Papst Franziskus | Bildquelle: REUTERS

Vatikan in Corona-Krise Papst Franziskus auf Distanz

Stand: 30.03.2020 11:03 Uhr

Der Vatikan gibt sich in der Corona-Krise noch verschlossener als sonst. Dabei hat er die höchste Infektionsrate der Welt - und der Papst Lungenprobleme. Und was ist mit Benedikt XVI.?

Von Jörg Seisselberg, ARD-Studio Rom

Die Information kam mit einigen Tagen Verspätung. Sechs Menschen seien im Vatikan mit dem Coronavirus infiziert, teilte Papst-Sprecher Matteo Bruni am Wochenende mit. Zuvor hatten bereits mehrere italienische Medien berichtet, ein Mitarbeiter des vatikanischen Staatsekretariats sei unter anderem betroffen. Er lebt, wie jetzt auch offiziell bestätigt, in der Casa Santa Marta neben dem Petersdom. Dort, wo auch Papst Franziskus schläft und arbeitet. Ein Coronavirus-Fall im erweiterten Umfeld des Papstes - eilig wurde daraufhin ein zweiter Coronavirus-Test bei Franziskus durchgeführt.

Das Ergebnis war zur großen Erleichterung aller im Vatikan negativ. Bereits zuvor hatte der Papst sein tägliches Leben umgestellt, erzählt Buchautor Iacopo Scaramuzzi, einer der besten Vatikan-Kenner: "Er isst nicht mehr mit anderen zusammen in der Casa Santa Marta und hält Distanz. Auch wenn er nach wie vor täglich Personen zu Audienzen empfängt. Diese Audienzen finden gemäß der empfohlenen Distanzregeln statt, um eine Ansteckung zu verhindern."

Papst Franziskus | Bildquelle: AP
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Papst Franziskus zählt mit 83 Jahren und seinen Vorerkrankungen zu der Risikogruppe der in der Covid-19-Pandamie besonders gefährdeten Personen - ihm fehlt ein Teil eines Lungenflügels.

Höchste Infektionsrate der Welt

Mit seinen sechs Coronavirus-Fällen hat der Vatikan rechnerisch derzeit die höchste Infektionsrate der Welt. Bezogen auf die Einwohnerzahl ist die Summe der Fälle viermal höher als im umliegenden Italien, zehnmal höher als in den USA. Die Statistik wird dadurch etwas verzerrt, da der kleinste Staat der Welt offiziell nur 1000 Einwohner hat, aber deutlich mehr Menschen hier täglich arbeiten. Dennoch, das Virus ist hinter den Mauern des Vatikans angekommen.

Vor zwei Tagen berichtete "La Stampa", die päpstliche Apotheke habe 700 Covid-19-Tests bestellt. Der Druck des Osservatore Romano wurde erstmals in der Geschichte der Zeitung vorübergehend eingestellt, aus Angst vor Ansteckungen in der Druckerei des Vatikans.

Papst Franziskus zählt mit seinem Alter und seinen Vorerkrankungen - ihm fehlt ein Teil eines Lungenflügels - zu der Risikogruppe der in der Covid-19-Pandamie besonders gefährdeten Personen. Scaramuzzi aber sagt: "Papst Franziskus passt auf sich auf. Er ist sich bewusst, dass er 83 Jahre alt ist und dass er seit der Kindheit leichte Lungenprobleme hat. Er ist daher nicht unvorsichtig und setzt seine Gesundheit nicht durch unkontrollierte Kontakte aufs Spiel."

Lebensstil nicht völlig verändert

Gleichzeitig hat Franziskus seinen Lebensstil nicht völlig verändert. Einen Umzug in den Apostolischen Palast, wo seine Vorgänger gewohnt haben und wo er jetzt besser vor möglichen Ansteckungen abgeschottet wäre, lehnt Franziskus ab. Bei Audienzen trägt der Papst nach wie vor keinen Mundschutz. Das tat er auch nicht am 9. März, als er in seiner letzten Gruppenaudienz mit französischen Bischöfen zusammentraf - von denen einer kurz darauf positiv auf das Coronavirus getestet wurde. Auf eine Begrüßung per Händedruck, bei dem Bischofsbesuch Anfang März noch praktiziert, verzichtet Franziskus in den jetzigen Einzelaudienzen.

Papst Franziskus bei der Messe im Vatikan | Bildquelle: dpa
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Auf den geliebten Kontakt mit Gläubigen muss Papst Franziskus derzeit verzichten. Vergangene Woche spendete er den Segen "Urbi et Orbi" vor dem verwaisten Petersplatz.

Der Papst halte sich an die Empfehlungen, sagt Scaramuzzi, auch wenn es ihm manchmal schwerfalle: "Er hat es selbst gesagt: Er fühlt sich wie im Käfig, seitdem er nicht mehr im direkten Kontakt mit seinem geliebten 'Volk Gottes' sein kann, zum Beispiel in Messen. Auf der anderen Seite: Er ist ein Papst, der seit dem Beginn seines Pontifikats von einer Kirche predigt, die rausgehen und nah bei den Menschen sein soll. Daher leidet der Papst darunter, dass er derzeit abgekapselt ist und nur über Streaming mit den Gläubigen in Kontakt ist."

Was ist mit Benedikt XVI.?

Keine Informationen gibt der Vatikan über den Gesundheitszustand von Benedikt XVI. heraus. Pressekonferenzen, in denen Journalisten nachfragen können, finden derzeit nicht statt. Die traditionell defensive Kommunikationspolitik des Vatikans ist in diesen Tagen noch zurückhaltender geworden.

Der Papst, der Vatikan und ihr Umgang mit dem Coronavirus
Jörg Seisselberg, ARD Rom
30.03.2020 09:39 Uhr

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Über dieses Thema berichtete MDR AKTUELL im Hörfunk am 30. März 2020 um 01:20 Uhr.

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