Eine weiße Frau hält die Hand eines schwarzen Kindes | Bildquelle: picture alliance / BSIP

1000 Euro für ein Kind Die "Baby-Fabriken" von Nigeria

Stand: 15.11.2019 09:43 Uhr

Nigeria kämpft mit einer besonders perfiden Form des Menschenhandels: Frauen werden festgehalten, um Kinder zu kriegen, die ihnen dann weggenommen und an kinderlose Paare verkauft werden. Auch nach Europa.

Von Dunja Sadaqi ARD-Studio Rabat

Babys - gezeugt und geboren, um verkauft zu werden. Ihre Mütter sind meist junge Frauen und Mädchen, festgehalten in regelrechten "Baby-Fabriken". Vor kurzem entdeckten Sicherheitskräfte in Nigerias größter Stadt Lagos innerhalb von nur einer Woche gleich zwei solcher Wohnhäuser. Jedes Mal befreiten sie mehrere junge Frauen und Mädchen, die Mehrheit von ihnen minderjährig - und hochschwanger.

Auf den Pressekonferenzen blicken sie scheu und verängstigt in die Kameras. Wochen- und monatelang sollen sie festgehalten worden sein. Eine der jüngsten unter ihnen, Joy Jonathan, ist gerade einmal 13 Jahre alt. "Da war diese Frau, die erzählte, ich würde bei Ihrer Schwester bleiben, damit ich bei ihr arbeite. Und ich habe sie gefragt: 'Ist das hier der Ort?' Und die Frau hat zu mir gesagt: 'Keine, die hier ankommt, wird je wieder herausgelassen.'"

Vergewaltigungen

Einige der Mädchen und jungen Frauen berichten von Vergewaltigungen, um sie zu schwängern. Andere sind bereits schwanger angelockt worden. Die Masche ist immer ähnlich, berichten die Behörden: Mädchen würden falsche Versprechungen gemacht, zum Beispiel eine Arbeit als Hausangestellte. Dann würden sie vergewaltigt, damit sie schwanger werden, um die Kinder zu verkaufen.

In manchen Fällen alarmierten argwöhnische Nachbarn die Polizei. Destiny Chema, die selbst in eine solche "Baby-Fabrik" gelockt wurde, gelang die Flucht mit anderen Mädchen, erzählt sie.

"Die Besitzerin des Hauses rief jemanden an und wusste nicht, dass ich sie hören konnte. Ich habe gehört, wie sie gefragt hat, wieviel die Person für einen Jungen bezahlen wollte. Da ist mir klar geworden, weswegen ich hier bin. Ich habe ihr gesagt, so etwas werde ich niemals tun. Und dann haben wir auf unsere Chance gewartet - und als sie einmal das Tor aufgemacht hat, sind wir weggerannt."

Auch nach Europa verkauft

Laut den nigerianischen Behörden werden die Kinder für bis zu 1000 Euro verkauft. Jungen kosten mehr als Mädchen. Die Käufer sind kinderlose Paare aus Afrika und der ganzen Welt, auch aus den USA und Europa. Einige Kinder werden auch als Arbeitskräfte missbraucht, landen in der Prostitution - es gibt Berichte über rituelle Morde. 

Nigerianische Geldscheine | Bildquelle: picture alliance / AP Photo
galerie

Kinderlose Paare zahlen viel Geld für fremde Kinder.

Kinderlosigkeit gilt in Nigeria als Stigma. Legal zu adoptieren oder künstliche Befruchtungen sind für viele mit Scham behaftet und ein gesellschaftliches Tabu. 

Diese "Baby-Fabriken" sind in Nigeria keine Seltenheit. Experten sprechen von einem wachsenden Problem - vor allem im Südosten des Landes. Die Behörden sind alarmiert, sagt auch Polizeisprecher Bala Elkana im nigerianischen Fernsehen.

"Wir haben es hier mit dem gleichen Kartell zu tun. Wir haben die gleichen Leute, die hier arbeiten. Wir haben wahrscheinlich noch viele weiterer solcher Fälle. Alle Bürger in Lagos sollten nach so etwas Ausschau halten. Sehen Sie sich ihre Nachbarschaft an. Und wenn sie ein Haus bemerken, in dem mehrere schwangere Frauen leben - seien Sie wachsam!"

Abtreibungen sind verboten

Die Mädchen sind für diese Kartelle leichte Beute. Ungewollte Schwangerschaften außerhalb der Ehe sind gesellschaftlich verpönt, Abtreibungen verboten. Das spielt viele verzweifelte Frauen in die Hände derer, die vermeintlich Arbeit und ein Dach über dem Kopf anbieten. Aber auch für arme Frauen und Mädchen sind dies oft Lockangebote, in die sie sich aus wirtschaftlicher Not begeben.

Nigeria ist Afrikas größter Ölproduzent, trotzdem sind viele Menschen arm. Die Mehrheit der rund 190 Millionen Einwohner lebt mit weniger als zwei Euro am Tag. Der Menschenhandel ist neben Drogenhandel und Finanzbetrug einer der größten Kriminalitätszweige.

In der Vergangenheit wurden immer wieder solche "Baby-Fabriken" ausgehoben, Verantwortliche verhaftet. Regelmäßig liest man über Razzien der Behörden. Das Problem des Kinderhandels ist in Nigeria weit verbreitet. Medien berichten immer wieder über illegale Waisen- oder Krankenhäuser, in denen Kinder verschwinden. Bis heute haben die nigerianischen Behörden aber noch keine Antwort auf den wachsenden Menschenhandel im Land gefunden.

1000 Euro für ein Kind – Nigerias Problem mit "Baby-Fabriken"
Dunja Sadaqi, ARD Rabat
15.11.2019 08:56 Uhr

Download der Audiodatei

Wir bieten dieses Audio in folgenden Formaten zum Download an:

Hinweis: Falls die Audiodatei beim Klicken nicht automatisch gespeichert wird, können Sie mit der rechten Maustaste klicken und "Ziel speichern unter ..." auswählen.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 15. November 2019 um 06:35 Uhr.

Darstellung: