New Yorker stehen im Stadtteil Queens für Lebensmittelspenden an | Bildquelle: REUTERS

Die ungleiche Krise Armes, reiches New York

Stand: 30.10.2020 15:12 Uhr

Keine andere US-Stadt wurde bisher vom Coronavirus so heftig getroffen wie New York. Eine ARD-Datenrecherche zeigt: Ein Grund dafür ist die in der Stadt tief verwurzelte Ungleichheit.

Von Stefanie Dodt, NDR, Christiane Meier, WDR und Gregor Aisch, Datawrapper

New York, das ist die glitzernde Weltmetropole, der Sehnsuchtsort, die bunte, dynamische und immer überraschende Stadt - so zumindest das Klischee. Doch abseits der leuchtenden Fassaden sieht es schon lange anders aus. Denn New York ist auch Armut, Verwahrlosung, Obdachlosigkeit, sogar unter Schulkindern.

Schon vor der Pandemie konnten sich eine Million der insgesamt 8,4 Millionen Einwohner nicht aus eigenen Mitteln ernähren. Inmitten der Pandemie wird diese Seite der Stadt immer sichtbarer. Bürgermeister Bill de Blasio verkündete zehn Wochen nach dem Ausbruch des Coronavirus, dass die Zahl auf zwei Millionen gestiegen sei. In der Stadt der Wall Street gelte jetzt jeder vierte New Yorker als "food insecure", sei also auf Lebensmittelspenden angewiesen.

Die Grenzen zwischen Arm und Reich

Wie kann eine so reiche Stadt so tief fallen und den Fallenden so wenig Auffangnetz bieten? Und warum trifft es New York in der Pandemie so hart? Eine ARD-Datenrecherche hat Daten des US-Gesundheitsministeriums und der Volkszählung ausgewertet. Das Ergebnis: Die Gründe liegen neben der dichten Besiedlung, dem löchrigen Sozialsystem und dem zu späten Shutdown in der Corona-Krise vor allem in der Struktur der Stadt, die schon lange vor Covid-19 existierte. Diese Struktur zeigt eine Teilung der Stadt in ungleiche Viertel.

Gesundheit - mancherorts ein Luxusgut

Die Daten machen deutlich, wie ungleich das Einkommen auf die Stadt verteilt ist - und dass Gesundheit in manchen Gegenden längst ein Luxusgut war. In der Südbronx, dem Wohnort der Latina Emerita Ramoon, liegt das durchschnittliche Haushaltseinkommen im Umkreis von einem Kilometer um ihren Wohnort bei jährlich 27.000 US-Dollar. 15 Prozent haben hier keine Krankenversicherung - mehr als die Hälfte der Bewohner müssen sich auf Medicaid und Medicare verlassen, die staatliche Gesundheitsversorgung für Geringverdiener, Ältere oder Behinderte.

"Man sieht ja, in meiner Nachbarschaft gibt es nicht viel Geld", sagt sie. "Viele haben keine Krankenversicherung und gehen nicht zum Arzt, wenn sie krank sind - weil sie sich das nicht leisten können. Es war klar, dass diese Gegend in so einer Situation hart getroffen wird - wegen der Armut."

Emerita Ramoon, seit dem Shutdown ohne Job
Armes, reiches New York - Die ungleiche Krise, 30.10.2020

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Neun Kilometer weiter: eine andere Welt

In der Upper East Side, neun Kilometer entfernt, liegt der Verdienst dagegen durchschnittlich bei rund 150.000 US-Dollar. Hier steht die Stadtwohnung von Multimillionär Ian Bickley. Im Umkreis von einem Kilometer können sich 96 Prozent der Anwohner eine private Krankenversicherung leisten.

"Schaut mich an", sagt Bickley, "schaut meine Familie an, welche Art von Leben wir führen können. Uns haben die Folgen der Pandemie kaum berührt, vor allem aus finanzieller Sicht. Wir können uns es schlicht leisten, dem Ganzen zu entfliehen. Viele andere können das nicht."

Ian Bickley, New Yorker Multimillionär
Armes, reiches New York - Die ungleiche Krise, 30.10.2020

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Was die Ausbreitung fördert

In den ärmeren Vierteln leben mehr Menschen auf engerem Raum, ein entscheidender Faktor bei der Ausbreitung der Pandemie. Während sich etwa im West Village in Manhattan im Schnitt nur ein bis zwei Leute eine Wohnung teilen, sind es in anderen Teilen der Stadt wesentlich mehr. In North Corona, Queens, liegt der Mittelwert bei 4,5 Personen pro Haushalt.

Im Stadtteil Staten Island, weiten Teilen von Manhattan und Brooklyn, aber auch in Queens gibt es Gegenden, in denen mehr als 60 Prozent, manchmal sogar mehr als 80 Prozent Menschen mit weißer Hautfarbe leben. In Teilen der Bronx und Queens, in denen überwiegend Menschen dunklerer Hautfarbe leben, sind die Covid-19-Todeszahlen der Stadt am höchsten.

Neben dem Zugang zu einer guten Gesundheitsversorgung spielen dabei auch andere Faktoren eine Rolle: Die Luftverschmutzung ist häufig höher, es gibt weniger Zugang zu gesunden Lebensmitteln.

Lebenstil, Vorerkrankungen - und die Folgen für Covid-19

Der ungesündere Lebensstil zeigt sich auch in der Häufigkeit der Vorerkrankungen: Je geringer das Haushaltseinkommen, desto größer ist in New York der Anteil Übergewichtiger und Menschen mit chronischen Lungenkrankheiten - zwei Faktoren, die einen schweren Verlauf von Covid-19 deutlich wahrscheinlicher machen.

Corona: Verstärker der Systemfehler

Die Coronakrise hat massive Auswirkungen in New York, und die Datenanalyse zeigt: Schuld daran ist nicht allein das Virus. Der Stadt ist es bislang nicht gelungen, die wachsende Ungleichheit zu bekämpfen. Die Pandemie hat die Unterschiede zementiert, mit tödlichen Auswirkungen. Covid-19 wirkte wie ein Verstärker der Systemfehler.

Ian Bickley befürwortet deshalb, Steuern für Gutverdiener zu erhöhen und gezielter für die Bekämpfung der Ungleichheit einzusetzen. "Die Situation der Armen wird immer schlimmer. Wenn wir als Land wieder auf den richtigen Gleis kommen wollen, müssen wir diese fundamentalen Probleme als erstes angehen."

Emerita Ramoon dagegen hat längst die Hoffnung auf die Politik verloren - sie verlässt sich nur noch auf sich selbst: "Ich muss denken wie eine Geschäftsfrau, denn so wird dieses Land hier geführt - wie ein Business."

Die Pandemie treibt die Spaltung voran

Der Weg zu einer wirtschaftlichen Erholung der Stadt ist allerdings noch weit. Ende September liegt die Zahl der Anträge auf Arbeitslosengeld noch auf dem achtfachen Niveau des Vorjahrs, die Arbeitslosigkeit ist doppelt so hoch wie der Landesdurchschnitt. Gleichzeitig verlassen immer mehr reiche New Yorker die Stadt. Das wird das bereits entstandene Haushaltsloch von mehr als acht Milliarden Dollar weiter wachsen lassen.

Dazu kommt: Trotz aller Vorsichtsmaßnahmen steigen die Infektionszahlen in einzelnen Vierteln wieder an. Eine Entwicklung, die wiederum für diejenigen am gefährlichsten bleibt, die ohnehin zu den verletzlichsten Bevölkerungsgruppen gehören.

Der Dokumentarfilm "Armes, reiches New York - die ungleiche Krise" sehen Sie am 04.11.2020 um 23.20 Uhr im Ersten und schon jetzt in der ARD-Mediathek.

Korrespondentin

Stefanie Dodt Logo NDR

Stefanie Dodt, NDR

@stefaniedodt bei Twitter
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