Szene aus dem Film ''Roma'' | Bildquelle: AP

Vor der Oscarverleihung Netflix, Kino oder doch beides?

Stand: 20.02.2019 13:31 Uhr

An der Netflix-Produktion "Roma" kommt man bei der diesjährigen Oscarverleihung nicht vorbei. Hollywood fremdelt dennoch weiterhin mit Streaming-Diensten. Zu Unrecht?

Von Marcus Schuler, ARD-Studio Los Angeles

Polemisch formuliert geht es um die Frage: Postkutsche oder Eisenbahn? Streaming-Service oder Kinoerlebnis. Fakt ist: Die Netflix-Produktion "Roma" ist nicht für einen, sondern gleich für zehn Oscars nominiert worden. Unter anderem als bester Film und für die beste Regie.

Der in schwarz-weiß gedrehte Film von Regisseur Alfonso Cuarón ist eine ruhig erzählte Familiengeschichte in Mexiko-Stadt der 1970er-Jahre. Mit dem Streifen bewegt sich Netflix, das nicht in Hollywood, sondern im Silicon Valley sitzt, zugleich auf seine Kritiker zu. 

"Roma" wurde zum Beispiel in einer begrenzten Zahl von Kinos in den USA gezeigt. Drei Monate lang. Allerdings nicht exklusiv. Heißt: Der Film war bereits für die Streaming-Abonnenten von Netflix zu sehen. Einige Kinoketten wie AMC und Regal weigerten sich, den Film in ihren Kinos zu spielen - angeblich aus Protest gegen das Streaming.

Szene aus dem Film ''Roma'' | Bildquelle: AP
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Familiengeschichte im Mexiko-Stadt der 1970er-Jahre: Der Netflix-Film "Roma" ist für zehn Oscars nominiert.

Plädoyer für das Kino

Unterstützung erhalten die Kinoketten und Vertriebsfirmen aus der Filmindustrie. Zum Beispiel vom mehrfachen Oscar-Preisträger Steven Spielberg. Der meinte am vergangenen Sonntag bei einer Preisverleihung in LA: "Das Fernsehen bringt hervorragende Stoffe hervor, wir sehen dort tolle Regiearbeiten und Darsteller. Auch der Sound ist zu Hause deutlich besser geworden als je zuvor. Trotzdem gibt es nichts besseres, als in ein großes dunkles Kino zu gehen und sich mit unbekannten Menschen von der Story gefangen nehmen zu lassen."

So klingt das traditionelle Hollywood. Die Spielfilmregisseure scheinen der Idee der Postkutsche deutlich stärker hinterherzuhängen als ihre Kollegen der TV-Industrie. Die haben dank Netflix, Hulu und Amazon mit experimentierfreudigen Produktionen wie "Handmaids Tale", "House of Cards" oder "The Marvelous Mrs. Maisel" große Erfolge gefeiert.

Die Abwehrhaltung der Filmfestivals wie Cannes oder Berlin gegenüber Netflix und Co. sei normal, sagt Jason E. Squire, Professor an der Filmschule der USC und Autor des Buches The Movie Business. "Wenn man sich ihre Produkte ansieht und welche Anstrengungen sie dafür unternehmen, dann kann man sich als Filmfestival auf Dauer nicht widersetzen. Da muss man eben flexibler werden, die eigenen Regeln überarbeiten, sodass diese Filme im Wettbewerb laufen können", sagt Squire.

Netflix - und dann ins Kino?

Vermutlich aber liegen die Kinoketten falsch, wenn sie behaupten Netflix und Co. würden ihnen die Zuschauer abspenstig machen. Eine erst vor wenigen Wochen veröffentlichte Studie, die ausgerechnet vom Verband der US-Kino-Betreiber in Auftrag gegeben wurde, kommt zu dem Schluss, dass Nutzer, die besonders häufig Netflix schauen, auch deutlich häufiger ins Kino gehen.

Vielleicht ist es am Ende ja gar keine "entweder oder Frage" - Postkutsche oder Eisenbahn. Kino-Erlebnis oder Couch-Potatoe. Disruption tue dem Kinogeschäft gut, sagt Squire.

"Die traditionellen Filmunternehmen sind natürlich nicht glücklich, weil es jetzt einen zusätzlichen Bieter um Talente und Inhalte gibt. Für die Künstler und die Konsumenten ist es aber eine Win-Win-Situation", sagt der Filmprofessor.

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Netflix vs. Hollywood
Marcus Schuler, ARD Los Angeles
20.02.2019 11:52 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 16. Februar 2019 um 14:51 Uhr.

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