"Maximal vier Personen pro Kabine"mahnt ein Skilift nahe Sölden im Ötztal an. | Bildquelle: REUTERS

Corona-Auflagen in Österreich Im Sommer zu locker, nun zu streng?

Stand: 21.10.2020 20:32 Uhr

Mancher Österreich-Urlauber wunderte sich im Sommer über die verhältnismäßig lockeren Corona-Auflagen. Nun steigen die Fallzahlen - und aus der Skitourismus-Branche kommt Kritik an Kanzler Kurz.

Von Nikolaus Neumaier, ARD-Studio Wien

Lukas Riml, der Geschäftsführer des Hotels "Alpina" in Sölden, macht sich Sorgen um die Zukunft. Im Ötzal beginnt der Alpine Skiweltcup, der Himmel ist strahlend blau - doch Rimls Stimmung ist getrübt: Als Hotelier wisse er nicht, wie es weitergeht, sagt er.

Riml hofft darauf, dass die Reisewarnungen des Auswärtigen Amtes für seine Region bis Dezember aufgehoben werden, denn er lebt vor allem von Gästen aus Deutschland. Die schwierige Lage sei noch kein Grund, das Krisenmanagement der eigenen Bundesregierung grundsätzlich zu hinterfragen, meint er.

Allerdings lässt er durchblicken, dass die Lockerungen der Corona-Maßnahmen für ihn zu früh kamen: "Vielleicht waren wir im Sommer doch ein bisschen zu locker, das ist nur meine Einschätzung. Vielleicht hätte man da frühzeitig mit ein bisserl strengeren Maßnahmen vorgehen können, um im Herbst sich die Zahlen doch ein bisschen niedriger halten zu können."

Urlauber wunderten sich über die Lockerheit

Seine Kritik dürfte vor allem auf Bundeskanzler Sebastian Kurz gemünzt sein. Zu Beginn der Corona-Krise in Europa war er schneller und strenger vorgegangen als andere Regierungschefs. Als er Mitte März ankündigte, Österreich müsse "auf Notbetrieb" heruntergefahren werden, hatten in Deutschland Schulen und Kitas noch nicht offiziell geschlossen, in Bayern fanden noch Kommunalwahlen statt.

Bayerns Ministerpräsident Markus Söder attestierte den Österreichern einen Vorsprung von zwei Wochen. Als Kurz die Maßnahmen lockerte, blieb Söder skeptisch. Bayerische Urlauber, die zu Besuch in Österreich waren, wunderten sich über die Lockerheit im Nachbarland - auch im Umgang mit Masken. Inzwischen sind andere Töne zu hören. Die Rücknahme der strengen Regeln kam zu schnell, und Österreich habe einen Vorteil verspielt, meinen Händler auf den Wiener Wochenmärkten.

"Folgenschwere Fehleinschätzung" in Ischgl

Die deutlichste Kritik kam von der unabhängigen Expertenkommission, die das Krisenmanagement nach dem Corona-Ausbruch im Skiort Ischgl untersuchen sollte - und bewusst politische Bewertungen oder Schuldzuweisungen vermied. Umso erstaunlicher war, dass der Vorsitzende der Kommission, der ehemalige Richter Ronald Rohrer, Bundeskanzler Kurz die Verantwortung für das Chaos bei der Abreise der Urlauber gab.

Im Bericht, der am 12. Oktober in Innsbruck präsentiert wurde, ist von einer "folgenschweren Fehleinschätzung" die Rede. Die Quarantäneanordnung des Kanzlers sei "überraschend und ohne Bedacht" erfolgt. Kurz habe "ohne formelle Zuständigkeit" gehandelt und sich auch zu wenig mit den Landesbehörden abgestimmt. Das Fazit der Experten: Erst dadurch sei es zu Panikreaktionen gekommen.

Die Opposition im österreichischen Nationalrat nutzte die Einschätzung der Experten als Steilvorlage. Die liberalen Neos titulierten ihn als "Panik-Kanzler", der "gut im Zusperren und Abriegeln" sei. Die SPÖ machte Kurz für "Panik und Chaos" verantwortlich und möchte einen Untersuchungsausschuss. Die rechtspopulistische FPÖ nannte ihn den "Superspreader Österreichs".

Kurz meldete sich nach der heftigen Kritik auffallend häufig in der Öffentlichkeit zu Wort. Am Montag schwor er die österreichische Bevölkerung auf harte Herbst- und Wintermonate ein. Zuvor hatte er sich schon in einer Online-Ansprache direkt an die Österreicher gewandt. Seine Botschaft: Die Lage ist ernst.

"Wenn es uns nicht gelingt, das Wachstum einzubremsen, dann haben wir im Dezember täglich Neuinfizierten-Zahlen von rund 6000", sagte er in der Ansprache. Tags darauf kündigte er dann in einer Pressekonferenz mit seinem Koalitionspartner an, es werde ein "rot-weiß-roter Kraftakt" nötig sein - und präsentierte schärfere, landesweit geltende Regeln.

"Wir wären vorbereitet gewesen"

Hoteliers, Liftbetreiber und Vertreter der Tourismuswirtschaft hoffen jetzt, dass die Wintersaison irgendwie gesichert werden kann. Oliver Schwarz, der Geschäftsführer vom Verband "Ötztal Tourismus", hinterfragt die neuen Maßnahmen.

Er kritisiert auch das Vorgehen bei der Einführung der Registrierungspflicht als zu schnell, zu überhastet. "Meiner Meinung nach könnte man das besser planen. Man hätte ja auch schon früher in diese Richtung arbeiten können", sagt er. "Wir wären vorbereitet gewesen. Wir hätten nur noch wissen müssen, welche Daten benötigt werden". Seine Forderung an die Politik - in den Ländern und der Bundesregierung: Die, die es umsetzen müssen, besser einbeziehen.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 19. Oktober 2020 um 13:17 Uhr.

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