Drei Polizisten in New York an einem Tatort. | Bildquelle: AFP

Gewalt in New York "Da draußen läuft was falsch"

Stand: 21.07.2020 13:10 Uhr

Die Zahl der Gewalttaten in New York steigt seit Beginn der Corona-Pandemie stark an. Selbst Kleinkinder werden am hellichten Tag Opfer von Schießereien. Bürgermeister de Blasio ist ratlos.

Von Antje Passenheim, ARD-Studio New York

"Fahrt zur Hölle!" An die Mörder ihres Enkels hat Samantha Gardner nur diese Botschaft. Die Behörden von New York fragt sie dagegen, wann die Waffengewalt und das Sterben endlich aufhören. Ihr Enkel, Davell Gardner, war erst ein Jahr alt. Er schlummerte in seinem Buggy, während die Familie draußen an einem Spielplatz in Brooklyn grillte. Dann hielt ein SUV, zwei Unbekannte sprangen heraus und feuerten. Die Kugeln erwischten drei Männer und Davell. Der Kleine starb im Krankenhaus.

Mehr als 200 Schießereien im Juni

"Er konnte noch nicht einmal laufen.", sagt Samantha bei einer Mahnwache. Er sei zu klein gewesen, um wegzurennen. Ein sechsjährigen Mädchen habe panisch flüchten können, als ihr Vater auf offener Straße in der Bronx erschossen wurde. Die Schüsse kamen aus einem fahrenden Auto. Eine Sicherheitskamera erfasste das sogenannte Drive-By-Shooting. Eines von Hunderten in den vergangenen Wochen.

Schusswaffengewalt erschüttert die Stadt, die sich noch vor Corona als sicherste Metropole der USA gerühmt hat. "Da draußen läuft was falsch", sagt New Yorks Bürgermeister Bill de Blasio. Und ob: 205 Schießereien im Juni. Fast anderthalbmal so viel wie im Vorjahr. Auch dieser Monat ist nicht besser. Allein am Wochenende zum Nationalfeiertag zählt die Stadt 64 Schießereien. Und zehn Tote.

New Yorks Bürgermeister in Sorge

De Blasio zeigt sich besorgt: "So etwas habe ich nicht erlebt, seit ich Bürgermeister bin." New York hat so etwas seit den 1980er-Jahren nicht mehr erlebt, als die Stadt im Drogensumpf versank. Zwar liegt das Mordniveau noch immer weit unter dem von damals. Doch die Entwicklung sei bedrohlich, sagt auch Polizeikommissar Dermot Shea. Es gebe eine Menge Gang- und Drogen-Aktivität. "Es ist ganz einfach. Das sind schlechte Menschen mit Waffen" sagt Shea.

Ganz so einfach ist es nicht. Das weiß auch Shea. Die Gewalt habe viele Ursachen, sagt Bürgermeister de Blasio: "Das Coronavirus hat viel durcheinandergebracht." Viele Polizisten fielen aus. Das Justizsystem liege brach. Die Staatsanwälte kümmerten sich nicht um die Waffengewalt. Es gehe viel vor sich in New York.

Corona verschärft Situation in der Stadt

750.000 New Yorker haben durch die Pandemie ihre Jobs verloren. Besonders betroffen sind die, die ohnehin wenig haben. Wegen des Virus entließ die Stadt Hunderte Häftlinge aus den Gefängnissen und überließ sie dann sich selbst. Ein Sozialsystem, das ihnen hilft, sich draußen zurechtzufinden, gibt es nicht. Kommissar Shea spricht vom "perfekten Sturm" - von einer Katastrophe wie sie schlimmer kaum kommen könnte.

Seine Leute sind frustriert. Nach wochenlangen Antirassismus-Demos, nach den Polizeireformen. Das Reformpaket des New Yorker Stadtrates verbietet ihnen zum Beispiel Würgegriffe und andere brutale Praktiken und stößt bei Shea auf wenig Gegenliebe: "Das ist schwachsinnig und macht die Polizei zum Krüppel."

 "Krieg der Vernachlässigung"

Die Lösung des Problems liegt nicht bei der Polizei, mahnt wütend der Stadtteil-Präsident des Hotspots Brooklyn, Eric Adams: "101 Schussopfer in sieben Tagen. Seht euch die ethnischen Gruppen an. Kein einziger Weißer." Das letzte Mal habe es hier 1993 über 100 Schießereien in einer Woche gegeben, erinnert er sich. Damals sei New York mitten im Krieg gegen die Droge Crack gewesen. "Jetzt sind wir mitten im Krieg der Vernachlässigung.", so Adams. "Wir haben die Kinder vernachlässigt, die die Waffen tragen; die Schussopfer vernachlässigt." Alle, die nicht die Hilfe bekämen, die sie bräuchten. Die Politik habe ein Großteil der Bevölkerung abgehängt.

Der Bürgermeister hat bereits Maßnahmen versprochen, um die Gemeinden nicht hängen zu lassen, etwa Jobs und bezahlbaren Wohnraum. Doch die Bewohner haben die Nase voll von Versprechen. "Genug ist genug!" ruft Jackie Rowe-Adams, Gründerin der Gruppe Harlem Mothers S.A.V.E. Zwei Söhne hat sie verloren. Beide wurden erschossen. Der Jüngere mit 17 Jahren.

Anstieg der Waffengewalt in New York
Antje Passenheim, ARD New York
21.07.2020 10:40 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 21. Juli 2020 um 05:21 Uhr.

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