Menschen gehen über einen Markt in Mexiko-Stadt | Bildquelle: AFP

Fettleibigkeit und Diabetes Mexikos erhöhtes Corona-Risiko

Stand: 15.06.2020 15:12 Uhr

Gut 17.000 Menschen sind in Mexiko an Covid-19 gestorben. Warum trifft die Pandemie das Land so hart? Eine mögliche Erklärung: Tacos, Chips und Cola - die schlechte Ernährung.

Von Anne Demmer, ARD-Studio Mexiko-Stadt

Am 25. April kam Javier Celestino ins Krankenhaus. Der 50-Jährige hustete, hatte Fieber, bekam kaum noch Luft und drohte zu ersticken. Celestino war an Covid-19 erkrankt: "Ich hatte Angst, es gab diese Gerüchte. Es hieß, wenn man einmal im Krankenhaus ist, kommt man nicht mehr lebendig wieder heraus."

Seine Angst war nicht ganz unbegründet. Celestino ist Risikopatient, Diabetiker und fettleibig. Es gab Zeiten, da brachte er mit seinen 1,68 Meter 96 Kilogramm auf die Waage. Vor sechs Jahren kam Diabetes dazu.  

Diabetes - weit verbreitet in Mexiko

Der Arzt Sergio Hernández vom Zentrum für Ernährungsmedizin in Mexiko-Stadt hat genau mit solchen Fällen in diesen Tagen täglich zu tun. Nicht nur ältere Menschen litten unter schweren Verläufen, sondern genauso auch junge Menschen mit Diabetes, bestätigt er: "Wir sehen, das viele Diabetespatienten unter 40 Jahren dem Coronavirus ausgeliefert sind." Diabetes sei in Mexiko eine weit verbreitete Krankheit und erhöhe die Gefahr, an Covid-19 zu sterben, selbst wenn der Patient jünger als 65 Jahre ist.

Ähnlich wie mit Diabetes sehe es mit Fettleibigkeit aus. Offizielle Zahlen im Mai belegen, dass sieben von zehn Menschen, die in Mexiko an Covid-19 gestorben sind, unter Fettleibigkeit, Diabetes oder Bluthochdruck litten.

Cola, Tacos, Chips: Die Mexikaner leben ungesund. Laut der letzten Erhebung aus dem Jahr 2018 haben rund zehn Prozent der Bevölkerung Diabetes. Unter Fettleibigkeit leiden 40 Prozent der Frauen und 30,5 Prozent der Männer. Mexiko und die USA liegen im weltweiten Vergleich bei Fettleibigkeit laut OECD ganz vorne.

Wohl eine hohe Dunkelziffer

Nach wie vor gibt es zu wenige Tests. Und bei mehr als 140.000 Menschen, die sich mit dem Coronavirus infiziert haben, ist insgesamt von einer hohen Dunkelziffer auszugehen. Das räumt auch die Regierung ein.

Von den bisher bestätigt Erkrankten starben fast zwölf Prozent. Eine Ursache ist sicher die schlechtere medizinische Versorgung, das unterfinanzierte Gesundheitssystem, doch auch die Ernährung ist ein Faktor.

Ein neuer Schritt ab Oktober

Gesundheitsstaatssekretär Hugo López-Gatell Ramírez sieht angesichts der Pandemie einmal mehr Handlungsbedarf: "Wir haben ein Überangebot an ultraverarbeiteten Produkten, ohne viele Nährwerte, aber sehr kalorienhaltig." In der Wissenschaft gebe es keinen Zweifel daran, dass eine derartige Ernährung Diabetes, Fettleibigkeit und Bluthochdruck fördere. Mit 60 Akteuren aus dem öffentlichen Bereich wolle man strukturelle Veränderungen anschieben. "Unser erster Erfolg: Ab Oktober muss auf Produkten genau ausgewiesen sein, wieviel Salz, Fett, Zucker und Kalorien sie beinhalten."

Auf lange Sicht der richtige Schritt, für die Corona-Krise aber zu spät. Javier Celestino hat sich vom Coronavirus wieder erholt, arbeitet wieder auf dem Markt. Doch viele Menschen um ihn herum seien bereits am Covid-19 gestorben, berichtet er: Nachbarn, entfernte Verwandte und auch Jugendfreunde.

Darunter seien auch Leute, die jünger waren als er, weil sie nicht zum Arzt gehen wollten, sagt er. "Und irgendwann war es zu spät. Wir verstehen es nicht, solange es uns nicht selbst passiert."


Mexikos Fettsucht - Risikofaktor in Corona-Zeiten
Anne Demmer, RBB
15.06.2020 14:25 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 15. Juni 2020 um 08:26 Uhr.

Korrespondentin

Anne Demmer  | Bildquelle: Klaus Dieter Freiberg Logo rbb

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