Interview

Interview mit Sumaya Farhat-Nasser "Abgang Arafats zwingt Israel zum Handeln"

Stand: 27.08.2007 06:21 Uhr

Sumaya Farhat-Naser
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Sumaya Farhat-Nasser

"Der Friedensprozess muss wieder aufgenommen werden", sagt Dr. Sumaya Farhat-Nasser im tagesschau.de-Interview. Die Menschenrechtlerin ist Professorin an der Universität Bir Zeit im Westjordanland. Sie glaubt, die palästinensische Gesellschaft sei reif für Veränderungen und plädiert für eine kollektive Führung aus verschiedenen Parteien.

tageschau.de: Frau Farhat-Nasser, Jassir Arafat wird nun in Paris medizinisch behandelt. Wissen Sie, warum er ausgerechnet dort versorgt wird?

Sumaya Farhat-Nasser: Zunächst einmal bietet Paris Arafat die medizinische Versorgung, die er jetzt benötigt. Außerdem hat Frankreich die größte Bereitschaft signalisiert, Arafat aufzunehmen. Das Land hat immer gezeigt, dass es den Friedensprozess unterstützt und auch Schritte wagt, die sich andere Staaten nicht trauen. Diese Geste der Anerkennung spielt bei den Palästinensern psychisch eine große Rolle.

tagesschau.de: Israel hat Arafat die Rückkehr in die besetzten Gebiete zugesichert. Wie erklären Sie sich diese entgegenkommende Haltung?

Farhat-Nasser: In erster Linie kann man dies nicht als ein Entgegenkommen betrachten. Es ist das Recht Arafats und das Recht des palästinensischen Volkes, dass er zurückkommen kann. Ich empfinde es als positiv, dass Israel hierbei nicht störend handelt.

tagesschau.de: Braucht Scharon Arafat eigentlich, um weiterhin behaupten zu können, dass es keinen Partner für Verhandlungen gäbe?

Farhat-Nasser: Scharon handelt unabhängig von Arafat. Er wollte von Anfang an nicht verhandeln, und so wurde Arafat als das Hindernis dargestellt. Aber wir haben doch noch andere qualifizierte Politiker. Arafat ist jetzt sehr krank und wäre sowieso nicht imstande zu verhandeln. Jetzt kommt es darauf an, dass eine neue Dynamik entsteht. Dann kann sich Scharon auch nicht mehr hinter dem Vorwand verstecken, dass er keinen Partner für den Frieden hätte.

Arafat wird nach Jordanien ausgeflogen
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Arafat wird nach Jordanien ausgeflogen

tagesschau.de: Was bedeutet es politisch, dass Arafat die besetzten Gebiete nun verlassen hat?

Farhat-Nasser: Den Menschen fiel es schwer mit anzusehen, wie ihr Präsident, der quasi seit dreieinhalb Jahren im Gefängnis saß, politisch so schlecht behandelt wurde. Jetzt, wo er zur medizinischen Behandlung ins Ausland geflogen ist, trauern die Menschen zwar, aber jedem ist zugleich bewusst, dass er seine Aufgabe als politischer Führer nicht mehr wahrnehmen kann. Nun warten alle auf eine neue Führung, die den Herausforderungen gewachsen ist. Für die Menschen ist es leichter zu ertragen, dass Arafats Gesundheit ihm nicht mehr erlaubt, die politische Führung zu repräsentieren, als wenn man ihn mit Gewalt beseitigt hätte.

tagesschau.de: Ist seine Nachfolge denn schon geregelt?

Farhat-Nasser: Nein, bei uns ist es so wie überall in der Welt: Wenn ein politischer Führer geht, folgt ein anderer. Zunächst kommt eine 3-monatige Übergangsphase. Per Gesetz wird der Vorsitzende des Legislativen Rates Arafats Amtsgeschäfte übernehmen. Das ist Herr Rauhi Fattuh. Allerdings ist dieser Mensch sehr unbekannt und politisch farblos, und ich glaube nicht, dass er langfristig ein politischer Führer sein könnte.

In dieser Übergangszeit müssten die Palästinenser dann in demokratischen Wahlen eine neue Regierung wählen. Weil wir solange unter Besatzung gelebt haben, und weil Arafat die Frage seiner Nachfolge bewusst nicht erörtert hat, geht die Tendenz dahin, dass wir eine kollektive, einheitliche Führung bekämen, die aus verschiedenen politischen Parteien besteht. Wir wollen weg vom Ein-Parteien-System, wie es bis jetzt mit der Fatah gewesen ist.

Als Präsidentschaftskandidaten könnten zwei in Frage kommen: Mahmud Abbas, der frühere Premierminister, oder der jetzige Premierminister Ahmed Kurei. Ich glaube, dass die Palästinenser eher Mahmud Abbas wählen würden.

Machmud Abbas
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Mögliche Präsidentschaftskandidaten Mahmud Abbas...

Achmed Kurei
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...und Ahmed Kurei

tagesschau.de: Hätte der Nachfolger Arafats überhaupt Rückhalt im Volk oder befürchten Sie Unruhen?

Farhat-Nasser: Unruhen würde ich nicht sagen, aber es wird Streitigkeiten und Diskussionen geben. Ich finde das aber sehr gesund, denn es wird uns genauso ergehen, wie anderen Völkern in der Welt, die solche Situationen erleben. Ich glaube nicht, dass es zu blutigen Auseinandersetzungen kommen wird, denn die Menschen sind reif geworden. Jeder wusste, dass dieser Zeitpunkt kommen würde, und die Vorbereitungen sind längst getroffen - sowohl innerhalb der Fatah-Partei als auch bei der Opposition.

Arafat hatte die Autorität eines patriarchischen Übervaters, aber gleichzeitig verfügte er über die Qualifikation, verschiedene politische Parteien und Gruppen zu einigen. Ich hoffe, dass seine Nachfolger diese gute Eigenschaft von ihm übernehmen werden.

tagesschau.de: Was würde Arafats politischer Abgang für den stagnierenden Friedensprozess bedeuten?

Farhat-Nasser: Zunächst einmal hätten Israel und die USA keinen Vorwand mehr zu behaupten, dass es niemanden zum Verhandeln gäbe. Der Friedensprozess muss wieder aufgenommen werden, denn eine neue palästinensische Führung müsste Erleichterungen für das Volk erringen, um die Menschen für sich zu gewinnen. Sie müsste aber auch den Israelis zeigen, dass eine Änderung kommen muss und dass wir fähig sind, so eine Änderung zu vollziehen.

Das Gespräch führte Leila Ulama, tagesschau.de

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