Proteste in Ulaanbaatar, der Hauptstadt der Mongolei | Bildquelle: BYAMBASUREN BYAMBA-OCHIR/EPA-EFE

Innere Mongolei "Kultureller Genozid" im Norden Chinas?

Stand: 08.09.2020 14:51 Uhr

Mehrere Fächer sollen in der Inneren Mongolei auf Geheiß Pekings nur noch auf Chinesisch unterrichtet werden. Der Protest nicht nur in der Region ist groß - die chinesische Staatsführung reagiert massiv.

Von Steffen Wurzel, ARD-Studio Shanghai

Die Videos, die seit Anfang vergangener Woche online sind, zeigen Tumulte auf Straßen, auf Schulhöfen und vor Polizeiwachen. Schülerinnen, Schüler, Eltern und Anwohner diskutieren lautstark, legen sich mit Polizisten an und blockieren den Eingang zu Schulen. Diese und ähnliche Aktionen gab es vergangene Woche in zahlreichen Städten im chinesischen Landesteil Innere Mongolei.

Video-Still im August 2020 aufgenommenen: Eltern protestieren hinter einer Polizeilinie vor einer Schule in Tongliao (Innere Mongolai, China) | Bildquelle: AP
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Protest in Hohhot, Hauptstadt der Inneren Mongolei in China.

Der Protest richtet sich gegen neue Vorgaben für mongolisch-sprachige Schulen in der Inneren Mongolei. In dem nördlichen Landesteil Chinas leben rund 25 Millionen Menschen, gut ein Fünftel sind ethnische Mongolen. Diese schicken ihre Kinder häufig auf spezielle mongolisch-sprachige Schulen. Chinas Staatsführung hat zum Schuljahresbeginn am 1. September überraschend angeordnet, dass an diesen Schulen mehrere Fächer künftig nicht mehr auf Mongolisch unterrichtet werden dürfen, sondern nur noch auf Chinesisch.

Mongolen fürchten um ihre kulturelle Identität

Konkret betrifft es Politik, Literatur und Geschichte. Fächer also, bei denen bisher über die mongolische Sprache und die Schrift auch sehr viel mongolische Kultur vermittelt wurde. Entsprechend sind traditionsbewusste Menschen nun sehr aufgebracht. "Der Widerspruch innerhalb der mongolischen Bevölkerungsgruppe ist sehr groß", sagt ein prominenter mongolischer Künstler, der aus Furcht vor Repressionen annonym bleiben möchte. "In allen Bereichen der Gesellschaft regt sich Widerstand. Journalisten des staatlichen Fernsehens, Lehrer, und Eltern haben Petitionen unterschrieben, die dazu auffordern, die neuen Regeln zurückzunehmen."

Doch danach sieht es nicht aus, im Gegenteil. Chinas Staats- und Parteiführung ist in den vergangenen Tagen massiv gegen Schulstreiks und Protestaktion in der Inneren Mongolei vorgegangen. Organisatoren von Online-Petitionen und Chatgruppen zum Thema wurden bedroht und teils festgenommen. Mitarbeitern des öffentlichen Dienstes, deren Kinder beim Schulstreik mitmachen, wurde mit Kündigung gedroht. Streikenden Schülerinnen und Schüler droht der Schulverweis. Außerdem wurde die Online-Zensur massiv ausgeweitet. Die einflussreiche mongolischsprachige Social-Media-App namens Bainu wurde von den chinesischen Behörden kurzerhand abgeschaltet.

Proteste vor dem  Außenministerium in Ulaanbaatar, der Hauptstadt der Mongolei. | Bildquelle: AFP
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In Ulan-Bator, der Hauptstadt des unabhängigen Staates Mongolei, sorgen sich Mongolen um ihre ethnischen Vewandten in China.

"Ich nenne das kulturellen Genozid"

"Chinas Führung ist völlig verrückt geworden," urteilt der innermongolische Aktivist Xi Haiming, der Mitte der 1990er-Jahre ins Exil nach Deutschland flüchtete und heute in Köln lebt.

"Eine rational-denkende Regierung mit einem rechtsstaatlichen System würde so etwas niemals tun. Die chinesische Verfassung garantiert die Gleichheit aller ethnischen Gruppen und auch das Recht der ethnischen Minderheiten, ihre Sprachen zu sprechen." Xi Haiming befürchtet, dass die Entwicklung in der Inneren Mongolei in eine ähnliche Richtung gehen könnte wie bereits in Tibet und Sinkiang. "Bei den gegenwärtigen Protesten geht's um den Schutz von Werten, Würde und Kultur der Mongolen. Sie wollen die Zerstörung ihrer Kultur verhindern. Ich nenne das, was sich dort anbahnt, einen kulturellen Genozid."

Peking fürchtet die Minderheiten an den Rändern Chinas

Das Vorgehen der kommunistische Führung in Peking passt ins Gesamtbild. Sie drängt die kulturellen Merkmale vieler ethnischer Volksgruppen in China seit Jahren systematisch zurück. "China hat eine große kulturelle Vielfalt zu bieten, mit unterschiedlichsten ethnischen Volksgruppen, die ihre eigene Sprache sprechen und schreiben", sagt der mongolisch-chinesische Künstler. "Eigentlich könnte diese kulturelle Vielfalt Chinas Image dienen. Das ist doch nichts Negatives."

Doch Chinas Führung sieht in zu stark ausgeprägter regionaler Identität vermeintliche Gefahren. Die Angst vor einem Kontrollverlust ist in Peking groß. So warnt die Kommunistische Partei immer wieder vor möglichen Unabhängigkeitsbestrebungen einzelner Landesteile. Das harte Vorgehen haben in den vergangenenen Jahren vor allem Tibeter und Uiguren zu spüren bekommen.

Peking behindert die Berichterstattung

Die in China vollständig vom Staat kontrollierten Medien ignorieren die Proteste im Norden des Landes fast vollständig. Ausländische Journalisten wurden in den vergangenen Tagen massiv bedrängt und zum Teil sogar von der chinesischen Polizei festgehalten, wenn sie vor Ort recherchiert hatten.

Regierungssprecherin Hua Chunying verteidigte in Peking die neuen Sprachregeln: Eine gemeinsam gesprochene und geschriebene Sprache sei ein Symbol der nationalen Souveränität, sagte sie. Der chinesische Landesteil Innere Mongolei besitzt auf dem Papier einen Autonomiestatus. De facto werden aber alle wichtigen politischen Entscheidungen von der Staats- und Parteiführung in Peking gefällt. An den chinesischen Landesteil Innere Mongolei grenzt der unabhängige Staat Mongolei. Dieser wird – anders als China - demokratisch regiert.

Beschränkungen für mongolisch-sprachige Schulen in China
Steffen Wurzel, ARD Shanghai
08.09.2020 18:20 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 08. September 2020 um 08:26 Uhr.

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