Vor 20 Jahren wurde Olof Palme ermordet Streitbar und mutig - ein Kämpfer für Gerechtigkeit

Stand: 29.07.2010 23:59 Uhr

Vor 20 Jahren wurde der schwedische Ministerpräsident Olof Palme erschossen. Bis heute gelang es der Polizei nicht, den Mörder ins Gefängnis zu bringen. Der streitbare Politiker Palme engagierte sich in der internationalen Friedenspolitik, ging gegen den Vietnam-Krieg auf die Straße und überzog die US-Politik mit gnadenloser Kritik.

Von Regina König, ARD-Hörfunkkorrespondentin, Stockholm

Der 1986 ermordete schwedische Ministerpräsident Olof Palme
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Der Mord an Olof Palme wurde letztendlich nicht aufgeklärt. (Archivfoto)

Olof Palme war ein mutiger, engagierter Politiker, der keinem Streit aus dem Weg ging. Ungerechtigkeit und Menschenrechtsverletzungen brachten ihn auf und machten ihn wütend, ganz gleich, wo sie geschahen. Das Franco-Regime bezeichnete er als Mörder-Bande, die Machthaber in Prag als „Kreaturen der Diktatur".

Gnadenloser Kritiker

Palme, der in den USA studiert hatte und ein großer Freund amerikanischer Freiheitsideale war, nahm 1968 nach den US-Bomben auf Hanoi an einer Demonstration gegen den Vietnamkrieg teil und sagte in einer Rundfunkansprache vier Jahre später: "Hier wird eine Nation gequält, um sie zur Unterwerfung zu zwingen. Die Bombardierungen sind ein Verbrechen, und von denen gab in der modernen Geschichte viele: Guernica, Oradour, Babij Jar, Katyn, Lidice, Sharpeville und Treblinka. Und nun ist dieser Liste ein neuer Name hinzuzufügen: Hanoi, Juli 1972."

Nicht nur durch seine scharfen Stellungnahmen, seine gnadenlose Kritik und seine Ungeduld gegenüber Unzulänglichkeiten machte sich der brilliante Palme international und zu Hause jede Menge Feinde. Weil der sozialdemokratische Ministerpräsident aus einer großbürgerlichen Familie mit Ahnen aus dem finnischen und baltischen Adel stammte, klagten Bürgerliche ihn des „Klassenverrats" an. Je nach politischem Standpunkt wurde er als warmherzig, charmant und engagiert oder als kalt, karrieresüchtig und gemein beschrieben.

"Ich glaube, er wäre stolz"

Schwedische Kinder während eines Fußballländerspiels
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Kinderleben in Schweden - eine "revolutionäre Weiterentwicklung in Olof Palmes Augen"

Unumstritten ist Olof Palmes Einsatz für eine moderne Bildungs- und Familienpolitik. Wie würde er das Schweden von heute beurteilen? Marita Ulvskog, Generalsekretärin der Sozialdemokraten: "Ich denke, Olof wäre recht zufrieden. Natürlich hätte er viele Veränderungsvorschläge, als rastloser Reformer, der er war. Ich glaube, er wäre stolz darauf, wie es heute Frauen und Kindern in Schweden geht. Frauen können ohne schlechtes Gewissen berufstätig sein und ihre Kinder werden gut betreut und entwickeln sich weiter. Und Frauen sind bei uns auch nicht mehr für die Betreuung der alten Menschen zuständig. Beides wäre in Olof Palmes Augen eine revolutionäre Weiterentwicklung im Sinne der Frauen."

Es gibt Olof-Palme-Schulen und -Straßen, ein Palme-Institut und einen Palme-Preis, der dem Andenken des schwedischen Ministerpräsidenten gewidmet ist. Olof Palme war kein fehlerfreier Held, aber ein ungemein begabter und engagierter Politiker, der Schweden auf die Weltkarte setzte. Mit Palmes unermüdlichem Einsatz als Mahner und Schlichter in aller Welt, galten die Schweden plötzlich als friedliebende und tolerante Zeitgenossen, in deren gemütlichem Volksheim alles in Ordnung war.

"Es hieß, wir hätten unsere Unschuld verloren"

Hat der Mord vor 20 Jahren den Traum von der offenen Gesellschaft beendet? Der Schriftsteller Per-Olov Enquist kann bei solche naiven Vorstellungen nur aufstöhnen: "Es hieß, wir hätten unserer Unschuld verloren. Man sagte, es wehe ein eiskalter Wind durch das Land. Das ist Unsinn. Schweden war nie ein besonders unschuldiges Land. Man weiß, dass niemand etwas weiß. Und immer, wenn in den Zeitungen von einer neuen Spur im Mordfall Palme die Rede ist, dann seufzen alle und denken: Jaha, schon wieder. Wir sind dessen müde."

Für die Familie Olof Palmes ist der Fall geklärt: Witwe Lisbeth Palme und die drei Söhne halten Christer Pettersson für den Mörder. Den Mann, der 1989 vom Amtsgericht zu lebenslanger Haft verurteilt und kurz darauf wegen Verfahrensfehlern vom Oberlandesgericht wieder freigelassen worden war.

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