Ein verlassener Klassenraum an der wissenschaftliche Oberschule in Kankara im Bundesstaat Katsina. | Bildquelle: REUTERS

Nigeria Bangen um entführte Schulkinder

Stand: 14.12.2020 17:33 Uhr

Im Nordwesten Nigerias haben Angreifer eine Schule angegriffen. Seitdem werden Hunderte Kinder vermisst. Doch für die verzweifelten Eltern gibt es nun Hoffnung: Sicherheitskräfte sollen die Entführer eingekreist haben.

Von Stefan Ehlert, ARD-Studio Rabat

"Möge Gott unsere armen Kinder retten", ruft Tiijani Mussa ins Mikrofon. Der Name seines Sohnes sei Barde. "Wir appellieren an die Regierung alles zu tun, was möglich ist, um unsere Kinder zu retten. Wir wollen nicht, dass unsere Kinder bei Schusswechseln ums Leben kommen. Wir müssen Geduld bewahren und beten, dass Gott unsere Kinder rettet." Seit Freitag müssen zahlreiche Eltern im Nordwesten Nigerias damit leben, dass sie nicht wissen, wie es ihren Kindern geht.

Eltern der entführten Kinder bei einem Treffen an der Schule, die von Bewaffneten angegriffen wurde. | Bildquelle: REUTERS
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Eltern der entführten Kinder bei einem Treffen an der Schule.

Suche nach mehr als 300 Kindern

Mehr als 800 Jungen besuchten die wissenschaftliche Oberschule in Kankara im Bundesstaat Katsina. Am späten Freitagabend näherte sich eine unbekannte Zahl an Angreifern auf Motorrädern der Anstalt und eröffnete das Feuer. 200 Kinder entkamen den Tätern. Doch mehr als 600 nahmen sie mit, hieß es anfangs.

Seitdem hat der Gouverneur von Katsina, Amino Bello Masari, die Zahl nach unten korrigieren können: "Wir gehen von 333 Kindern aus, und es kommen noch immer welche aus dem Wald heraus. Wir bitten die Eltern, herauszufinden, ob ihre Kinder nach Hause gekommen sind, denn die Lokalregierungen sagen, so viele seien heimgekommen, aber bis jetzt suchen wir noch immer nach 333 Kindern."

Regierung: Haben Entführer lokalisiert

Inzwischen mögen es weit weniger Schüler sein, nach denen noch gesucht wird. Die Frage ist: Wie viele Kinder kann eine Gruppe bewaffneter Angreifer kontrollieren? Zeugenaussagen zufolge trieben sie die Kinder mit Schlägen durch den Wald. Die Geiseln mussten laufen, allerdings gibt es auch Berichte wonach sie mit Bussen abtransportiert wurden. Doch sehr weit sollen sie nicht gekommen sein.

Man habe die Entführer lokalisiert, sagte Nigerias Verteidigungsminister Bashir Salihi Magassi gestern: "Armee, Polizei und andere Sicherheitsorgane müssen jetzt sehr schnell sein, um die Kinder zu retten. Ich glaube, wir können das schaffen ohne Kollateralschäden für die Menschen im Katsina State. Wir wissen alles, wo sie sind, wie sie sich bewegen und ihren Modus Operandi". Mit "sie" meint der Minister die Entführer. Dem Vernehmen nach wollen die Täter mit der Geiselnahme Lösegeld erpressen. Und es ist keineswegs klar, dass sie alle an einem Ort gefangen halten.

"Wir bitten jeden, uns mit Gebeten zu unterstützen"

Nach der Entführung von mehr als 270 Schulkindern aus Chibok im April 2014 durch die Terrorgruppe Boko Haram konnten die Sicherheitskräfte lange Zeit offenbar wenig bewirken, um die Mädchen, die so genannten Chibok-Girls, frei zu bekommen. Noch immer werden viele von ihnen vermisst. Allein zwischen Januar und Juli diesen Jahres sind nach Angaben von Amnesty International 1100 Menschen im Norden Nigerias ums Leben gekommen, ohne dass die Täter gefasst worden seien.

Auch jetzt in Kankara scheint das Vertrauen der Eltern zu Armee und Polizei nicht sehr groß zu sein: "Ich bin Umma Haruna Bakori", sagt eine Frau, "ich habe einen Sohn, er heißt Mujtabba Usman. Er ist unter den entführten Kindern, und wir bitten jeden, uns mit Gebeten zu unterstützen. Möge Gott unsere Kinder retten." Die Regierung hat vorsichtshalber alle Schulen im Staat Katsina schließen lassen. Sie möchte keine weiteren Entführungen riskieren.

Sorge um Hunderte Schulkinder nach Massenentführung in Nigeria
Stefan Ehlert, ARD Rabat
14.12.2020 11:41 Uhr

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Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 14. Dezember 2020 um 17:00 Uhr.

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