Eine mit Flaggen und Werbung politischer Parteien behängte Straße in Pakistan | Bildquelle: REUTERS

Wahlen in Pakistan Gefolterte Blogger und Selbstzensur

Stand: 23.07.2018 19:50 Uhr

Vor der Wahl in Pakistan stehen die Medien des Landes unter Druck. Kritische Journalisten und Blogger berichten von Entführungen und Folter. Manchen blieb nur der Weg ins Exil.

Von Silke Diettrich, ARD-Studio Neu-Delhi

Als im vergangenen Jahr fünf Blogger in Pakistan innerhalb weniger Tage verschwanden, trauten sich Demonstranten in der Hauptstadt Islamabad auf die Straße. Die Medien berichteten darüber, die Proteste wurden größer. Nach zwanzig Tagen waren alle fünf wieder zu Hause - aber nur für kurze Zeit. So schnell es ging, packten sie ihre Sachen und verließen das Land.

Einer der Verschwundenen war der Universitätsprofessor Salman Haidar. Heute lebt er in Kanada. "Sie haben mich mit Elektroschockern gefoltert", berichtet er über die Tage, in denen er verschwunden war. "Fünf, sechs Leute haben auf mich eingeprügelt, mit ihren Fäusten, mit Stöcken. Sie hatten meine Augen verbunden, meine Hände gefesselt und mich gefoltert."

Wahlkampf in Pakistan
tagesthemen 22:15 Uhr, 23.07.2018, Peter Gerhardt, ARD Neu Delhi

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70 Jahre Schweigen

Haider hatte für mehrere Zeitungen in der Landessprache Urdu Kolumnen geschrieben, an der Universität gelehrt und Theaterstücke inszeniert. Zusammen mit den anderen Bloggern hatte er auf einer Internetseite recht offen die Machenschaften des Militärs in Pakistan kritisiert. Daher bleibt für ihn kein Zweifel, wer für seine Folter und seine Entführung verantwortlich ist. "Es war der ISI", sagt er.

ISI ist der pakistanische Geheimdienst des Militärs. Agenten hätten seine Familie aufgesucht, sagt Haider. Freunde hätten sein Handy getrackt und gesehen, dass er in der Zeit seines Verschwindens auf einem Militärgelände gewesen sei. "Wäre ich noch in Pakistan, hätte ich das nie so sagen können", glaubt er.

Noch bis vor zehn Jahren reagierte das Militär diktatorisch in dem Land. Unter der Hand sprechen viele Pakistaner von den Praktiken des Militärs. Dies nun laut und öffentlich zu erzählen, selbst im Ausland, sei ein absolutes Novum, sagt die Journalistin Gul Bukhari. "In 70 Jahren, seitdem es dieses Land gibt, hat sich nicht ein einziger getraut, darüber zu sprechen", sagt sie. "Weder hier noch im Exil. Das ist das allererste Mal."

Die Aktivistin Bukhari lebt ausgerechnet auf einem Militärgelände in der Stadt Lahore, aber während des Interviews nimmt sie nicht ein einziges Mal das Wort "Militär" in den Mund. Seit Jahrzehnten nutzen Kritiker wie sie andere Begriffe, um die Armee zu beschreiben: der Staat im Staat, das Establishment. Oder einfach nur "sie".

Die Journalistin und Aktivistin Gul Bukhari | Bildquelle: REUTERS
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Nach dem Interview mit der ARD verschwand Gul Bukhari für eine Nacht. Darüber, was ihr in diesen Stunden geschah, spricht sie nicht.

Verleger unter Druck gesetzt

Pakistan hält am 25. Juli Parlamentswahlen ab, und viele Medien des Landes sehen sich unter Druck gesetzt. Das Komitee zum Schutz von Journalisten (CPJ) hat die Umstände vor der Wahl als gefährlich dargestellt. Vor kurzem druckte die Zeitung "The Dawn", die älteste Pakistans, ein Interview mit dem ehemaligen Premierminister, in dem auch er das Establishment kritisierte. So viele Zeitungshändler wurden daraufhin eingeschüchtert, dass diese Ausgabe in vielen Teilen des Landes nicht verkauft oder verteilt wurde. Auch der englischsprachige Fernsehsender Geo war in weiten Teilen des Landes immer wieder mal nicht zu empfangen. Jetzt ist er auf einen anderen Sendeplatz gerückt, weit nach hinten.

Es gebe eine Sprachgrenze, sagt Haider. Dinge, die auf Englisch diskutiert würden, kämen in der Landessprache Urdu gar nicht vor. Englisch ist in Pakistan die Sprache der Elite, Urdu die des Volkes und viel weiter verbreitet. Die Urdu-sprachigen Zeitungen und Sender würden alle vom Militär kontrolliert oder sich selber eine Zensur auferlegen.

Wenn die englischsprachigen Medien Kritik äußerten, würden Verleger unter Druck gesetzt. Aber durch die sozialen Netzwerke würden dem Militär die bisherigen Zügel aus der Hand genommen, sagt Bukhari. Auf Twitter folgen der Journalistin 85.000 Nutzer. "Ein Krieg hat begonnen", sagt Bukhari. "Sie versuchen, die Aktivisten in den sozialen Medien mundtot zu machen. Sie sind frustriert, weil sie unsere Accounts nicht schließen können. Deshalb bleibt ihnen nur, die Leute zu entführen oder sie zu verprügeln."

Genau das ist auch ihr selbst widerfahren. Nach dem Interview mit der ARD war die Aktivistin für eine Nacht spurlos verschwunden. Was in diesen Stunden passiert ist, darüber spricht sie nicht. Sie und ihre Familie leben noch in Pakistan. Aber sie twittert jetzt wieder, auf Urdu und Englisch.

Lebenslänglich im Exil

Der Kolumnist Haider musste das Land verlassen. Als er mit den anderen Bloggern verschwunden war, wurde auf sämtlichen Kanälen ein Gerücht verbreitet. "Es war eine Blasphemie-Kampagne", sagt er. "So ein Vorwurf ist wie ein hängendes Schwert über dir in Pakistan." Nach solchen Gerüchten seien Menschen schon im Land umgebracht worden, ohne dass jemand deswegen offiziell verurteilt worden wäre. Auf Blasphemie steht die Todesstrafe in Pakistan, ganz offiziell - wenn nicht fanatische Gläubige einem solchen Urteil zuvor kommen.

Für Haider ist der Vorwurf der Gotteslästerung vor allem eines: "Sie haben die religiöse Karte gezogen. Sie wussten, es würde uns nicht nur bis auf Weiteres ruhig stellen, sie wussten auch, dass es eine konstante Bedrohung für uns sein würde." Das bedeutet nichts anderes als lebenslänglich im Exil.

Gefolterte Blogger und Selbstzensur vor den Wahlen in Pakistan
Silke Diettrich, ARD Neu-Delhi
23.07.2018 17:50 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk Kultur am 23. Juli 2018 um 17:16 Uhr.

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