Unterstützerinnen der Proteste gegen Frauenmorde in Mexiko | Bildquelle: ARD-Studio México

Frauenproteste in Mexiko "Auch wir Frauen haben Macht"

Stand: 19.09.2020 03:49 Uhr

Tagtäglich werden Frauen in Mexiko verfolgt, vergewaltigt, umgebracht. Im März gingen Zehntausende auf die Straße, um sich zum Protest zu formieren. Durch die Corona-Krise wurde die Bewegung vorerst gestoppt - nun flammt sie wieder auf.

Von Anne Demmer, ARD-Studio Mexiko-Stadt

Von dem Balkon der Nationalen Menschenrechtskommission hängt ein Banner: "Ni una menos - Nicht eine weniger". Rund zwanzig Aktivistinnen besetzen seit mehr als einer Woche das Gebäude. Es sind vor allem Familienangehörige, darunter auch Kinder, heißt es.

Esther ist ganz in Schwarz gekleidet. Sie wurde als junges Mädchen vergewaltigt und will mit der Besetzung auch anderen betroffenen Frauen eine Stimme geben. "Hier geht es um Frauen, die umgebracht, verfolgt, vergewaltigt wurden", sagt Esther. "Sie alle wollen wir unterstützen, die Stimme für sie erheben. Die Macht haben nicht nur die Männer, auch wir Frauen haben Macht."

Keine Antworten, keine Spuren

Unter den Unterstützern vor dem Gebäude ist auch Aracelí Pérez. Sie hängt ein eingeschweißtes Bild ihrer Tochter an die Fassade der Menschenrechtskommission. Vor einem Jahr ist ihre Tochter auf dem Weg zur Schule verschwunden. Einen Tag später wurde sie tot aufgefunden. "Ganz am Anfang gab es 'Ermittlungen'", erzählt Pérez. "Dabei ist nichts herausgekommen. Die Regierung macht nichts. Die Staatsanwaltschaft macht nichts. Die Polizei macht auch nichts. In einem Jahr gab es keine Ermittlungsfortschritte. Es gibt keine Antworten. Keine Spuren. Es gibt nichts."

Alle zwei Wochen sucht Pérez die Behörden auf - vergeblich. Der Täter läuft nach wie vor frei herum. Sie fordert Gerechtigkeit für ihre Tochter und die vielen anderen Frauen. Etwa zehn Frauen fallen täglich in Mexiko der Gewalt zum Opfer.

Zehntausende im März auf der Straße

Zuletzt im März gingen Zehntausende Frauen auf die Straße, um gegen brutale Frauenmorde, sexuelle Gewalt und fehlende Unterstützung zu protestieren. Sie legten für einen Tag die Arbeit nieder, blieben zu Hause, um ein Zeichen zu setzen. Dann kam die Pandemie, der Protest fand nur virtuell statt. Langsam beginnt sich nun auch wieder der Protest auf der Straße zu formieren.

Leila hat sich solidarisiert. Zusammen mit Freundinnen bringt die 19-jährige Studentin Pizza, Wasser und Hygiene-Artikel für die Aktivistinnen. "Früher hätten wir unsere Stimme nicht erhoben", erzählt sie. "Irgendwie war es normal, dass wenn meine Freundinnen und ich durch die Straßen laufen, Männer uns verfolgten. Durch die Aktivistinnen fühlen wir uns ermutigt, es muss sich etwas ändern. Wir wollen schließlich frei leben. Jetzt habe ich eine lange Hose an, mir ist eigentlich zu warm. Aber mit einer kurzen Hose würde mir vielleicht was passieren, ich würde mich nicht wohl fühlen."

"Wir sind die Frauen von Mexiko"

Seit Tagen besetzen die Aktivistinnen die Nationale Menschenrechtskommission. In ihrer Wut haben sie die Gemälde der Nationalhelden beschmiert. Der mexikanische Präsident Andrés Manuel López Obrador reagierte prompt, ging allerdings nicht auf die eigentlichen Forderungen der Frauen ein. "Ich respektiere alle Demonstrationen, aber ich bin nicht einverstanden mit Gewalt und Vandalismus", sagt er. "Wer das Bild unseres Revolutionshelden Maderos verunstaltet, kennt entweder die Geschichte nicht oder ist konservativ."

Der mexikanische Präsident unterstütze die Frauen nicht, kritisiert Araceli Pérez. "Ihm geht es nur darum, seine vier Wände zu schützen", sagt sie. "Es geht ihm um sein Prestige, um sein Bild nach außen. Aber hier geht es doch darum, diejenigen zu schützen, die Hilfe benötigen. Wir sind die Frauen von Mexiko", sagt die Mutter leise, als hätte sie kaum Hoffnung, die Wahrheit über den Tod ihrer Tochter jemals zu erfahren.

Mexiko: Protest gegen Frauenmorde
Anne Demmer, ARD Mexiko-Stadt
19.09.2020 06:30 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk Kultur am 09. September 2020 um 18:30 Uhr.

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