Nach Putsch in Myanmar Demonstrierende trotzen Militärpräsenz

Stand: 15.02.2021 11:12 Uhr

In Myanmar droht offenbar eine Eskalation zwischen dem Militär und den Demonstrierende, die gegen den Putsch protestieren. Gepanzerte Militärfahrzeuge rollen durch Yangon und andere Städte.

Von Holger Senzel, ARD-Studio Singapur

"Doe Ayeh", skandieren die Demonstrierende in Myanmar - "Es ist unsere Aufgabe". Widerstand gegen die Militärjunta als Pflicht, so sehen es die Zehntausenden Menschen, die auch heute in Yangon, Naypidaw oder Mandalay durch die Straßen ziehen, dem massiven Polizei- und Armeeaufgebot trotzen und der eigenen Angst.

Denn die Junta unter General Min Aung Hlaing - dem neuen starken Mann im Land - geht zunehmend härter gegen den Massenprotest vor. Starke Truppenverbände wurden mit Armeelastwagen in die größte Stadt Myanmars verlegt, sogar Panzer rollen durch die Straßen Yangons. Beobachter fürchten, dass eine gewaltsame Niederschlagung des Widerstandes unmittelbar bevorsteht.

"Vor allem nachts ist es ein Alptraum", berichtet die Mitarbeiterin des ARD-Radios aus Yangon. Denn die Sicherheitskräfte holen die Gegner der Militärjunta vor allem nachts aus ihren Wohnungen. Demonstrierende stellen sich ihnen in den Weg und blockieren die Polizeijeeps, begleitet vom infernalischen Lärm klappernder Topfdeckel. Als Zeichen des Protestes wie auch als Warnung an die Nachbarn: Achtung, sie kommen. Und da in vielen Städten das Kriegsrecht gilt, kann jeder jederzeit ohne Haftbefehl eingesperrt werden.

Wurden Häftlingen freigelassen, um Chaos zu stiften?

Für 23.000 Häftlinge in myanmarischen Gefängnissen hatten sich nach dem Militärputsch allerdings die Zellentüren geöffnet. Es waren vor allem wegen krimineller Straftaten Verurteilte, die von der Amnestie profitierten - viele von ihnen tauchen jetzt im Umfeld der Proteste wieder auf.

Die Menschen dort fürchten, dass die Armee sie bewusst einsetzt, um Chaos zu stiften, erzählt die ARD-Mitarbeiterin in Yangon: "Die Leute fangen an, richtig Angst zu bekommen. Wegen der mehr als 20.000 Gefangenen, die freigelassen wurden, alles Kriminelle - und die sorgen jetzt für Unruhe in der Stadt, sie werfen Steine, legen Feuer. Ein Brandstifter sagte aus, er habe von Soldaten Geld bekommen. Da liegt die Vermutung nahe, dass die Militärs Vorwände schaffen wollen, um gewaltsam einzugreifen."

In mehreren Städten fielen Schüsse

In einigen Städten Myanmars fielen auch Schüsse - unklar ist allerdings, ob mit scharfer Munition oder Gummigeschossen. Mit Kerzen in den Händen beteten junge Frauen und Männer für die Studentin, die vergangene Woche in der Hauptstadt Naypidaw durch einen Kopfschuss verletzt wurde. Die 20-Jährige wurde von den Ärzten inzwischen für hirntot erklärt.

Die Eltern wollen ihre Tochter gehen lassen, doch das Militär verweigert die Zustimmung zur Abschaltung der Geräte. Armee und Polizei bestreiten, scharfe Munition benutzt zu haben. Wer immer den Schuss abgefeuert hat, er hat die Wut im Land weiter angefacht und noch mehr Demonstrierende auf die Straße getrieben.

"Der Schuss auf unsere Schwester hat gezeigt, dass wir nicht sicher sind - weder am Tag noch nachts", erzählt ein junger Mann aufgebracht. "Wir können dieses neue Militärregime nicht akzeptieren, und wir tun alles, es mit der Bewegung des zivilen Ungehorsams zu stoppen, natürlich nur mit friedlichen Mitteln. Wir müssen uns ihren Gesetzen in jeder nur möglichen Form widersetzen."

Breite Unterstützung für den Widerstand

Lehrer, Beamte, Krankenschwestern, Ärzte, Fluglotsen, sogar Polizisten in Uniform haben sich dem Widerstand gegen die Militärjunta angeschlossen, die vor zwei Wochen die Macht in Myanmar an sich riss und Aung San Suu Kyi in Gewahrsam nahm. Die Untersuchungshaft für die entmachtete de-facto-Regierungschefin wurde um zwei Tage bis Mittwoch verlängert, teilte ihr Anwalt mit. Die 75-Jährige sei bei guter Gesundheit. Die Militärregierung ist fest entschlossen, ihr den Prozess zu machen: nicht wegen Hochverrates, sondern wegen illegalen Importes von Funkgeräten, mit denen ihre Leibwächter ausgestattet waren.

Armee-Oberbefehlshaber Min Aung Hlaing hatte den Putsch mit dem Schutz der Verfassung und angeblichem Wahlbetrug durch die Nationale Liga für Demokratie begründet. Die Partei Aung San Suu Kyis hatte bei den Wahlen im November die absolute Mehrheit erzielt - für Wahlbetrug gab es keinerlei Anzeichen. Der General versprach Neuwahlen und die Rückkehr zur Demokratie innerhalb eines Jahres. Allerdings hat er offenbar die Wut und den Widerstandswillen des Volkes unterschätzt.

Beim Widerstand in Myanmar wächst die Angst
Holger Senzel, ARD Singapur
15.02.2021 13:26 Uhr

Download der Audiodatei

Wir bieten dieses Audio in folgenden Formaten zum Download an:

Hinweis: Falls die Audiodatei beim Klicken nicht automatisch gespeichert wird, können Sie mit der rechten Maustaste klicken und "Ziel speichern unter ..." auswählen.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 15. Februar 2021 um 12:00 Uhr sowie NDR Info um 07:10 Uhr.

Korrespondent

Holger Senzel Logo NDR

Holger Senzel, NDR

Darstellung: