Ein Polizist patrouilliert hinter einem Absperrband in der Nähe einer Moschee im Zentrum von Christchurch | Bildquelle: dpa

Report zu Christchurch-Attentat Arderns Entschuldigung an die Opfer

Stand: 08.12.2020 12:12 Uhr

51 Menschen starben beim Anschlag von Christchurch im März 2019. Nun hat eine Kommission ihren Untersuchungsbericht vorgelegt. Der Report will kein Versagen der Behörden erkennen, nennt aber sehr wohl Versäumnisse.

Von Lena Bodewein, ARD-Studio Singapur

Können 800 Seiten erklären, wie 51 Menschen sterben konnten? Oder wie sie hätten gerettet werden können? "Als wir diese Untersuchung in Auftrag gegeben haben, habe ich gesagt, dass wir jeden Stein umdrehen um herauszufinden, wie dieser Angriff geschehen konnte. Was hätten wir tun können, um ihn zu verhindern", sagte Neuseelands Premierministerin Jacinda Ardern in der Hauptstadt Wellington.

Dort diskutierte heute das Parlament über den Abschlussbericht zur Terrorattacke von Christchurch. 20 Monate ist es her, dass das Land seinen dunkelsten Tag erleben musste. Damals richtete ein australischer Terrorist betende Männer, Frauen und Kinder in zwei Moscheen regelrecht hin. Nun sollen Antworten her, wie und warum diese Tat geschehen konnte.

Schlupflöcher bei Waffenlizenzen

Die Kommission habe kein Versagen innerhalb der Behörden entdeckt, nichts, wodurch der Terrorist in seiner Planung und Vorbereitung hätte entdeckt werden können, sagte Ardern. "Aber sie haben viele Lektionen gefunden, die wir daraus lernen können, und viele Bereiche, in denen Verbesserungen nötig sind."

Dazu zählen einige Fehler in der Vergabe von Waffenlizenzen: Das vorhandene System genügte keinen hohen Standards, und so konnte ein Online-Gaming-Kumpel des Terroristen als dessen Bürge für die Waffenlizenz herhalten, obwohl er von dessen rassistischen und islamophoben Tendenzen wusste.

Unverhältnismäßige Überwachung?

Ardern nahm auch die Sicherheitsbehörden und den Geheimdienst in die Pflicht. Die muslimische Gemeinschaft hätte seit Jahren ihre Bedenken geäußert, weil sie in einem Maß von den Sicherheitsbehörden überwacht wird, das in keinem Verhältnis steht, erzählte die Regierungschefin. "Eine muslimische Mitbürgerin sagte zu mir: 'Wir können nur annehmen, dass eine Bedrohung für ihre Gemeinschaft mit derselben Gründlichkeit überwacht wird.'"

Beispielsweise dokumentierte die Vereinigung islamischer Frauen in Neuseeland über viele Jahre, wie sie rassistisch beleidigt oder sogar angegriffen wurden, aber ohne, dass die Behörden es ernst nahmen. Der Untersuchungsbericht belegt, dass es eine unverhältnismäßige Konzentration der Mittel in der Überwachung gab. Die Maßnahmen zielten vor allem auf einen möglichen islamistischen Terror ab. Aber ein Terrorismus, der sich aus anderen Ideologien speist wie Rechtsextremismus, die Idee weißer Überlegenheit, Islamfeindlichkeit, sei nicht genügend berücksichtigt worden.

Doch die Kommission habe trotzdem keinen Hinweis finden können, dass der Terrorangriff hätte verhindert werden können, wenn diese Probleme behoben worden wären, stellte Ardern klar. "Dennoch sind es Versäumnisse. Und dafür entschuldige ich mich im Namen der Regierung."

Empfehlungen sollen umgesetzt werden

Eine Entschuldigung ohne daraus folgende Handlung - das sei hohl, meinte Ardern. Darum will die Regierung auch im Prinzip alle 44 Empfehlungen, die der Bericht ausspricht, umsetzen. Ein Ministerium für Ethnische Gemeinschaften soll eingerichtet werden, die Polizei soll besser und schneller auf Hass-Verbrechen reagieren können, Menschen, die Anzeichen von Radikalisierung zeigen, sollen durch Interventionsprogramme aufgefangen werden.

"Schlussendlich kann dieser 800-Seiten-Bericht auf einen simplen Satz konzentriert werden: Islamische Neuseeländer sollten sicher sein", sagte die Premierministerin. Jeder, der Neuseeland als seine Heimat ansehe, sollte sicher sein, ohne Ansehen seiner Ethnie, Religion, sexuellen Orientierung oder seines Geschlechts. 800 Seiten können nicht erklären, wie 51 Menschen sterben konnten. Aber vielleicht können sie weitere Leben retten.

Untersuchungsbericht zu Terrorattacke in Christchurch
Lena Bodewein, ARD Singapur
08.12.2020 10:48 Uhr

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Dieser Beitrag lief am 08. Dezember 2020 um 10:39 Uhr auf B5 aktuell.

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