen die Menschen für eine Fahrt ins Ungewisse, ungefähr 50 Personen finden in einer Pirogge Platz. Das bedeutet viel Geld für die Fischer. Normalerweise bleiben ihnen, nach zehn Tagen Fang auf hoher See, 150 Euro, berichtet der Fischer Pape Coly Ndiaye einer Nachrichtenagentur. Dabei sind sich sowohl die Fischer als auch ihre Passagiere bewusst, welchem Risiko sie sich aussetzen. „Es ist unmöglich für uns ein Visum für Europa zu bekommen, also versuchen wir auf dem Seeweg nach Europa zu gelangen. Auch wenn wir so unser Leben riskieren“, erzählt Aly Guèye, einer der jungen Menschen, die versuchen, nach Europa zu kommen.

Fischereiabkommen bestehen seit 1981

Zu dieser Entwicklung trug auch die Europäische Union (EU) bei, und zwar direkt vor der westafrikanischen Küste. Für viele Menschen ist die Fischerei die Haupteinnahmequelle im Senegal, Fisch ist ein Grundnahrungsmittel in dem Küstenstaat. Doch die einheimischen Fischer bekamen in den vergangenen Jahren Konkurrenz: aus der EU. Seit 1981 verkauft Senegal einen Teil seiner Fischfangrechte unter anderem an die EU. Und deren hochmoderne Fangflotte fischt vor den Augen der senegalesischen Kleinfischer das Meer leer. Der Fischereiexperte Daniel Pauly erklärte kürzlich auf einer Konferenz des Word Wide Fund WWF, dass in den vergangenen 20 Jahren die Grundfischbestände in den Gewässern Westafrikas um die Hälfte zurückgegangen seien. Dieser Trend sei entlang der gesamten Westküste Afrikas zu beobachten. Als Hauptverantwortliche macht er die Flotten der EU aus, auch Russland und einige asiatische Länder tragen mit ihren kleineren Flotten Mitschuld.

Senegal

Im Senegal leben 11 Millionen Menschen, davon im Großraum Dakar knapp drei Millionen. Die Arbeitslosenquote beträgt 48 Prozent, unter den städtischen Jugendlichen bei 40 Prozent. 54 Prozent der Bevölkerung lebt unterhalb der Armutsgrenze, sie muss mit weniger als einem Dollar täglich auskommen. Fisch ist das wichtigste Exportgut des Landes.

Fischbestände schon um die Hälfte geschrumpft

Afrikanische Flüchtlinge im Auffanglager auf den Kanaren
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Afrikanische Flüchtlinge im Auffanglager auf den Kanaren

Bislang ignorierte die EU die Warnungen der Biologen, dass bald auch die einst so fischreichen Gewässer des Atlantiks nur noch wenig hergeben. Dabei verpflichtete sich die EU 2003 offiziell zu einer „nachhaltigen Entwicklung der Aquakultur“. Bestands-und Artenschutz sowie Bekämpfung der illegalen Fischerei sind zwei der zentralen Punkte dieser neuen Politik.

Das letzte Abkommen zwischen der EU und Senegal wurde 2002 abgeschlossen und umfasste ein Volumen von 64 Millionen Euro. Senegal erhält jährlich 16 Millionen Euro, im Gegenzug darf die EU mehrere Tonnen Fisch und Krebstiere monatlich abfischen. Es ist unmöglich für die senegalesischen Fischer, mit den mit Schleppnetzen ausgerüsteten Trawlern, die alles aus dem Wasser herausfischen, zu konkurrieren. Derzeit verhandeln Senegal und EU über die Verlängerung des Abkommens.

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