Ein Schüler sitzt vor einer Blumenwand in einem Park nahe der Al-Noor-Moschee in Christchurch | Bildquelle: AP

Anschlag von Christchurch Schärferes Waffenrecht im Eiltempo

Stand: 18.03.2019 08:09 Uhr

Als Konsequenz aus dem Angriff auf zwei Moscheen in Christchurch hat Neuseelands Regierung schärfere Waffengesetze auf den Weg gebracht. Die Angehörigen warten derweil darauf, die Opfer bestatten zu dürfen.

Neuseeland hat nach dem rassistisch motivierten Anschlag auf zwei Moscheen in Christchurch die geplante Verschärfung der Waffengesetze auf den Weg gebracht. Premierministerin Jacinda Ardern kündigte nach einer Krisensitzung des Kabinetts strengere Regelungen an, die "so schnell wie möglich" in Kraft treten sollten.

"Viele Neuseeländer hinterfragen die Verfügbarkeit von halbautomatischen Waffen. Ich werde mehr Details bekanntgeben, wenn wir die prinzipielle Entscheidung, die das Kabinett heute getroffen hat, genauer durchgearbeitet haben", sagte Ardern. Dies solle innerhalb von zehn Tagen passieren.

In dem Pazifikstaat darf man bislang nach einer Überprüfung schon mit 16 Jahren Waffen besitzen. Eine Option sei ein Verbot halbautomatischer Gewehre für Privatbesitzer, so Ardern, sowie der Rückkauf von kürzlich erworbenen Waffen durch die Regierung. Außenminister Winston Peters vom populistischen Koalitionspartner NZF, der solche Pläne bislang abgelehnt hatte, sagte: "Unsere Welt hat sich für immer geändert. Deshalb werden sich auch unsere Gesetze ändern."

Neuseelands Premierministerin Jacinda Ardern | Bildquelle: AFP
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Neuseelands Premierministerin Jacinda Ardern will in den kommenden zehn Tagen Details zum neuen Waffenrecht bekannt geben.

Beisetzungen wohl bis Mittwoch

Ardern kündigte außerdem eine Untersuchung des Geheimdienstes an. Der 28-jährige Australier, der wegen Mordes angeklagt wurde, war den Behörden im Vorfeld nicht aufgefallen. Es gab die Sorge, dass der Geheimdienst sich zu sehr darauf fokussiert hat, Sicherheitsrisiken innerhalb der muslimischen Gemeinde aufzudecken.

Indes warteten die Angehörigen der Opfer weiter auf eine Antwort auf die Frage, wann sie ihre Verwandten beerdigen können. Die Tradition im Islam sieht es vor, dass die Körper so schnell wie möglich gewaschen und beerdigt werden, in der Regel innerhalb von 24 Stunden. Ardern drückte die Hoffnung aus, dass die Leichen aller Opfer spätestens am Mittwoch freigegeben werden können. Heute sollen die ersten Beisetzungen beginnen.

Angeklagter will sich selbst verteidigen

Der mutmaßliche Attentäter will sich nach Aussage seines bisherigen Pflichtverteidigers Richard Peters selbst vor Gericht verteidigen. Peters sagte der Zeitung "New Zealand Herald", dass ihn der 28-Jährige von seinem Mandat als Anwalt entbunden habe und er nicht länger für ihn tätig sei. Der festgenommene Australier habe ihm selbst gesagt, dass er sich künftig selbst verteidigen werde.

Peters äußerte die Vermutung, dass der Rechtsextremist einen Prozess als Plattform nutzen könnte, um "seine ziemlich extremen Ansichten" vor den Augen der Weltöffentlichkeit zur Schau zu stellen. "Die Aufgabe des Richters wird sein damit umzugehen", sagte Peters der Zeitung. Der Mann habe auf ihn den Eindruck gemacht, bei klarem Verstand und psychisch stabil zu sein, und weder Reue noch Mitleid gezeigt.

Laut Polizeikommissar Mike Bush verübte der Täter die Tat alleine. "Wir sind davon überzeugt, dass es nur einen Angreifer gibt, der dafür verantwortlich ist", sagte Bush. Es sei jedoch nicht ausgeschlossen, dass der Mann Unterstützung gehabt habe. Die Suche nach Komplizen sei "ein sehr, sehr wichtiger Teil unserer Ermittlungen".

Durchsuchungen in Australien

Im Zuge der Ermittlungen durchsuchten Anti-Terror-Einheiten der australischen Polizei am Morgen zwei Wohnungen an der Ostküste des Landes. Wie die Polizei mitteilte, erfolgten die Durchsuchungen in den Orten Sandy Beach und Lawrence nahe der Ortschaft Grafton, aus welcher der mutmaßliche Attentäter stammt. "Vorrangiges Ziel des Vorgehens ist es, formell Material zu erhalten, das der neuseeländischen Polizei in den laufenden Ermittlungen helfen kann", erklärte die australische Polizei.

Der Australier hatte bei seiner Festnahme nach dem Überfall auf die beiden Moscheen fünf Waffen und auch Sprengstoff bei sich. Er besitzt seit 2017 einen neuseeländischen Waffenschein. Der Besitzer des lokalen Waffenladens "Gun City" bestätigte, vier Waffen und Munition an den mutmaßlichen Angreifer verkauft zu haben. Der Mann habe die Waffen online bestellt.

Geschäftsführer David Tipple betonte, alles sei legal vonstatten gegangen. "Wir haben bei diesem Mann, der einen Waffenschein besitzt, nichts Außergewöhnliches feststellen können." Bei seiner Festnahme wurden fünf Schusswaffen sichergestellt. Tipple sagte, er habe der Polizei die Verkaufsunterlagen zur Verfügung gestellt. Es seien keine halbautomatischen Waffen verkauft worden. Ob die Waffen aus dem Laden bei der Tat verwendet wurden, steht noch nicht fest.

Eine Schülerin hält eine Blume in Gedenken an die Opfer des Attentats von Christchurch | Bildquelle: REUTERS
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Am Wochenende trauerten viele Menschen in Christchurch gemeinsam. Neuseeland war bislang von Terrorismus und Amokläufen weitgehend verschont geblieben.

18-Jähriger nach Verbreitung von Live-Video angeklagt

Die 50 Todesopfer waren laut einer vorläufigen Auflistung zwischen drei und 77 Jahre alt. Vermutet wird, dass alle Opfer muslimischen Glaubens waren. Viele waren als Einwanderer nach Neuseeland gekommen. Ihre Familien haben Wurzeln in Ländern wie Pakistan, Bangladesch, Afghanistan, Ägypten, Saudi-Arabien und Indien. Die genaue Herkunft will die Polizei erst bekannt geben, wenn alle Leichen identifiziert sind.

Am Freitag hatte der Angreifer in zwei Moscheen in Christchurch 50 Menschen getötet. Zuvor veröffentlichte er eine 74-seitige Kampfschrift gegen Muslime. Seine Taten per Helmkamera dokumentiert. Facebook teilte mit, Mitarbeiter hätten innerhalb der ersten 24 Stunden nach dem Angriff 1,5 Millionen Kopien des Videos entfernt. Trotz aller Versuche, das 17-minütige Video aus dem Netz zu entfernen, kursiert es dort immer noch.

In Christchurch wurde unterdessen ein 18-Jähriger vor Gericht angeklagt, weil er das Live-Video des Anschlags in der Al-Noor-Moschee verbreitet hat. Er muss sich außerdem wegen der Veröffentlichung eines Fotos der Moschee und dem Satz "Ziel erreicht" sowie wegen Anstachelung zu Gewalt verantworten. Die Ermittler gehen bislang nicht davon aus, dass der Mann direkt in die Anschläge verwickelt ist. Laut Staatsanwaltschaft drohen dem jungen Mann maximal 14 Jahre Haft pro Anklagepunkt.

Mit Informationen von Lena Bodewein, ARD-Studio Singapur

Waffen weg aus Neuseeland
Lena Bodewein, ARD Singapur
18.03.2019 07:52 Uhr

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Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 18. März 2019 um 09:00 Uhr.

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