Tapanuli Orang-Utan | Bildquelle: picture alliance/KEYSTONE/ UNIVERSITAET ZUERICH/Maxime Aliaga

Corona-Pandemie Wie das Virus auch Orang-Utans bedroht

Stand: 06.05.2020 08:52 Uhr

Auch Orang-Utans können mit dem Virus infiziert werden, sagen Spezialisten. Für eine erst kürzlich entdeckte Art könnte es sogar das Ende bedeuten. Schutzstationen in Borneo und Sumatra versuchen zu helfen.

Von Lena Bodewein, ARD-Studio Singapur

Orang-Utans leben hoch in den Bäumen, meist allein oder als Mutter mit Kind - sie sind auf natürliche Weise in Isolation. Trotzdem sind diese Tiere nicht nur in Gefahr durch Wilderer und Abholzung der Regenwälder, sondern auch durch das Coronavirus. Der wissenschaftliche Konsens sei klar, sagt Ian Singleton. "Wir müssen davon ausgehen, dass Orang-Utans und auch fast alle anderen Primaten hier an Covid 19 erkranken können. Die Frage ist nicht ob, sondern wann das geschieht."

Ansteckung "unvermeidlich"

Auf Sumatra leitet Singleton das "Sumatra Orang-Utan-Schutz-Programm" SOCP. Der Zoologe weist auf die Ähnlichkeiten im Erbgut zwischen Menschen und diesen Menschenaffen hin, die 97 Prozent des Genmaterials teilen. Auch das Enzym, das als Eintrittspforte für das Coronavirus in die Lungenzelle gilt.

"Da wir annehmen, dass das Virus nicht verschwindet, sondern für Monate, Jahre oder für immer besteht, ist es unvermeidlich, dass sich Primaten und damit Orang-Utans anstecken", sagt Singleton.

Tapanuli Orang-Utan | Bildquelle: picture alliance/KEYSTONE
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Der Tapanuli-Orang-Utan ist erst seit 2017 bekannt.

Vom Aussterben bedroht

Eine zerstörerische Gefahr: Vom Sumatra-Orang-Utan gibt es noch etwa 13.000 Exemplare, und vom Pongo Tapanuliensis sogar nur 800. Dieser Tapanuli-Orang-Utan ist erst seit 2017 bekannt und als eigene Art beschrieben worden, die siebte Menschenaffenart überhaupt. Doch er ist nicht nur bedroht, weil in seinem bergigen Lebensraum im Batang Toru-Wald ein Wasserkraftwerk gebaut werden soll, sondern eben auch durch das Coronavirus.

"Es reicht, wenn ein paar Dutzend oder hundert Tiere sterben, dann verhindern Inzucht und andere Faktoren, dass die Population sich erholt - und bei einer Zahl von nur 800 Exemplaren kann der Tapanuli-Orang-Utan effektiv aussterben“, so Singleton.

Gefahr durch Wilderer

Seit Mitte März sind die Nationalparks auf Sumatra und Borneo geschlossen, seit die indonesische Regierung Schutzmaßnahmen verhängt hat; somit kommen keine Touristen zu den Fütterstationen in den Wäldern, an denen Orang-Utans manchmal auftauchen. Das Problem ist, dass so nur noch wenige Wildhüter in den Parks aufpassen, illegale Abholzer und Wilderer haben es jetzt leichter. Die Tiere in der Wildnis sind das eine, das andere sind die in den Schutzeinrichtungen.

"Sobald die Epidemie in Indonesien ankam, haben wir reagiert“, erzählt Renie Djojoasmoro. "Nur noch wenige Mitarbeiter haben Kontakt zu den Orang-Utans, nur wenige dürfen sie füttern oder die Käfige reinigen. Die Tiere müssen leider in den Käfigen bleiben, aber unser Tierarzt untersucht sie täglich.“

Borneo: 300 Tiere in Pflege

Renie Djojoasmoro arbeitet bei der "Internationalen Orang-Utan Stiftung" OFI auf Borneo. Sie haben derzeit 300 Tiere in ihrer Obhut. Verletzte Tiere, Gewilderte und Orang-Utan-Kinder, deren Mütter getötet wurden. "Wir sind in dieser Covid 19-Situation extra vorsichtig und kontrollieren die Gesundheit unserer Mitarbeiter genau, damit sie die Orang-Utans nicht anstecken."

Mitarbeiter tragen Masken, Handschuhe, desinfizieren ihre Kleidung und Schuhe, das Futter wird gereinigt, kein offizieller Besucher, egal wie wichtig ist zugelassen. "Bisher haben wir aber noch von keinem infizierten Orang-Utan irgendwo gehört. Zum Glück", so Djojoasmoro.

Bisher kein Krankheitsfall

Bei Djojoasmoro auf Borneo wie auch auf Sumatra beim Schutzprogramm SOCP ist bisher kein Krankheitsfall aufgetreten. Doch Wilderer lassen sich schwer aufhalten; darum gibt es weiterhin Orang-Utan-Babys, die als exotische Haustiere gehandelt werden sollten. Weil Orang-Utan-Mütter ihre Kinder niemals loslassen, bringen die Wilderer sie um und nehmen die Babys mit.

In den vergangenen Wochen sind vier dieser Waisenkinder gerettet und zu SOCP gebracht worden, erzählt Ian Singleton: "Keines der Tiere scheint erkrankt zu sein, aber wir haben sie trotzdem von den anderen Orang-Utans getrennt." In einem Bereich der bestehenden Quarantänestation seien Plexiglasscheiben aufgestellt worden, damit keine Tröpfchen zu den Tieren in nahen Käfigen fliegen können.

Langsam wird es voll in den Schutzstationen

Für die nächsten Jahre werden die zehn Monate alte Siska, die einjährigen Ona und Opi und Haryo im Schutzprogramm bleiben. Hier lernen sie im Waldkindergarten alles, was ein Orang-Utan normalerweise von seiner Mutter lernt - bis sie groß genug sind, um ausgewildert zu werden. Momentan jedoch wird wegen der Corona-Gefahr kein Tier freigelassen. Langsam wird es voll in den Schutzstationen.

Das Virus bedroht auch Orang-Utans
Lena Bodewein, ARD Singapur
06.05.2020 07:47 Uhr

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Über dieses Thema berichtete NDR Info am 06. Mai 2020 um 11:38 Uhr.

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