In dem abgelegenen Hof in den Niederlanden soll eine Familie jahrelang im Keller gehaust haben. | Bildquelle: AFP

Fall der isolierten Familie Was passierte in Ruinerwold?

Stand: 21.01.2020 02:48 Uhr

Es ist ein bizarrer Fall: Ein Niederländer hielt sechs seiner Kinder über Jahre auf einem abgelegenen Bauernhof versteckt und missbrauchte sie vermutlich auch. Vieles ist noch ungeklärt, ab heute ist der Fall vor Gericht.

Von Ludger Kazmierczak, ARD-Studio Den Haag

An einem Montagabend im Oktober nimmt Jan allen Mut zusammen. Der 25-Jährige verlässt den weitab vom Ortskern gelegenen Bauernhof und macht sich zu Fuß auf den Weg nach Ruinerwold. Er betritt das Café "De Kastelein", wo der Wirt Chris Westerbeek das Gespräch mit dem sichtbar verstörten jungen Mann sucht.

"Ich habe ihn angesprochen, was mit ihm los sei", erzählt der Wirt "Und dann sagte er, er sei weggelaufen und benötige Hilfe. Das sah man ihm auch an. Und dann haben wir die Polizei eingeschaltet."

Niemand im Ort kennt die Kinder von dem Hof

Die Polizei durchsucht daraufhin die Gebäude am Buitenhuizerweg. In einem versteckten Zimmer des Wohnhauses entdecken sie neben dem schwerkrank im Bett liegenden Gerrit Jan van D. weitere fünf erwachsene Kinder des Mannes. Wie ihr ältester Bruder Jan sind auch sie bei keiner Behörde gemeldet. Niemand im Ort kennt sie, niemand hat sie je zuvor gesehen.

Offenbar hatte der Vater sie neun Jahre lang auf dem Hof versteckt gehalten. Die Staatsanwaltschaft wirft dem 67-Jährigen daher Freiheitsberaubung und die Misshandlung seiner Kinder vor. Er soll sie regelmäßig bestraft, geschlagen und eingesperrt haben, sagt Staatsanwältin Debby Homans. "Außerdem haben unsere Untersuchungen dazu geführt, dass wir den Vater verdächtigen, zwei weitere seiner Kinder sexuell missbraucht zu haben. Dabei handelt es sich um zwei ältere Kinder, die nicht in Ruinerwold lebten und die wir dort auch nicht angetroffen haben."

Auch ein Österreicher angeklagt

Neben dem Vater muss sich auch ein 58-jähriger Österreicher vor Gericht verantworten, der den kleinen Bauernhof in der Provinz Drenthe gemietet hatte. Am Tag der Razzia soll er versucht haben, der Polizei den Zutritt zum Grundstück zu verweigern. Auch ihm wirft die Staatsanwaltschaft Freiheitsberaubung vor. Zudem verdächtigen die Ankläger, Josef B. und Gerrit Jan van D. gemeinsam der Geldwäsche. In der Wohnung fanden die Ermittler eine große Menge Bargeld.

Die Frage, wieso in Ruinerwold eine Familie neun Jahre lang völlig isoliert und unbemerkt leben konnte, treibt auch Bürgermeister Roger de Groot um. Hätten er und seine Mitarbeiter dem seltsamen alten Mann mit dem grauen Rauschebart nicht schon früher einen Besuch abstatten müssen?

Bürgermeister Roger de Groot gibt kurz nach Bekanntwerden des Falles ein Interview (Archivbild) | Bildquelle: AFP
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Bürgermeister de Groot glaubt nicht, dass die Behörden falsch gehandelt haben.

Im religiösen Wahn gezüchtigt?

Nein, sagt de Groot. Dazu habe es nie einen Anlass gegeben. "Wir haben festgestellt, dass es keine Signale gegeben hat, die eine Kontrolle des Hauses gerechtfertigt hätten." Es sei dort eine Person gemeldet gewesen und es habe keine Hinweise gegeben, dass dort noch mehr Menschen wohnen könnten.

Was genau sich über all die Jahre auf dem Hof abgespielt hat, ist noch unklar. In den sozialen Medien kursieren Videos, die den Niederländer als eine Art Guru zeigen, der spirituelle Botschaften verkündet. In einem gerade erschienen Buch über die Familie heißt es, der Vater habe seine Kinder im religiösen Wahn gezüchtigt.

Nach Aussagen seines Anwalts wird Gerrit Jan van D. an der ersten Sitzung nicht teilnehmen. Er sei nach einem Schlaganfall vor drei Jahren halbseitig gelähmt und nicht vernehmungsfähig. Der Österreicher Josef B. und einige der erwachsenen Kinder des Angeklagten hingegen werden anwesend sein. Wann das eigentliche Hauptverfahren beginnt, steht zurzeit noch nicht fest.

Erste Anhörung im Fall der isoliert lebenden Familie von Ruinerwold
Ludger Kazmierczak, WDR Den Haag
20.01.2020 20:07 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 21. Januar 2020 um 06:21 Uhr.

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