Ärztinnen vor einem Krankenhaus in Managua | Bildquelle: Carlos Herrera/EPA-EFE/Shutterst

Corona-Krise in Nicaragua Masken unerwünscht

Stand: 02.07.2020 03:14 Uhr

Offiziell gibt es in Nicaragua nur wenige Corona-Fälle, denn die Regierung redet die Pandemie weiterhin klein. Doch die Lage in den Krankenhäusern spitzt sich zu. Wer darauf aufmerksam macht, bekommt Probleme.

Von Anne Demmer, ARD-Studio Mexiko-Stadt

Überall auf der Welt werden Ärzte und Schwestern als Helden und Heldinnen für ihren Einsatz in der Corona-Krise beklatscht. Anders in Nicaragua: Hier werden sie für ihr Engagement sogar entlassen.

So wie María Bendaña: "Ich gehörte zu denen, die von Anfang an eine Schutzmaske getragen haben", berichtet die Internistin gegenüber dem nicaraguanischen Online-Medium "El Confidencial". "Auch wenn mir gesagt wurde: Warum tragen Sie eine Maske, Sie erschrecken doch nur die Patienten. Es gibt hier kein Problem, alles ist unter Kontrolle. Covid-19 gibt es hier nicht. Es gibt vielleicht ein paar Ausländer, die es haben."

Ärzte demonstrieren in Managua vor dem Gericht | Bildquelle: Jorge Torres/EPA-EFE/Shutterstoc
galerie

Einige der entlassenen Ärzte klagen auf Wiedereinstellung.

Falsche Angaben auf dem Totenschein

Schutzkleidung wird in manchen Krankenhäusern mittlerweile nur noch heimlich verteilt. Vierzehn Mitarbeiter seien entlassen worden, sagt der Arzt und Experte für öffentliche Gesundheitssysteme, Fernando Lazcano. Sie hätten sich geweigert, die Anweisungen des Gesundheitsministeriums zu befolgen. "Sie haben Covid-19 als Ursache auf dem Totenschein eingetragen, obwohl ihnen befohlen wurde, eine Lungenentzündung, Bluthochdruck oder Diabetes anzugeben."

In den Krankenhäusern fehle es an allem, sagt Lazcano: an Schutzkleidung, Medikamenten, sogar an Sauerstoff. Die Situation spitze sich immer weiter zu. "Dutzende Ärzte stecken sich mit dem Virus an. Es sind mittlerweile 74 Mitarbeiter, die daran gestorben sind. Die Ärzte arbeiten in vorderster Reihe, um die Menschen in Nicaragua zu versorgen."

"Rette sich, wer kann"

Diese Missstände fassten Mitarbeiter aus Krankenhäusern vor wenigen Wochen in einer gemeinsamen Erklärung zusammen. Darin kritisieren sie den Umgang der Regierung mit der Pandemie und fordern sie dazu auf, präventive Maßnahmen, die auch von der Weltgesundheitsorganisation WHO empfohlen werden, anzuwenden. Die Erklärung wurde von 700 Mitarbeitern aus dem Pflegebereich unterschrieben.

Die Menschen in Nicaragua seien komplett auf sich selbst gestellt, berichtet Lazcano. "Die Regierung ist quasi nicht existent. Wir leben hier nach dem Motto - rette sich wer kann. Wir ergreifen genau die Maßnahmen, die von den internationalen Gesundheitsorganismen empfohlen werden. Die Bevölkerung hat selbst angefangen, sich zu schützen."

Nicaraguas Präsident Daniel Ortega (Archivbild) | Bildquelle: AP
galerie

Nicaraguas Präsident Daniel Ortega ist seit dem Ausbruch der Pandemie kaum öffentlich aufgetreten.

Ortega taucht ab

Abgesehen von drei kurzen Fernsehauftritten taucht Präsident Daniel Ortega in der Öffentlichkeit nicht mehr auf. Seine Ehefrau, die Vizepräsidentin Rosario Murillo, schaltet sich täglich telefonisch in eine Nachrichtensendung ein. Schwerpunktthema ist der Glaube an Gott gegenüber der Pandemie. Und sie bereitet die Bevölkerung auf die Feierlichkeiten für den 19. Juli vor - den 41. Jahrestag der sandinistischen Revolution.

"Es wird ein siegreicher innovativer Tag. Es wird wie immer ein Triumph. Wir arbeiten alle daran, als Familie, als Gesellschaft zusammen mit unserem Comandante Daniel, damit es ein unvergesslicher Tag wird."

Kritiker: Regierung schafft Scheinwelt

Ob die Vizepräsidentin an eine große Parade denkt, ein großes Fest mitten in der Corona-Pandemie, ist unklar. Murillo schreckte jedenfalls nicht davor zurück, noch im März eine Großkundgebung zu organisieren, deren Motto an den kolumbianischen Literaten Gabriel García Marquez erinnern sollte: "Liebe in Zeiten von Covid-19."

Die Regierung schaffe mit derartigen Veranstaltungen eine Scheinwelt, kritisiert die nicaraguanische Schriftstellerin Gioconda Belli gegenüber CNN. "Die Leute sollen denken, dass es kein Problem gibt. Aber seit Mai hat sich die Anzahl der Menschen multipliziert, die an dem Virus gestorben sind."

Laut dem Gesundheitsministerium in Nicaragua sind es rund 2500 Menschen, die sich im Land mit dem Coronavirus infiziert haben, 83 Menschen sollen das Leben verloren haben. Eine unabhängige Gruppe registrierte in Nicaragua hingegen mittlerweile fast 1900  Menschen, die an Covid-19 gestorben sind.

Corona-Krise in Nicaragua: Masken unerwünscht
Anne Demmer, ARD Mexiko-Stadt
02.07.2020 00:29 Uhr

Download der Audiodatei

Wir bieten dieses Audio in folgenden Formaten zum Download an:

Hinweis: Falls die Audiodatei beim Klicken nicht automatisch gespeichert wird, können Sie mit der rechten Maustaste klicken und "Ziel speichern unter ..." auswählen.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 02. Juli 2020 um 05:50 Uhr.

Korrespondentin

Anne Demmer  | Bildquelle: Klaus Dieter Freiberg Logo rbb

Anne Demmer, rbb

Darstellung: