Peter Isely von der Opferorganisation SNAP spricht bei einer Mahnwache vor der Engelsburg. | Bildquelle: GIUSEPPE LAMI/EPA-EFE/REX

Missbrauchsopfer in Rom "Sie haben mir den Glauben gestohlen"

Stand: 22.02.2019 00:08 Uhr

In Rom beraten die katholischen Bischöfe über Maßnahmen gegen Missbrauch in der Kirche. Dabei reden sie vor allem über die Täter - die Opfer beklagen, dass sie nur eine Nebenrolle spielen.

Von Tilmann Kleinjung, ARD-Studio Rom

Sie sind die Gesichter dieses Gipfels: Frauen und Männer, die als Kinder von Priestern missbraucht wurden. Während die Bischöfe hinter verschlossenen Türen beraten, werden die Überlebenden nicht müde, vor den Vatikantoren ihre Geschichte zu erzählen.

Viele versuchten, sich das Leben zu nehmen

Alessandro Battaglia wurde mit 15 von einem Priester sexuell missbraucht. "Jeder von uns hat mindestens einmal versucht, sich das Leben zu nehmen", sagt er. Nur mit viel Mühe schafft er es, über das Trauma seines Lebens zu sprechen. Er, der in seiner Jugend in der Kirche aktiv war, als Pfadfinder und als Jugendleiter, hat seinen Glauben verloren. "Sie haben mir den Glauben gestohlen. An eine Kirche, einen Gott, der so etwas zulässt, kann ich nicht mehr glauben."

Bei der Gerichtsverhandlung gegen den Mann, der Battaglia vergewaltigte, kommt heraus, dass der Weihbischof damals empfohlen hat, den Täter zu versetzen. "In Italien gibt es fünf Bischöfe, die vor Gericht zugegeben haben, pädophile Priester in andere Gemeinden versetzt zu haben, die also wie in meinem Fall Taten vertuscht haben", erzählt Battaglia.

Missbrauchsopfer Alessandro Battaglia spricht bei einer Mahnwache vor der Engelsburg. | Bildquelle: GIUSEPPE LAMI/EPA-EFE/REX
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Mit 15 wurde Alessandro Battaglia von einem Priester missbraucht.

Wie ernst meint es die Kirche?

Der damals zuständige Weihbischof ist heute Erzbischof von Mailand, ein wichtiger Mann in der katholischen Kirche Italiens. An Fällen wie diesen will Peter Isely von der Opferorganisation SNAP den Papst und die Bischöfe messen.

Wenn die Kirche es wirklich ernst meint mit Null Toleranz, so Isely, beginnt nach der Konferenz am Montag eine neue Zeitrechnung. "Am Montagmorgen müssen die Bischöfe beauftragt werden", fordert er. "Wenn es in ihrer Diözese Priester gibt, die sexuelle Übergriffe auf Kinder begangen haben, müssen die am Montagnachmittag aus ihrem Amt entlassen werden. Und Bischöfe, die Verbrechen gedeckt haben, müssen von Verantwortungspositionen entfernt und in einem zweiten Schritt auch aus der Priesterschaft entlassen werden."

Reinhard Kardinal Marx, Deutsche Bischofskonferenz, über Inhalte der Konferenz im Vatikan
tagesthemen 22:15 Uhr, 21.02.2019

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"Wir sind viele"

Am Abend treffen sich Missbrauchsopfer in einem Park an der Engelsburg in Rom - in Sichtweite zum Vatikan, wo zur selben Zeit die Bischöfe tagen. Mit dabei ist auch Matthias Katsch. Er wurde als Schüler von Patres im Berliner Canisius Kolleg missbraucht. Vor neun Jahren kam heraus, was ihm und seinen Mitschülern passiert ist. Spätestens seitdem steckt auch die deutsche Kirche in der Missbrauchskrise.

Unabhängig von den Ergebnissen ist für Katsch die Bischofskonferenz in Rom schon ein kleiner Erfolg. Er glaubt, "dass mit diesem Moment auch Befreiung für viele Leute verbunden ist, die diese Last endlich hinter sich lassen wollen". Sie merkten jetzt: "Du bist nicht allein, wir sind viele. Und zusammen haben wir es auch geschafft, dass diese Herren dort im Vatikan jetzt endlich über die Themen reden müssen, und jetzt hoffen wir, dass sie auch zum Handeln kommen."

Missbrauchskonferenz im Vatikan: Kann die Kirche glaubwürdig aufklären?
tagesthemen 22:15 Uhr, 21.02.2019, Michael Schramm, ARD Rom

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Die Hoffnung, doch noch teilzunehmen, bleibt

Katsch ist wie viele Opfervertreter enttäuscht, dass Überlebende bei dieser Konferenz nur eine Nebenrolle spielen. Wie Kirche Missbrauch in den eigenen Reihen bekämpfen muss, würde er gerne den Konferenzteilnehmern persönlich sagen, vor allem einem Mann: "Stellen sie sich vor", sagt Katsch, "der Papst öffnet morgen den Petersdom und sagt: Alle Betroffenen kommt her, ich empfange euch, ich höre euch zu!"

Aus vielen Nationen sind Missbrauchsopfer in diesen Tagen nach Rom gereist. Für viele von ihnen ein enormer Kraftakt, auch finanziell. Und die Hoffnung, dass Überlebende diese Konferenz nicht nur begleiten, sondern am Ende auch an ihr teilnehmen, haben sie noch nicht aufgegeben.

Um sie geht es: Wie erleben Opfer die Missbrauchskonferenz?
Tilmann Kleinjung, ARD Rom
21.02.2019 23:29 Uhr

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Über dieses Thema berichteten die tagesthemen am 21. Februar 2019 um 22:15 Uhr.

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