Nach US-Rückzugsplänen NATO-Abzug aus Afghanistan beginnt am 1. Mai

Stand: 15.04.2021 08:41 Uhr

Die NATO wird am 1. Mai offiziell ihren Abzug aus Afghanistan beginnen: Eine entsprechende Entscheidung fiel am Abend in einer Konferenz der 30 Außen- und Verteidigungsminister. Das Bündnis reagiert damit auf den angekündigten Abzug der USA.

Nach der Entscheidung der USA zum Abzug ihrer Truppen aus Afghanistan leitet auch die NATO das Ende ihres Einsatzes am Hindukusch ein: Das Bündnis habe entschieden, ab dem 1. Mai mit dem Abzug zu beginnen, hieß es nach einer Videoschalte der Außen- und Verteidigungsminister der 30 NATO-Staaten.

Zurzeit sind noch etwa 10.000 reguläre NATO-Soldaten in Afghanistan. Sie sollen die Regierung durch die Ausbildung und Beratung von Sicherheitskräften in ihrem Kampf gegen die radikalislamistischen Taliban unterstützen. Deutschland ist mit derzeit etwa 1100 Soldaten nach den USA der zweitgrößte Truppensteller.

Maas verspricht Afghanen weitere Unterstützung

Die Nachricht vom NATO-Abzug ist wenig überraschend, denn nach der Entscheidung aus Washington wäre eine Fortsetzung des Einsatzes für die anderen NATO-Staaten nur mit erheblichen Zusatzkosten und Risiken möglich gewesen. Bundesverteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer hatte bereits klar gemacht, dass die Bundeswehr ebenfalls das Land verlassen werde.

Außenminister Heiko Maas erklärte in den tagesthemen, man wolle nun den geordneten Rückzug der internationalen Truppen sicherstellen. Das sei nur mit mehr Zeit möglich - deswegen beginne man auch erst am 1. Mai mit dem Abzug anstatt ihn bis dahin abgeschlossen zu haben. Das hatte US-Präsident Donald Trump mit den Taliban vereinbart. Maas betonte, dass man die afghanische Regierung weiter unterstützen werde - mit Geld, militärischer Ausrüstung und Ausbildung.

"Zeit, Amerikas längsten Krieg zu beenden"

In Washington trat US-Präsident Joe Biden derweil noch einmal vor die Presse, um die bereits bekannten Abzugspläne offiziell zu verkünden: Der Abzug solle ebenfalls am 1. Mai beginnen und bis zum 11. September abgeschlossen werden, erklärte Biden. "Es ist Zeit, Amerikas längsten Krieg zu beenden. Es ist Zeit für die amerikanischen Truppen, nach Hause zu kommen." Die USA hätten verhindert, dass Afghanistan wieder Ausgangspunkt für Terroranschläge gegen die Vereinigten Staaten werde. Damit sei das ursprüngliche Ziel der Afghanistan-Mission erfüllt.

Machtübernahme der Taliban befürchtet

Die afghanische Regierung stellt der Abzug vor einige Probleme. Unklar ist etwa, welche Folgen die NATO-Entscheidung für die Friedensverhandlungen mit den Taliban hat. So wird befürchtet, dass die Islamisten bereits kurz nach dem internationalen Abzug die Macht im Land übernehmen könnten. Die mühsamen demokratischen Fortschritte, die das Land in den vergangenen Jahren gemacht hat, dürften dann hinfällig sein.

Ghani: Können uns selbst verteidigen

Afghanistans Präsident Aschraf Ghani erklärte in einer ersten Stellungnahme, die Islamische Republik Afghanistan respektiere die US-Entscheidung zum Abzug. Man werde mit den US-Partnern zusammenarbeiten, um einen reibungslosen Übergang zu gewährleisten. Ghani versicherte gleichzeitig, dass die afghanischen Sicherheitskräfte in der Lage seien, das Land und die Bevölkerung zu verteidigen. 

Bundeswehrverband fordert "ehrliche Aufarbeitung"

Derweil hat der Bundeswehrverband den geplanten Abzug der Nato-Truppen und damit auch der etwa 1100 deutschen Soldaten aus Afghanistan begrüßt. Es sei eine folgerichtige Entscheidung von "historischer Tragweite", sagte der Vorsitzende André Wüstner der Nachrichtenagentur dpa. "Sie markiert das Ende des bedeutendsten und zugleich verlustreichsten Einsatzes der Bundeswehr."

Nun gehe es darum, eine sichere Rückkehr der Soldaten nach Deutschland zu organisieren. Wüstner forderte dafür den Einsatz zusätzlicher Schutz- und Spezialkräfte. "Die Gefahren durch Angriffe von außen dürfen ebenso wenig vernachlässigt werden, wie das Risiko durch mögliche Innentäter."

Der Chef des Bundeswehrverbands forderte zudem eine ehrliche Aufarbeitung des 20-jährigen Einsatzes. "Auch, wenn vieles gut gelaufen ist, die Bundeswehr ihren Auftrag erfüllt hat, gab es unbestreitbar eine Menge Fehler." Wüstner nannte die politischen Weichenstellungen, die Definition unterschiedlicher Ziele für den Einsatz sowie "Machbarkeitsillusionen". "Fehler können passieren, aber sie dürfen sich nicht wiederholen", betonte der Oberstleutnant, der selbst in Afghanistan stationiert war. "Das sind wir allen schuldig: Denen, die in Afghanistan gedient haben, insbesondere den Verwundeten sowie Hinterbliebenen, und denen, die wir in künftige Einsätze entsenden."

Nach US-Entscheidung: NATO beschließt Rückzug aus Afghanistan ab dem 1. Mai
Stephan Ueberbach, ARD Brüssel
14.04.2021 23:57 Uhr

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Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 14. April 2021 um 20:00 Uhr.

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