Baustelle des Bahnprojektes "Tren Maya" in Mexiko | Bildquelle: ARD-Studio Mexiko

Zugstrecke Tren Maya in Mexiko Protest gegen ein Milliarden-Projekt

Stand: 12.09.2020 10:26 Uhr

Für umgerechnet rund 5,4 Milliarden Euro soll auf der mexikanischen Halbinsel Yucatán ein Mega-Bahnprojekt entstehen: der sogenannte Maya-Zug. Die 1500 Kilometer lange Strecke entlang historischer Stätten soll den Tourismus ankurbeln. Doch dagegen regt sich Protest - inmitten der Corona-Krise.

Von Anne Demmer, ARD-Studio Mexiko-Stadt

Maria läuft barfuß, gestützt auf einen Wanderstock, die Schienen entlang. Durch ihren Ort fährt bereits ein Zug. Diese Schienen sollen gegen neue ausgetauscht werden. Für den Tren Maya  muss die 60-jährige Maya-Indígena ihr Haus räumen.

Ob sie eine Entschädigung bekommt, wann sie umgesiedelt wird, weiß sie nicht. Die Regierung habe kein Geld, wurde ihr gesagt. Sie macht sich große Sorgen, genau wie viele Anwohner und Ladenbesitzer, die an der geplanten Strecke leben und arbeiten.

Maria wohnt an den Schienen. | Bildquelle: ARD-Studio Mexiko
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Die 60-jährige Maria wohnt neben den Schienen.

Genau deswegen will sich auch Rosa wehren. Sie hat sich mit 16 weiteren Indígena-Gemeindevertretern, die rund um die archäologischen Stätten von Palenque leben, zusammengeschlossen und eine Beschwerde beim lokalen Gericht eingereicht. Ihren richtigen Namen will sie lieber nicht nennen, aus Angst vor Repressalien. Sie seien nie informiert worden, beschwert sie sich, obwohl sie doch ein Recht auf Information hätten. Auch bei einer offiziellen Befragung zum Zugprojekt seien sie nicht berücksichtigt worden. Die Lebensgrundlage vieler Menschen werde zerstört, Hunderte müssten ihre Häuser aufgeben, meint Rosa.

Der Präsident will es so

Der Tren Maya ist das Lieblingsprojekt des mexikanischen Präsidenten Andrés Manuel López Obrador, das er auch in der Corona-Krise stoisch vorangetrieben hat. Immer wieder wurde er für seinen laxen Umgang mit der Pandemie kritisiert. Während die Bevölkerung im Lockdown zu Hause bleiben sollte, tourte der mexikanische Präsident nach Yucatán, um das Startsignal für die Bauarbeiten für den Tren Maya zu geben.

Die Region sei lange nicht beachtet worden, sagte er, ein Großteil habe brach gelegen, deshalb seien viele Menschen weggezogen, sagte er. Das Zugprojekt solle nun viele Arbeitspätze schaffen, denn: "Mit dem Zug wird man die Möglichkeit haben, die alten archäologischen Maya-Stätten und gleichzeitig die neuen Städte in der Region kennenzulernen."

Mexikos Präsident Obrador winkt bei einer Veranstaltung zum künftigen Zug Tren Maya | Bildquelle: picture alliance/dpa
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Mexikos Präsident López Obrador winkt bei einer Veranstaltung zum "Maya-Zug"

Das Versprechen: Arbeit

Mehr als 80.000 Arbeitsplätze sollen mit dem Tren Maya entstehen, der Tourismus angekurbelt werden, gleichzeitig soll er als Güterzug fungieren und als Transportmittel für die lokale Bevölkerung dienen.

Die Direktorin der Nichtregierungsorganisation Pronatura in Mérida, Maria Andrade, ist nicht per se gegen den Zug, doch für sie hat das aktuelle Konzept weder Hand noch Fuß. Es gebe keine Strategie, die lokale Bevölkerung auf den Tren Maya vorzubereiten. Die Menschen müssten für den Tourismus ausgebildet werden - sie müssten Englisch und den Umgang mit sozialen Medien lernen.

Die Folgen für die Umwelt

Auch der Regenwald in der Region, die zweitgrößte grüne Lunge des Kontinents nach dem Amazonas, sei in Gefahr. Für die neue Bahnstrecke müssen Bäume gefällt werden, 600 Hektar Regenwald sind betroffen, neue Siedlungen sollen neben archäologischen Städten entstehen.

Die Pläne bedrohen nicht nur Tiere und Fauna, sondern damit werde auch das bereits bestehende Wasserproblem verschärft. Und das betreffe dann den Tourismus, die Landwirtschaft und die Wirtschaft in der Region: "Wir kennen das aus dem Norden des Landes, welche Konflikte das Thema Wasser in sich birgt."

Ein Arbeiter freut sich

Währenddessen baut José Pérez Hernández in Palenque bereits an der Zugstrecke für den Tren Maya. Die Sonne brennt auf ihn herab. Er trägt Mundschutz, einen blauen Bauhelm, dicke Handschuhe. Eine "super Idee" sei das Projekt, die Leute in Chiapas würden davon profitieren, glaubt er. Durch den Tren Maya gebe es viel Arbeit in einer Region mit hoher Erwerbslosigkeit.

Hernández verdient jetzt mehr als in seiner vorherigen Tätigkeit als Maurer, 400 Pesos am Tag, umgerechnet 15 Euro für harte Arbeit. Zwei Jahre lang werde er für den Tren Maya gebraucht, kalkuliert José. Wie es danach weitergeht, weiß er nicht. Hört man sich entlang der Strecke um, gibt es viele, die große Hoffnungen in den Zug setzen.

Bauarbeiter José Pérez Hernández. | Bildquelle: ARD-Studio Mexiko
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Freut sich über das Bahnprojekt: Bauarbeiter José Pérez Hernández.

Sechs Beschwerden wurden allerdings auch in den vergangenen Monaten von Indígena-Gemeinden und Organisationen eingereicht. Eine Gruppe hat auf einem Streckenabschnitt damit sogar einen Baustopp erreicht, ein Gericht gab ihnen Recht.

Präsident greift NGOs an

Dem mexikanischen Präsidenten ist das ein Dorn im Auge. Er wirft den Indigenen vor, dass sie mit Hilfe von ausländischer Unterstützung den Maya-Zug boykottieren. "Ich habe die Information über all die angeblich unabhängigen Organisationen der sogenannten Zivilgesellschaft erhalten, die Geld bekommen, einige davon aus dem Ausland, damit sie sich gegen den Tren Maya stellen. Sie verkleiden sich für Geld als Umweltschützer oder Menschenrechtler."

Der Vorwurf richtet sich auch gegen die grünennahe Heinrich-Böll-Stiftung, die auch zwei Organisationen unterstützt, die Beschwerden gegen das Mega-Projekt eingereicht haben.

Der Büroleiter Dawid Bartelt sieht die wachsende Gefahr, dass der Raum für kritische Stimmen gegen "AMLO", wie der mexikanische Präsident kurz genannt wird, immer mehr eingeschränkt wird. Der Präsident gehe nicht zum ersten Mal gegen Organisationen vor, die er die "sogenannte Zivilgesellschaft" nennt. "Das tut AMLO, weil diese ihm sehr unbequem sind, weil sie ihn kritisieren, als ob Opposition per se verboten sei, als ob vom Ausland Geld zu bekommen per se verboten sei und schon Vaterlandsverrat ist." Genauso wurden unliebsame Journalisten in der Vergangenheit immer wieder  massiv vom mexikanischen Präsidenten kritisiert.

Mitspracherecht gefordert

Auch Rosa hat mit ihren Mitstreitern eine Beschwerde eingelegt. Ihr Ziel: Mitspracherecht für die indigene Bevölkerung. Sie hofft, dass sie am Ende damit erfolgreich ist. Statt inmitten der größten Wirtschaftskrise in den Tren Maya zu investieren, solle der mexikanische Präsident die 5,4 Milliarden Euro besser in andere Projekte stecken, gerade in Pandemie-Zeiten.

"Wenn AMLO wirklich seine Landsleute liebt, so wie er es immer wieder betont, warum fängt er dann nicht einfach an, sich um ein besseres Gesundheitssystem zu kümmern?", fragt sie. Sie wird weiter darum kämpfen, sich Gehör zu verschaffen.

Tren Maya - Konflikt um ein Mega-Projekt
Anne Demmer, ARD Mexiko-Stadt
12.09.2020 15:32 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk Kultur am 09. September 2020 um 18:50 Uhr in der Sendung "Weltzeit".

Korrespondentin

Anne Demmer  | Bildquelle: Klaus Dieter Freiberg Logo rbb

Anne Demmer, rbb

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