Ein Mann steht vor einem Panzer-Konvoi. | Bildquelle: picture alliance / AP

Hongkonger Museum eröffnet Tiananmen-Gedenken - trotz des Drucks

Stand: 26.04.2019 08:40 Uhr

Chinas Führung unterdrückt jegliches Gedenken an das Tiananmen-Massaker. Für Hongkong gilt das offiziell nicht. Doch das 4.-Juni-Museum, das dort heute wieder eröffnet, bekommt trotzdem Druck zu spüren.

Von Steffen Wurzel, ARD-Studio Shanghai

Mit einem klassischen Museum hat das 4.-Juni-Museum in Hongkong nicht viel zu tun. Die Ausstellung befindet sich im 10. Stock eines unscheinaren Geschäftsgebäudes im belebten Stadtteil Mong Kok. In einem kleinen, etwas klapprigen Aufzug geht es nach oben.

Noch ist der rund 110 Quadratmeter große Ausstellungsraum abgeschlossen. Denn bis unmittelbar vor der Neueröffnung wurde renoviert, geplant und neu eingerichtet. Einer der Organisatoren ist Richard Tsoi. "Was wir hier zeigen wollen, sind verschiedene Schautafeln, die erklären, was am 4. Juni 1989 und in den Wochen davor in Peking passiert ist", erklärt er.

Unter anderem sollen Fahnen, Spruchbänder und persönliche Gegenstände der Demonstranten von damals gezeigt werden. "Verglichen mit der vorherigen Ausstellung wollen wir weniger Texte zeigen, stattdessen mehr Fotos und Gegenstände von damals."

Richard Tsoi in seinem noch nicht fertig eingerichteten Museum
galerie

Richard Tsoi wenige Tage vor der geplanten Wiedereröffnung des Tiananmen-Museums. Viele Exponate waren da noch nicht an ihrem Platz.

26. April wichtiges Datum für Demokratiebewegung

Dass die Neueröffnung des Museums auf den 26. April fällt, ist kein Zufall. Der Tag gilt als einschneidendes Datum für Chinas gescheiterte Demokratiebewegung. Denn am 26. April 1989 veröffentlichte die staatliche Zeitung "Renmin Ribao" einen bestimmten Leitartikel, der für den weiteren Verlauf der Demokratie-Proteste entscheidend war, wie der Hongkonger Politologe Joseph Cheng erklärt:

"In diesem Leitartikel vom 26. April verurteilte Chinas Staats- und Parteiführung die Studentenproteste als 'anti-revolutionär'. Damit wurden die Proteste als unrechtmäßig gebrandmarkt. Dadurch wurde eine gewaltsame Niederschlagung wahrscheinlich. Und jeglicher Dialog zwischen den demonstrierenden Studenten und der Staatsmacht wurde unwahrscheinlicher."

1/9

Das Massaker am Tiananmen-Platz

Aufstand Tiananmen-Platz 1989

Die landesweite Protestbewegung entstand aus spontanen Versammlungen von Studenten anlässlich des Todes des zwei Jahre zuvor abgesetzten reformerischen Parteichefs Hu Yaobang am 15. April 1989. Sie forderten unter anderem die Rehabilitierung von Hu Yaobang, Pressefreiheit, den Kampf gegen Korruption und eine Offenlegung der Vermögen der Führer und ihrer Familien. | Bildquelle: picture alliance / ASSOCIATED PR

Vom alten Hausbesitzer vor die Tür gesetzt

Lange war unklar, ob und wo das 4.-Juni-Museum im Gedenkjahr 2019 überhaupt neu eröffnet kann. Denn erst im Dezember haben Tsoi und seine Mitstreiter die neuen Räumlichkeiten gekauft. "In den vergangenen Jahren waren wir mit einigen Schwierigkeiten konfrontiert. Das waren subtile und indirekte Schwierigkeiten."

Seit 2016 war das 4.-Juni-Museum quasi obdachlos. Damals wurde die Gedenkausstellung von der Gebäudeverwaltung vor die Tür gesetzt. Der Vorwurf des alten, damaligen Hausbesitzers: Die Besucher hätten die anderen Nutzer innerhalb des Gebäudes gestört.

Tsoi hält das für einen vorgeschobenen Grund. Er vermutet politischen Druck aus Peking. Chinas Staats- und Parteiführung setzt alles daran, jegliche Erinnerung an den 4. Juni und erst recht jede Art der Aufarbeitung zu verhindern. In Festlandchina gelingt ihr das auch fast vollständig. Zunehmend wird das Gedenken aber auch im autonom regierten Hongkong schwierig - obwohl dort nach wie vor Meinungsfreiheit herrscht.

"Es ist sehr wahrscheinlich, dass die frühere Hausverwaltung Kontakte zur chinesischen Regierung hatte. Das hat uns eine Menge Scherereien beschert. Also haben wir die alten Räume verkauft und zwei Jahre gebraucht, um etwas Neues zu finden."

"Dennoch bewundern sie unsere Gedenkarbeit"

Seit der Niederschlagung der Demokratiebewegung in Peking sind nun fast 30 Jahren vergangen. Hunderte Menschen kamen damals ums Leben. Manche Quellen sprechen von mehr als Tausend Toten. Die chinesische Staats- und Parteiführung verhängte damals sogar den Kriegszustand. Das Wissen darüber schwinde, warnt Richard Tsoi. Vor allem in Festlandchina.

Trotzdem oder gerade deswegen sei am alten Standort des Museums etwa jeder zweite Besucher aus Festlandchina gewesen. "Junge Menschen in Festlandchina sind durchaus pragmatisch", sagt Tsoi. "Einerseits wissen sie, dass es vermutlich sehr unrealistisch ist, dass die Einparteien-Herrschaft in China bald endet. Aber dennoch bewundern sie unsere Gedenkarbeit hier."

Der Eingang zum Tiananmen-Museum in Hongkong liegt unscheinbar zwischen einer Tankstelle und einem Geschäft
galerie

Der Eingang zum Tiananmen-Museum in Hongkong liegt unscheinbar zwischen einer Tankstelle und einem Geschäft.

Einbruch sollte Eröffnung wohl verhindern

Die Ausstellung am neuen Standort soll vor allem junge Besucher ansprechen, sagt Organisator Tsoi. Und ihm ist wichtig: Der Blick soll dabei nicht nur auf das Tiananmen-Massaker in Peking gerichtet werden.

"Neben den Fakten zum Juni 1989 thematisieren wir Demokratiebewegungen allgemein: die in Festlandchina, die in Hongkong und anderswo. Wir spannen zum Beispiel den Bogen zu den Regenschirm-Protesten für mehr Demokratie im Jahr 2014 hier in Hongkong. Es geht also generell um dem Kampf für Gerechtigkeit und Demokratie."

Und dieser Kampf wird mehr denn je auch in Hongkong geführt. Das hat das Museums-Team um Richard Tsoi vor nicht einmal drei Wochen ganz konkret erfahren müssen: Unbekannte drangen in den noch unfertigen Museumsraum ein und beschädigten den Sicherungskasten und weitere Teile des Stromnetzes. Vermutlich wollten die Täter die Neueröffnung des Museums sabotieren oder verzögern. Gelungen ist ihnen das nicht.

Hongkongs Tiananmen-Massaker-Museum: Neueröffnung mit Hürden
Steffen Wurzel, ARD Shanghai
26.04.2019 07:18 Uhr

Download der Audiodatei

Wir bieten dieses Audio in folgenden Formaten zum Download an:

Hinweis: Falls die Audiodatei beim Klicken nicht automatisch gespeichert wird, können Sie mit der rechten Maustaste klicken und "Ziel speichern unter ..." auswählen.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 25. April 2019 um 23:46 Uhr.

Darstellung: