Kremlkritiker Nawalny Ärzte warnen vor Herzstillstand

Stand: 18.04.2021 07:50 Uhr

Der Gesundheitszustand des inhaftierten russischen Oppositionellen Nawalny hat sich nach Angaben seiner Mediziner massiv verschlechtert. Sein Kardiologe warnte: "Unser Patient kann jede Minute sterben".

Dem inhaftierten Kreml-Kritiker Alexej Nawalny droht laut mehreren Medizinern ein Herzstillstand. Nawalnys persönliche Ärztin Anastasia Wasiljewa und drei ihrer Kollegen, darunter ein Herz-Spezialist, forderten von den Gefängnisbehörden Zugang zu dem Inhaftierten. Sein Gesundheitszustand verschlechtere sich rapide. Wegen kritischer Kaliumwerte drohten dem Widersacher von Präsident Wladimir Putin "jede Minute" eine eingeschränkte Nierenfunktion sowie ernsthafte Herzrhythmusprobleme. 

Gewöhnlich erfordere ein Kaliumwert von mehr als 6,0 eine umgehende Behandlung, erklärten die Ärzte. Nawalnys Wert liege bei 7,1. Ihr Brief an die russische Gefängnisbehörde wurde am Samstag auf Wasiljewas Twitter-Konto veröffentlicht. In dem Schreiben hieß es weiter, dem 44-Jährigen drohe ein "Herzstillstand". 

"Alexej stirbt"

Sein Kardiologe Jaroslaw Aschichmin warnte auf Facebook: "Unser Patient kann jede Minute sterben." Er müsse auf eine Intensivstation verlegt werden. Seine persönlichen Ärzte durften Nawalny bislang nicht im Gefängnis aufsuchen.

Auch Nawalnys Sprecherin Kira Jarmysch warnte auf Facebook vor seinem Tod. Normalerweise sollte man vorsichtig mit derartigen Aussagen sein. "Aber Alexej stirbt. In seinem Zustand ist es nur eine Frage von Tagen." An den Wochenenden könnten seine Anwälte keinen Kontakt aufnehmen. "Niemand weiß, was am Montag passiert", schrieb Jarmysch.

Prominente fordern von Putin medizinische Hilfe

Mehr als 70 international bekannte Autoren, Künstler und Akademiker forderten Putin in einem offenen Brief auf, eine angemessene medizinische Behandlung für Nawalny zu garantieren. "Als russischer Staatsbürger hat er das Recht, von einem Arzt seiner Wahl untersucht und behandelt zu werden", heißt es darin.

Unterzeichnet haben ihn unter anderen die Harry-Potter-Autorin J.K. Rowling, die drei Literatur-Nobelpreis-Trägerinnen Herta Müller, Louise Glück und Swetlana Alexijewitsch, die Schauspieler Benedict Cumberbatch, Jude Law und Vanessa Redgrave, Abba-Mitglied Björn Ulvaeus sowie die Historiker Niall Ferguson und Simon Schama. Der Appell wurde am Samstag in mehreren europäischen Tageszeitungen wie der französischen "Le Monde" abgedruckt.

Auch US-Präsident Joe Biden zeigte sich besorgt über die Berichte und kritisierte die Bedingungen für den 44-Jährigen. Diese seien "völlig, völlig unfair und total unangemessen", antwortete er auf eine Frage von Journalisten zu Nawalny.

Der Grünen-Europapaabgeordnete Sergey Lagodinsky forderte die Bundesregierung und die EU auf, sich bei Putin für einen Transport Nawalnys in die EU einzusetzen. "Nawalny ist in unmittelbarer Lebensgefahr", sagte er dem Redaktionsnetzwerk Deutschland. "Ihm zu helfen ist unsere menschliche Pflicht."

Nawalny hat 17 Kilo verloren

Nawalny befindet sich seit etwa zwei Wochen im Hungerstreik, um so einen Arztbesuch durchzusetzen. Ihm droht nun eine Zwangsernährung. Der 44-Jährige klagte zuletzt über Rückenleiden, Lähmungserscheinungen in den Gliedmaßen, Fieber und Husten. Laut seiner Frau Julia Nawalnaja wiegt der 1,89 Meter große Kreml-Kritiker derzeit 76 Kilogramm - 17 Kilogramm weniger als vor seiner Verlegung ins Straflager in der Kleinstadt Pokrow im Februar. Nawalnys Unterstützer fordern seine Verlegung in ein reguläres Krankenhaus.

Im vergangenen August überlebte er einen Anschlag mit dem Nervenkampfstoff Nowitschok. Nach dem Anschlag, für den Nawalny den Kreml verantwortlich macht, wurde er nach Deutschland geflogen und in der Berliner Charité behandelt.

Am Freitag starteten die russischen Behörden ein Verfahren zum Verbot der Anti-Korruptionsstiftung Nawalnys. Dessen Unterstützer sammeln derzeit Online-Teilnehmer für den "größten Protest im modernen Russland". Sobald sie 500.000 Anmeldungen erreichen, würden sie ein Datum für die Proteste festlegen, teilten die Organisatoren mit. Bis Samstag hatten sich 440.000 Menschen registriert. Bei landesweiten Solidaritätsdemos für den Oppositionellen waren im Januar und Februar mehr als 11.000 Menschen festgenommen worden.

Gesundheitszustand von Kremlkritiker Nawalny kritisch
Christine Auerbach, BR
18.04.2021 12:38 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 18. April 2021 um 09:00 Uhr.

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