Arbeiter ernten Salat in Murcia (Spanien) | Bildquelle: MARCIAL GUILLEN/EPA-EFE/Shutters

Corona-Ausbrüche in Spanien Risikogruppe Erntehelfer

Stand: 07.07.2020 09:07 Uhr

Schlechte Arbeitsbedingungen und Unterbringung in Massenunterkünften: Nach den erneuten Ausgangssperren in Spanien steht die Obstindustrie in der Kritik. Eine Parallele zu den Fleischbetrieben in Deutschland?

Von Oliver Neuroth, ARD-Studio Madrid

Es sind einige Wochen im Sommer, in denen die kleinen Dörfer rund um Lleida ihre Einwohnerzahl verdoppeln oder sogar verdreifachen. Nicht durch Touristen, sondern durch Erntehelfer. Das Gebiet lebt vom Obstanbau. Wenn die Früchte reif sind, kommen 30.000 bis 35.000 Gastarbeiter, um sie zu pflücken. Nach Medienberichten wurden unter ihnen besonders viele der neuen Covid-19-Fälle in der Region erfasst.

Die meisten Erntehelfer sind junge Afrikaner. Sie zeigen keine Symptome der Krankheit - was die Lage besonders gefährlich macht. Organisationen, die sich um die Menschen kümmern, berichten immer wieder von miserablen Arbeitsumständen. Die Helfer lebten in Massenquartieren, wo sich das Coronavirus gut ausbreiten könne.

Regierung warnt vor "Stigmatisierung"

Kataloniens Regionalregierung hält die Lage für weniger problematisch. Bernat Solé, Minister für Außenbeziehungen und Transparenz, sagte in einem Pressegespräch mit Auslandsjournalisten: "Unsere Nahrungsmittelindustrie macht ihre Sache gut, seit Jahren. Wie überall gibt es auch hier Firmen, die besser und andere, die schlechter sind. In diesem Fall sollten wir die Branche keinesfalls stigmatisieren, ganz im Gegenteil. Der Virusausbruch ist ein generelles Problem, es geht um soziale Kontakte. Es ist nicht allein ein Problem der Obstwirtschaft."

Auch die Bürgermeister der Obstdörfer bitten im spanischen Fernsehen darum, die Gastarbeiter nicht verantwortlich zu machen für die Virusausbrüche. Aber sie geben auch zu, dass ihre Orte gerade jetzt voller Menschen sind und es daher nicht immer so leicht ist, die Sicherheitsabstände einzuhalten.

Ausgangsbeschränkungen zu Ferienbeginn

Ganz anders in Lleida, der 140.000-Einwohner-Stadt, inmitten des abgeriegelten Gebiets in Katalonien: Im Zentrum sind seit dem Wochenende kaum mehr Menschen unterwegs. Was die Geschäftsleute beunruhigt. "Das ist fatal für uns. In den letzten Wochen lief unser Geschäft erst wieder an. Jetzt haben viele Menschen wieder Angst, ihre Häuser zu verlassen."

Die Ausgangsbeschränkungen sind ein Rückschritt für die gut 200.000 Bewohner des Gebiets rund um Lleida. Für sie gelten wieder einige Regeln des Corona-Alarmzustandes, den Spanien vor zwei Wochen erst hinter sich gelassen hatte. Sie dürfen nicht in andere Provinzen des Landes fahren, um Freunde oder Verwandte zu besuchen - und das ausgerechnet kurz nach dem Start der Schulferien in Spanien.

 

"Katalonien bleibt offen"

Für die Regionalregierung ist klar: Auch Urlauber sollen Katalonien genießen. Sie fürchtet, dass die Ausgangssperre rund um Lleida Besucher abschrecken könnte. Solé versucht zu beruhigen: "Keinesfalls werden wir Katalonien komplett abriegeln. Dieser Virus-Ausbruch befindet sich in einer kleinen, abgegrenzten Zone. So etwas ist in vielen Ländern schon vorgekommen. Aus Vorsicht mussten wir die Ausgangssperre verhängen. Aber Katalonien bleibt offen."

Die lokale Ausgangssperre im Gebiet Lleida soll mindestens für 15 Tage gelten. Damit wäre sie dreimal so lang wie im zweiten abgeriegelten Corona-Gebiet Spaniens, in La Mariña im nordwestlichen Galicien. Dort war es nach ausschweifenden Partys von jungen Leuten zu Virusausbrüchen gekommen. Die Behörden wollen die neuen Beschränkungen am Freitag wieder aufheben, auch die Maskenpflicht an den Stränden - pünktlich zur Regionalwahl in Galicien am Sonntag.

Corona Spanien: Gebiete abgeriegelt - Virusschleuder Obstindustrie?
Oliver Neuroth, ARD Madrid
07.07.2020 08:44 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk "Informationen am Morgen" am 07. Juli 2020 um 05:12 Uhr.

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