Roman Iwanow, finanzieller Unterstützer von Alexej Nawalny.

Nawalny-Unterstützer Iwanow "Wichtig, dass Oppositionelle nicht sterben"

Stand: 27.11.2020 15:01 Uhr

Nawalnys Behandlung in Deutschland haben Geschäftsleute bezahlt. Ohne sie wäre Russlands bekanntester Oppositionspolitiker finanziell längst ruiniert. Denn seine Gegner überhäufen ihn mit Gerichtsprozessen.

Von Demian von Osten, ARD-Studio Moskau

Dass Alexej Nawalny heute vor Abgeordneten des Europäischen Parlaments auftrat, war auch ein Zeichen politischer Unterstützung. Das Europäische Parlament hatte die Vergiftung von Russlands bekanntestem Oppositionellen in einer Resolution verurteilt. Doch finanziell leben Nawalny und sein Team von Spenden und privaten Geldgebern. 

Das betrifft auch den Transport nach Berlin und seine Behandlung in der Charité, als der Politiker im August nach einem Giftanschlag im Koma lag. Wie Nawalny in einem Instagram-Post Mitte Oktober bekannt gab, kostete das medizinische Flugzeug, mit dem Nawalny aus der sibirischen Stadt Omsk nach Berlin geflogen wurde, 79.000 Euro - bezahlt von dem Unternehmer Boris Simin. Die Behandlung in der Charité kostete laut Nawalny 49.900 Euro und wurde von drei Männern aus der Geschäftswelt übernommen. 

Einer von ihnen ist Roman Iwanow. Der IT-Manager ist sonst nicht der Typ, der die ganz große Bühne sucht. Doch nachdem Nawalny seine finanziellen Unterstützer bekannt gab, geriet Iwanow ins Rampenlicht. "Ich verstand, dass es meine Chance war zu helfen", sagt Iwanow im Interview mit dem ARD-Studio Moskau. "Diese starken Emotionen, die ich erlebt hatte, als ich erfuhr, dass er vergiftet wurde, diese Emotionen konnte ich jetzt irgendwie in konkrete Hilfe verwandeln."

Dass Nawalnys Behandlung nicht der deutsche Steuerzahler übernehmen würde, hatte er aus einem Video-Interview erfahren, das Nawalny dem populären russischen YouTuber Juri Dud gegeben hatte.

Iwanows Schlüsselmoment: Eine Demo 2013

Iwanow, 42 Jahre alt, erfolgreicher Manager bei Russlands Internetgiganten Yandex, überwies eine Summe von einigen Prozent der Behandlungskosten, wie er sagt. "Ich hatte sicherlich nicht erwartet, dass ich neben so berühmten Persönlichkeiten wie Tschitschwarkin oder Aleksaschenko auf einer so kurzen Liste erscheinen würde." Iwanow ist der einzige von ihnen, der in Russland arbeitet. Der Millionär und Putin-Gegner Jewgenij Tschitschwarkin lebt in London, der Wirtschaftswissenschaftler Sergej Aleksaschenko ist in die USA ausgewandert. 

Roman Iwanow ist einer jener stillen Untersützer Nawalnys, die nur selten öffentlich in Erscheinung treten. Sein Schlüsselmoment - das war eine Demonstration vor dem Hotel National in Moskau im Juli 2013, wenige Hundert Meter vom Kreml entfernt in der berühmten Twerskaja-Straße gelegen. Nawalnys Anhänger hatten zu dem Protest aufgerufen, weil Nawalny nach einem Gerichtsurteil direkt ins Gefängnis gebracht wurde. Iwanow entschied sich damals spontan hinzugehen. 

An einem Herbsttag steht Iwanow wieder dort und erinnert sich, wie die Polizei 2013 vergeblich versuchte, die Menschen unter Kontrolle zu bringen. Es seien so viele Menschen gewesen, ein unglaubliches Gefühl, erzählt Iwanow. Am selben Abend kam Nawalny wieder frei. "Nawalny ist zweifelsohne charismatisch, er redet gut, formuliert die Gedanken gut", sagt Iwanow. "Aber generell gefällt mir eher, wozu er aufruft: zum wunderschönen Russland der Zukunft, zur Möglichkeit eines Machtwechsels, zum Kampf gegen die Korruption."

Als bekannt wurde, dass Nawalny vergiftet worden war, ging in Moskau hingegen kaum jemand auf die Straße. Warum? Iwanow verschränkt die Arme auf dem Rücken. "Ich denke, dass zunächst völlig unklar war, was passiert ist. Es wurde erst später klar, als er sich schon in Deutschland befand. Es gab nicht den einen Moment, der die Leute zusammengebracht hätte. Wenn er gestorben wäre, dann wären die Menschen natürlich auf die Straße gegangen, da bin ich mir sicher. Gott sei Dank ist das aber nicht passiert."

Nicht in allem stimme er aber mit Nawalny überein: "Ich bin nicht überzeugt, dass er der beste Präsident werden wird, mit ziemlicher Sicherheit nicht. Aber wenn wir durch seine Bemühungen freie Wahlen und weniger Korruption bekommen würden, das würde mich sehr freuen!"

Ein einflussreicher Gegner: Jewgenij Prigoschin

Finanzielle Unterstützer wird Nawalny auch in Zukunft brauchen. Schon bisher hat er seine Kampagnen weitgehend aus Spendengeldern bestritten. Doch seine "Stiftung zur Bekämpfung der Korruption" (FBK) wurde schon vergangenes Jahr als ausländischer Agent deklariert - eine große Einschränkung bei der politischen Arbeit. Regelmäßig gibt es in den Büroräumen der Stiftung Durchsuchungen, zuletzt am 5. November. 

Besonders viel Ärger macht Nawalny ein Enthüllungsfilm über eine Catering-Firma, die er dem russischen Geschäftsmann Jewgenij Prigoschin zuordnet. Nawalny hatte in einem Video der Firma schlechtes Essen für Moskauer Schulen und ein Marktmonopol unterstellt. Prigoschin gilt als ein Vertrauter des Kreml. Ihm wird auch die sogenannte Trollfabrik in St. Petersburg zugeschrieben, in der rund um die Uhr Mitarbeiter kremlfreundliche Kommentare verfassten, um sie in sozialen Netzwerken zu posten. Auch hinter der umstrittenen Militärfirma Wagner soll Prigoschin stehen, berichten Medien - er selbst streitet Verbindungen zu diesen Firmen ab. 

"Wichtig ist, dass Oppositionelle nicht sterben"

Nach Nawalnys Vergiftung kündigte Prigoschin einen juristischen Kampf gegen Nawalny bis zum Äußersten an. "Ich werde dieser Gruppe gewissenloser Menschen Kleider und Schuhe vom Leib reißen", wird Prigoschin auf der offiziellen Seite seiner Firma im russischen sozialen Netzwerk Vkontakte zitiert. Ein Gericht verurteilte vergangenes Jahr Nawalny, Mitstreiterin Ljubow Sobol und seine Stiftung FBK zur Zahlung von umgerechnet 970.000 Euro. Diese Schuld hat Prigoschin persönlich übernommen und will sie nun eintreiben.

"Wenn Nawalny überlebt", schrieb Prigoschin im August, "soll er mit der vollen Härte des russischen Gesetzes zur Verantwortung gezogen werden." Seitdem gibt es regelmäßig Gerichtstermine, Nawalnys Wohnung wurde für Verkauf und Vermietung blockiert. 

Iwanow, der einen Teil von Nawalnys Behandlung bezahlte, macht sich insgesamt Sorgen um die Lage russischer Oppositioneller. Auch deshalb unterstützt er Nawalny regelmäßig. "Wichtig ist, dass grundsätzlich in Russland Oppositionelle nicht sterben. Irgendwie sterben sie bei uns oft und es sind zu viele. Das ist eine schlechte Tendenz."

Während Nawalny sich in Deutschland weiter von der Vergiftung erholt, ist auch für Iwanow klar, dass Nawalny nach Russland zurückkehren wird. Nawalny selbst hatte es immer wieder betont. "Ich habe Angst um ihn", sagt Iwanow. "Nawalny sagt im Interview, dass er selber keine Angst habe. Ich denke aber, vielleicht hat er sie doch. Er wird zurückkommen. Denn er kann gar nicht anders."

Über dieses Thema berichtete MDR aktuell am 27. November 2020 um 16:24 Uhr.

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