In den zerstörten Regionen auf den Philippinen warten immer noch zahlreiche Menschen auf Hilfe.

Tacloban nach dem Taifun Tot oder geflüchtet

Stand: 22.11.2013 13:14 Uhr

In der vom Taifun Haiyan zerstörten Region auf den Philippinen herrscht Chaos. 5000 Tote zählen die Behörden inzwischen. Einwohner warten auf Hilfsgüter, Einsatzkräfte bergen weitere Tote. Wer kann, hat die zerstörten Orte längst verlassen.

Von Udo Schmidt, ARD-Hörfunkstudio Singapur, zzt. Cebu

San Jose, das ist das Viertel Taclobans, in dem fast kein Haus mehr steht. Hier wurde mit Holz gebaut, und das hielt dem Sturm und vor allem der Riesenwelle nicht lange stand. 10.000 Menschen fühlten sich hier bis vor zwei Wochen zuhause, jetzt sind es noch rund 200, sagt Ador Balan, der als einziger mit seiner Familie in der ganzen Straße geblieben ist, die als solche kaum noch zu erkennen ist.

"Alle hier sind entweder tot oder geflüchtet nach Cebu oder Manila", sagt Balan. Das Wasser habe hier so hoch gestanden, dass er das Dach seines Hauses herausgedrückt und dann die Kinder hindurch geschoben habe. "Das hat uns gerettet." Viele, die geflüchtet sind, werden wahrscheinlich nicht mehr wiederkommen, zu schlimm sind die Erlebnisse, die alle mit sich herumtragen.

Richard Smith hat auch hier gewohnt. Nein, sagt er, zurück nach San Jose, wo er seinen kleinen Sohn verloren hat, wolle er nie mehr: "Wir haben uns alle am Dach festgehalten. Das ganze Haus war überschwemmt, aber meinen Sohn hat es weggerissen. Wir wollen auf keinen Fall zurück." Smith ist mit Frau und Tochter im städtischen Krankenhaus. Seine Tochter hat Bauchschmerzen, sie weint, es sind auch die furchtbaren Erinnerungen, die sie plagen.

Nicht weit entfernt stehen Hunderte Menschen vor einem Verwaltungsgebäude. Hier werden manchmal Hilfsgüter ausgegeben. Reis, Kekse und Wasser. Wann genau wisse allerdings keiner, sagt Estelita Alabad. "Es heißt, heute gebe es hier nichts, aber wir warten weiter. Hier sind jetzt so viele, vielleicht wird ja allein deswegen etwas gebracht."

Fast alle Schulen zerstört

Wohngebiete sind teilweise völlig zerstört worden.
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Wohngebiete sind teilweise völlig zerstört worden.

Alfred Romualdez ist der Bürgermeister von Tacloban. Er ist viel kritisiert worden, vor allem von seinem Präsidenten Benigno Aquino, der kurz eingeflogen kam. Der Staatschef macht die Lokalpolitiker als die Verantwortlichen für die schlechte Versorgung aus, prangerte sie an und verschwand wieder. Ja, sagt der Bürgermeister, vieles klappe noch nicht: "Wir haben praktisch keine funktionierende Verwaltung mehr. Alle unsere Gebäude sind kaputt, fast alle Schulen sind zerstört, alle Kommunalgebäude sind nicht mehr zu nutzen, das Gericht, die Staatsanwaltschaft, alles weg."

Aber es kehrt auch Normalität ein in Tacloban, diesem Verwaltungszentrum der Insel Leyte, das ein bisschen wieder zur Stadt wird. Am Hafen entsteht ein Markt, der mit jedem Tag wächst. Obst wird hier verkauft, einzeln verpackte Äpfel, Bananen, aber auch Zigaretten und Benzin. Zum Teil ist das die Beute der Plünderungen der vergangenen zwölf Tage. Aber es schafft ein wenig Alltag, wie Francisco Cabus sagt: "Ich habe die Schachteln für 30 Pesos bekommen und verkaufe sie für 40 weiter, es gibt genug Käufer. Wer raucht, braucht Zigaretten."

Es gibt wieder etwas zu kaufen, und Geld haben einige in Tacloban - sofern sie rankommen. Estella Lagunzad ist Rentnerin, mit ihrem Mann baut sie an einem Holzverschlag am Straßenrand, mehr ist ihr nicht geblieben. Bisher, sagt sie, seien sie von Verwandten versorgt worden: "Von den Hilfslieferungen ist nur einmal etwas bei uns angekommen, sonst haben uns Verwandte Reis und so etwas gebracht. Auf dem Markt gibt es auch Gemüse, aber das ist zu teuer."

Einige Tankstellen und Geldautomaten funktionieren wieder

Ihnen sei nichts geblieben sagt Estella Lagunzad, aber sie hätten ihr Geld auf der Bank, ihre Rente, die eingehe: "Mein Mann hat für die Kommune gearbeitet und bekommt eine kleine Rente, die gerade reicht, aber wir kommen nicht an das Geld heran." Die ersten Banken wollen bald wieder öffnen, zwei Geldautomaten in Tacloban sind bereits wieder benutzbar, betrieben mit Notstrom.

Müll und Trümmer türmen sich.
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Müll und Trümmer türmen sich.

Auch die Tankstellen machen wieder auf, alle Tanks müssten aus Sicherheitsgründen überprüft werden, bevor der Benzinhahn aufgedreht werden könne, erklärt Nelson Anduyon: "Wir müssen sicherstellen, das das Benzin nicht verunreinigt ist, dass die Pumpen arbeiten, erst dann können wir hier starten."

Aber schon jetzt, während die meisten Tankstellen noch gesperrt sind, nimmt der Straßenverkehr wieder Ausmaße an, die an Vor-Taifun-Zeiten erinnern. Es staut sich an jeder Kreuzung, weil die Verkehrsregelung ohne Strom noch schwerfällt, weil gerade auf geräumt wird und ein Bulldozer die Straße blockiert, oder weil die Task Force, die Leichen aus den Trümmern birgt, unterwegs ist. Hunderte Tote, sie seit zwei Wochen unter Trümmern liegen, würden jetzt geborgen, sagt Polizeioffizier Geraldo Hermosilla: "Wir dokumentieren die Leichen, wir kennzeichnen sie und bringen sie dann zum Massengrab."

Auf der Suche nach Würde

Und es werden noch viele Leichen zu bergen sein. Das weiß auch Bürgermeister Romualdez. Er selbst wohnte in San Jose. Dort sind nur noch Trümmer, um die sich noch niemand wirklich gekümmert hat: "In meinem Viertel, in San Jose nah am Flughafen, können sie die Menschen jetzt an einer Hand abzählen." Die meisten Leichen, die in der Bucht angespült wurden, seien von dort und die Experten würden noch viele unter den Trümmern finden. "Wann sie suchen, müssen sie selber entscheiden."

Wer kann, verlässt noch immer Tacloban, wenn auch nicht mehr in der Hektik der ersten Tage. Es gehe jetzt weniger ums Überleben als um ein besseres Leben. Das versprechen sich viele etwa in Cebu City, der Stadt eine halbe Flugstunde entfernt mit einer Million Einwohnern. Dort füllen sich nun die Notunterkünfte. Noel Garganera leitet eine solche Unterkunft: "Wir versuchen, die Menschen wieder zum Lächeln zu bringen. Wir geben ihnen ihre Würde zurück, mehr können wir wahrscheinlich nicht tun."

Es wird lange dauern, bis alle, die aus Tacloban oder von den Inseln Leyte und Samar geflohen sind, wieder ein würdevolles Leben führen können.

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Super-Taifun "Haiyan": Eine Chronologie in Bildern (Stand 18.11. 2013)

Satellitenbild

08. November: Mit Böen von bis zu 379 Kilometern pro Stunde erreicht der Super-Taifun "Haiyan" die philippinische Insel Samar rund 600 Kilometer südöstlich von Manila.

Dieser Beitrag lief am 22. November 2013 um 06:20 Uhr im WDR 5.

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