Porträt Staatsfeind Nummer 1: Osama bin Laden

Stand: 20.01.2006 08:09 Uhr

Osama bin Laden (undatiertes Archivbild)
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Osama bin Laden (undatiertes Archivbild)

Seit dem 11. September jagen die USA Osama bin Laden. Er soll der Drahtzieher der Attentate in New York und Washington sein. Mit gewaltigem Aufwand fahnden die US-Polizeibehörden seitdem nach dem Top-Terroristen. Allein der Erfolg blieb bislang aus. Mal heißt es, Bin Laden sei möglicherweise tot, möglicherweise noch am Leben - mal soll er in Pakistan gesichtet worden sein, dann wieder in einem ganz anderen Erdteil. Es scheint, als ob die Vereinigten Staaten auf der Jagd nach einem Phantom seien. Wer aber genau ist "America's Most Wanted"?

Sohn aus reichem Haus

Bin Laden wurde um 1955 in der saudiarabischen Stadt Djidda bei Mekka als jüngster Sohn eines führenden Bauunternehmers Saudi-Arabiens geboren. Bin Laden wurde nach dem Tod des Vaters und dem Studium der Wirtschaftswissenschaften zu einem der Geschäftsführer des Unternehmens ernannt und übernahm als Projektmanager auch bald direkte Verantwortung. Noch 1989 bis1991 realisierte er mehrere Bauaufträge im Sudan und im südlichen Irak.

In seiner Jugend fiel Bin Laden bereits durch kompromisslose Frömmigkeit auf. Selbst die saudische Religionspolizei "Mutawwa" lehnte seine Bewerbung ab, da er oppositioneller Umtriebe verdächtigt wurde und neben staatlich anerkannten religiösen Einrichtungen auch die des Terrorismus verdächtigten ägyptischen Moslembrüder unterstützte.

Verbindung zu Afghanistan

Nach dem Einmarsch der Sowjetunion in Afghanistan im Dezember 1979 legte Bin Laden im Auftrag des saudischen Geheimdienstchefs, Prinz Turki al-Feisal, dort Nachschubwege für den Widerstand an, qualifizierte sich aber bald zum Spezialisten für Festungen und Tunnelsysteme. Im pakistanischen Peschawar rekrutierte er die Verstärkung der Widerstandskämpfer, der streng islamischen Mudschaheddin.

Spätestens 1982 nahm er als Truppenführer an den Kämpfen teil und profilierte sich bei der strategisch wichtigen Verteidigung der Stadt Jaji. Seinen legendären Ruf begründete vor allem aber seine Tapferkeit im Nahkampf. Vor Abzug der sowjetischen Streitkräfte soll Bin Laden noch 1988 etwa 20.000 Kämpfer befehligt haben.

Bruch mit Saudi-Arabien

Hatte sein Engagement in Afghanistan der Familie Prestige und Aufträge gesichert, wurde er nach seiner Rückkehr nach Djidda wegen seiner Angriffe auf das Königshaus bald zur Belastung. Während des zweiten Golfkriegs warf er 1990 König Fahd angesichts des amerikanischen Aufmarsches vor, die heiligen Stätten Mekka und Medina entweiht zu haben und forderte die Errichtung einer "Gottesstaates" sowie die Vertreibung des Westens von der arabischen Halbinsel. Außerdem verlangte er, den Ölpreis stärker als Waffe gegen den Westen zu nutzen, dessen Macht seiner Ansicht nach überschätzt werde.

Damals kam es zum Bruch mit seiner Familie. Noch vor seiner Flucht aus Saudi-Arabien 1991 übertrug sie ihm den ihm zustehenden Teil des Vermögens, einen Betrag von etwa 300 Millionen US-Dollar, den er seither weltweit investierte.

Aufenthalt im Sudan

Seine Staatsbürgerschaft verlor er 1994. Über den Jemen gelangte er in den Sudan. Dort führte Osama bin Laden neben Handelsgeschäften auch Straßenbauten aus.

Von seiner Farm bei Khartum aus soll Bin Laden aber auch Ausbildungslager im Südsudan für Guerillakämpfer geleitet haben. 1996 wurde in Khartum ein Attentat auf ihn verübt. Er wurde in London behandelt. Im selben Jahr erreichten die USA und die UNO, dass die sudanesische Regierung ihn auswies.

Rückkehr nach Afghanistan

Seit 1996 wieder in Afghanistan, errichtete Bin Laden bei Kandahar eine Festung und mehrere paramilitärische Ausbildungslager. Mit dem Wiederaufbau von Kandahar verstärkte er alte Beziehungen mit den radikalislamischen Taliban, die spätestens seit 1997 das Land großteils direkt beherrschen. Bin Laden hatte deren Oberhaupt, Mohammed Omar, bereits während der sowjetischen Besatzung Unterstützung zukommen lassen.

Mutmaßlicher Drahtzieher von Attentaten

Auf der ganzen Welt bekannt wurde Bin Laden, als er mit den Attentaten auf die US-Botschaften in Nairobi und Daressalam am 7. August 1998 in Verbindung gebracht wurde, bei denen 263 Menschen ums Leben kamen. Er selbst dementierte in Interviews eine direkte Beteiligung an den Anschlägen nicht. Zur Vergeltung entschlossen, bombardierten die USA wenige Tage später mit Marschflugkörpern ein Ausbildungslager in Afghanistan und eine Chemiefabrik im Sudan, der Verbindungen zu Bin Laden nachgesagt wurden.

Die Angriffe sollen das Prestige des Top-Terroristen bei islamistischen Gruppen aber nur noch erhöht haben. Seither wurde bekannt, Bin Laden habe schon 1988 ein Netzwerk aus Afghanistankämpfern zur Unterstützung islamischer Oppositioneller gegründet. Im März 1998 gründete er in Kandahar die Organisation "Internationale Islamische Front für den heiligen Krieg gegen Juden und Kreuzfahrer", die mehrmals als Finanzier und Basis für Terroristen genannt wurde. Zudem soll er im März und am Mai 1998 als selbsternannter Mullah eine Fatwa, einen Richterspruch, zum heiligen Krieg gegen die USA erlassen haben. In beiden Fällen berief er sich auf den göttlichen Auftrag.

Meist gesuchter Terrorist aller Zeiten

Die USA beschuldigten Bin Laden der Beteiligung an mindestens 18 terroristischen Anschlägen und erhoben im November 1998 formell Anklage gegen ihn. Noch im August forderte US-Präsident Clinton, Bin Ladens Vermögenswerte einzufrieren und verlangte vergeblich von den Taliban seine Auslieferung. Nach den Anschlägen setzten die USA für Hinweise, die zur Ergreifung Bin Ladens führen, eine Belohnung von 25 Millionen US-Dollar aus.

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