Papst Franziskus spricht beim Internationalen Friedensgebet in der Basilika Santa Maria.  | Bildquelle: dpa

Neue Kardinäle Der Papst stellt Weichen

Stand: 28.11.2020 19:41 Uhr

Offiziell gilt im Vatikan, dass mit Kardinalserhebungen keine Kirchenpolitik betrieben wird. Doch bei der Ernennung von 13 neuen Kardinälen dürfte er bereits die Wahl seines Nachfolgers im Sinn gehabt haben.

Von Jörg Seisselberg, ARD-Studio Rom

Es ist eine Kardinalserhebung - und es ist eine Weichenstellung: Mit seiner Auswahl der neuen Kardinäle nimmt Papst Franziskus Einfluss auf die Zukunft der katholischen Kirche. Er stärkt die Gruppe der Kirchenmänner, für die die römische Kurie nicht der Nabel der katholischen Welt ist. Für das Konklave, das den nächsten Papst bestimmt, zeichnet sich damit immer mehr ein Wahlgremium "made by Franziskus" ab.

"Franziskus wollte, dass die Basis gelegt ist für ein Konklave, in dem es eine breite Repräsentanz des Südens der Welt gibt", sagt Marco Politi, Autor zahlreicher Papst-Bücher. Franziskus strebe ein Konklave an, das nicht mehr von der Kurie und von italienischen Kardinälen dominiert werde.

Erstmals Vertreter aus Ruanda und Brunei

Insgesamt 13 neue Kardinäle ernennt - oder wie es in der katholischen Kirche heißt: kreiert - der Papst am Tag vor dem ersten Advent. Zum ersten Mal werden Vertreter aus Ruanda und Brunei Teil des mächtigen Kardinalskollegiums: Antoine Kambanda, der Erzbischof von Kingali, und Cornelius Sim, erster Bischof des Sultanats.

Mit Erzbischof Jose Fuerte Advincula steigt ein zweiter Geistlicher von den Philippinen zum Papstwähler auf. Aus Italien ist unter anderem der sozial engagierte Bischof von Siena, Augusto Lojudice, dabei. Traditionelle italienische Kardinalsstandorte hingegen wie Mailand oder Venedig gehen unter Franziskus erneut leer aus.

Erzbischof Wilton Gregory | Bildquelle: AP
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Auch der Erzbischof von Washington, Wilton Gregory, wird zum Kardinal ernannt.

Erster afroamerikanischer Kardinal

Als Ausrufezeichen ist zu werten, dass Wilton Gregory künftig das scharlachrote Birett tragen wird. Der Erzbischof von Washington wird der erste afroamerikanische Kardinal - und noch dazu ein sehr selbstbewusster. In den vergangenen Wochen legte er sich öffentlich mit dem scheidenden US-Präsidenten Donald Trump an, zuvor hatte er beim Thema Missbrauch in seinem Erzbistum aufgeräumt. Auf die Frage, ob dieses Thema in der Kirche schon ausreichend aufgearbeitet wurde, antwortet Gregory geradeheraus: "Nein. Was wir hierzu gemacht haben, ist gut, ist effektiv. Aber es ist ein fortlaufender Kampf zu garantieren, dass unsere Kinder sicher sind."

Daheim in Sachen Missbrauch aufräumen und dann Kardinal werden: Das ist auch der Weg von Celestino Aos Braco, Erzbischof von Santiago de Chile.

Neue Kräfteverhältnisse im nächsten Konklave

Die einzigen beiden Kurienvertreter unter den neuen Kardinälen sind Marcello Semeraro und Mario Grech. Sie gehören ebenfalls zur Gruppe der Reformer. Der Italiener Semeraro ist langjähriger Vertrauter des aktuellen Papstes und als neuer Chef der Kongregation für Heiligsprechungen damit befasst, das Erbe seines geschassten Vorgängers Giovanni Becciu aufzupolieren. Der Malteser Grech hat sich mit Seenotrettern auf dem Mittelmeer solidarisiert und bemüht sich derzeit in Rom, der Bischofssynode neuen Schwung zu geben.

Offiziell gilt im Vatikan zwar die Linie: Mit Kardinalskreierungen wird keine Kirchenpolitik betrieben. De facto aber werden mit jeder Ernennung die Kräfteverhältnisse unter den wahlberechtigten Kardinälen neu justiert - und damit potentiell der Ausgang des nächsten Konklaves beeinflusst. In letzterem könnte es diesmal besonders hart zugehen, glaubt Vatikan-Experte Politi: "Das nächste Konklave wird bereits im Vorfeld ein Kampf mit harten Bandagen sein zwischen der konservativen Front und denjenigen, die die Linie der Reformen fortsetzen wollen."

Auch Mauro Gambetti, die größte Überraschung unter den neuen Kardinälen, zählt zum Lager der Reformer oder - anders gesagt - zu denjenigen, denen der aktuelle Papst vertraut. Gambetti ist mit seinen 55 Jahren für einen Kardinal außergewöhnlich jung, bislang war er einfacher Ordenspriester. Der Papst aber schätzt Gambettis Arbeit als Leiter des Franziskus-Klosters in Assisi - und hat mit ihm noch viel vor, heißt es in Rom.

Erste Kardinalserhebung per Videoschalte

Mit den neuen Kardinalsernennungen steigt die Zahl der künftigen Papstwähler auf 128. Mehr als die Hälfte von ihnen (73) ist dann von Franziskus ernannt. Erstmals in der Kirchengeschichte fand eine Kardinalserhebung teilweise als Videoschalte statt. Unter anderem wurden die beiden neuen Kardinäle aus Brunei und von den Philippinen wegen der Corona-Krise nur über eine digitale Plattform im Petersdom zugeschaltet.

In der feierlichen Zeremonie erhielten auch vier Männer über 80 die Kardinalswürde, darunter der päpstliche Hausprediger Raniero Cantalamessa. Aufgrund ihres Alters aber dürfen diese neuen Kardinäle nach den Regeln der katholischen Kirche nicht an der nächsten Papstwahl teilnehmen.

Papst ernennt neue Kardinäle - und stellt Weichen
Jörg Seisselberg, ARD Rom
27.11.2020 23:54 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 28. November 2020 um 07:49 Uhr.

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