Siegesparade in Moskau | Bildquelle: AFP

Mögliche US-Truppenverlegung Gefährlich - und ein bisschen willkommen?

Stand: 09.06.2020 14:50 Uhr

Eine US-Truppenverlegung würde russische Sicherheitsinteressen berühren. Doch sind die Pläne für den Kreml wirklich bedrohlich oder klammheimlich willkommen?

Von Ina Ruck, ARD-Studio Moskau

Dass der amerikanische Präsident über eine Verlegung einiger Truppen aus Deutschland nach Polen nachdenkt, ist nicht neu. Trump hatte das seinem Staatsgast, dem polnischen Präsidenten Andrzej Duda, schon vergangenen Sommer in Aussicht gestellt.

Duda wünscht sich ohnehin eine permanente Militärbasis im Land, die er dann "Fort Trump" nennen will - Polen sieht in einer amerikanischen Präsenz vor allem einen Schutz gegen Russland. Die beiden Staaten grenzen direkt aneinander, Russlands Exklave Kaliningrad hat eine gemeinsame Grenze mit Polen.

" Für Russland natürlich besorgniserregend"

Überraschend kommt der jetzige Vorstoß also auch für Moskau nicht. Wie er aus russischer Sicht zu bewerten ist, darüber gehen die Meinungen hiesiger Experten allerdings auseinander. Einigkeit besteht nur in einer Hinsicht: Eine Verlegung weiterer amerikanischer Truppen an die Westgrenze Russlands wäre eine schlechte Nachricht für die internationale Sicherheit.

"Für Russland ist das alles natürlich besorgniserregend", sagt Dmitrij Trenin, der Direktor des Moskauer Carnegie-Institut. Natürlich fürchte Russland nicht eine relativ kleine Gruppe amerikanischer Soldaten in Polen. Aber wenn Amerikaner näher an die russische Grenze rückten, müsse Russland darauf reagieren. "Das bedeutet nicht, das sie uns morgen überfallen, aber es bedeutet, dass Russland sich militärisch auf neue Ziele einstellen muss, die es zu bekämpfen und im Ernstfall  zu vernichten gilt."

Jahrzehntelang sei ein Konflikt zwischen den beiden Mächten immer weiter in die Ferne gerückt. Jetzt, so Trenin, "nähern wir uns wieder einem Zusammenstoß. Das heißt nicht, dass er unausweichlich ist. Aber wir gehen in diese Richtung."

NATO nicht informiert

Trumps Vorstoß ist nicht mit der NATO abgestimmt. Einfach weitere Truppen - die Rede ist von 2000 Soldaten und Soldatinnen - nach Polen zu schicken, widerspräche zudem der NATO-Russland-Grundsatzakte, in der sich die Allianz verpflichtet hat, nicht dauerhaft größere Kampfverbände in den Ländern des ehemaligen Ostblocks zu stationieren.

Aleksander Golts, einer der führenden Militärexperten Russlands und ein Kritiker des Kreml, glaubt deshalb, dass man sich im Kreml in Wahrheit klammheimlich freue über Trumps Vorschlag: Wenn die USA Vereinbarungen nicht einhalte, seien auch Russland bei weiterer Aufrüstung oder bei anderen Vereinbarungen nicht mehr die Hände gebunden.

Zudem gehe ein weiterer "Traum in Erfüllung", so Golts: "Seien wir ehrlich: Seit den 1950er-Jahren und bis heute haben sowjetische und russische Diplomaten und Außenpolitiker versucht, einen Keil zwischen die USA und ihre westeuropäischen Verbündeten zu treiben. Jetzt destabilisiert sich das Bündnis von selbst."

Tiefe Gräben zwischen Russland und Europa

Dass ein Streit zwischen den Verbündeten zu einer Annäherung Europas an Russland führen könnte, glaubt Dmitrij Trenin nicht, dazu seien die Gräben zu tief. Eine Reihe europäischer Staaten sehe Russland noch immer als größten Feind.

Auch wenn Trump viele seiner spektakulären Ankündigungen am Ende doch nicht umgesetzt hat: Sowohl Trenin als auch Golts halten es für nicht unwahrscheinlich, dass der amerikanische Präsident die jüngsten Pläne - die bislang ja nicht offiziell bestätigt sind - diesmal auch wahr macht: Es passe ins Bild, sagt Trenin.

Golts formuliert es so: "Er hat Kurs genommen auf alle Verträge und Vereinbarungen, die die Grundlagen internationaler und europäischer Sicherheit sind. Alles ist für ihn wie eine Ware, um die es zu feilschen geht. Selbst die internationale Sicherheit."

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 09. Juni 2020 um 06:41 Uhr.

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