Molenbeek | Bildquelle: picture alliance / Winfried Roth

Brüssels Problemviertel Gefürchtetes und geliebtes Molenbeek

Stand: 23.04.2018 09:33 Uhr

Das Viertel, in dem der mutmaßliche Drahtzieher der Anschläge von Paris und Brüssel aufwuchs, gilt als "Dschihadisten-Brutstätte". Und so einfach wird der Bezirk dieses Image nicht los.

Von Kai Küstner, ARD-Studio Brüssel

Wenn es so etwas wie einen "echten Molenbeeker" gibt, dann ist es Mohamed El Bachiri. Seit seiner Geburt lebt der 37-Jährige hier und hat in all den Jahren diesem Stadtteil Brüssels nie den Rücken gekehrt.

So schockiert wie der Rest der Welt

"Wenn man Zeitung liest, könnte man denken, dass wir hier in Kabul leben - aber das ist nicht wahr", sagt der Belgier mit marokkanischen Wurzeln. Schließlich seien die Bewohner hier genauso schockiert über die Anschläge von Paris und Brüssel gewesen wie der Rest der Welt.

Mohamed El Bachiri | Bildquelle: ARD Brüssel
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Mohamed El Bachiri hat seine Frau durch die Brüsseler Terrorattacke verloren - und setzt dennoch dem Hass seinen "Dschihad der Liebe" entgegen.

"Es hat hier schon immer soziale und wirtschaftliche Schwierigkeiten gegeben, Probleme mit Kleinkriminellen. Und mit einer radikalisierten Minderheit, die zwar nicht nur aus Molenbeek kommt, aber auch", gibt El Bachiri zu. Er selbst versucht dazu beizutragen, dass sein geliebter Stadtteil das Image der "Dschihadisten-Brutstätte" wieder los wird.

Erst an diesem Wochenende hielt er in dem von marokkanischen Einwanderern geprägten Viertel eine gemeinsame Lesung mit einem jüdischen Freund ab. Beide haben die für sie extrem traumatisierenden Anschläge in Brüssel mit Büchern zu verarbeiten versucht. Der Freund verlor bei den Terrorattacken ein Bein, El Bachiri musste den Verlust der Liebe seines Lebens und Mutter seiner drei Kinder verkraften.

"Die Realität ist: Es gibt Jugendliche, die viel Wut in sich tragen. Die anfällig sind für die Propaganda der Dschihadisten. Die ihren Hass auf andere noch nähren", sagt er. Diesen Jugendlichen, den Menschen überhaupt müsse man die Möglichkeit geben, in Diskussionen ihren Frust loszuwerden, findet El Bachiri.

Kampf gegen Radikalisierung braucht Zeit

Es ist viel passiert in Molenbeek seit den Terroranschlägen: Der Staat versucht es mit Entradikalisierungsprogrammen. Im Verborgenen arbeitende Moscheen wurden geschlossen. Die Polizei ist aufgestockt worden, soll sich vor allem um direkten Kontakt zu den Bewohnern bemühen.

Francoise Schepmans | Bildquelle: picture alliance / Jean Marc Her
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Bürgermeisterin Francoise Schepmans weiß, dass noch sehr viel Anstrengungen nötig sind, bis Molenbeek ein "normaler Stadtteil" wird.

"Der Kampf gegen die Radikalisierung braucht Zeit. Und damit Molenbeek ein 'ganz normaler Stadtteil' wird, ist sehr viel Anstrengung nötig." So nüchtern sieht die Bürgermeisterin Molenbeeks, Francoise Schepmans, die Dinge.

Sie weiß sehr genau, dass es dauern wird, bis ihr Bezirk sein doppelgesichtiges Image abschütteln kann: Es gibt das eine Molenbeek mit den angesagtesten Clubs und dem beliebtesten Wochenmarkt Brüssels. Und das andere Molenbeek, aus dem Dutzende sich auf den Weg nach Syrien machten, um sich dem "Islamischen Staat" und den "Dschihadisten" anzuschließen.

"Der Hass darf niemals siegen!"

Dem versucht El Bachiri das entgegenzusetzen, was er selbst "Dschihad der Liebe" nennt: "Wir müssen den Jugendlichen die Werkzeuge mitgeben, die es ihnen ermöglichen, nachzudenken und Kritik zu üben, auch an sich selbst. Und vor allem: Frieden, Harmonie und Liebe zu lernen."

Dass sich Mohamed El Bachiri selbst nicht vom Hass hat verzehren lassen, nachdem die Terroristen ihm mit seiner Frau das nahmen, was ihm am kostbarsten war, hat auch viel mit seinen drei Kindern zu tun: Die sollten lernen, sagt er, dass der Hass am Ende niemals siegen dürfe.

Gefürchtetes, geliebtes Molenbeek - El Bachiri erzählt
Kai Küstner, ARD Brüssel
23.04.2018 08:20 Uhr

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Dieser Beitrag lief am 23. April 2018 um 10:10 Uhr auf Inforadio.

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