Die Mädchenbrigade in Mistitz steht aufgereiht vor einem Feuerwehrauto.

Mistitz in Polen Dorf ohne Jungen

Stand: 17.08.2019 11:43 Uhr

Der Gemeindevorsteher stellt eine Belohnung in Aussicht, der katholische Dorfpriester bittet um Gottes Beistand: In dem polnischen 300-Seelen-Dorf Mistitz werden seit fast zehn Jahren keine Jungs mehr geboren.

Von Dirk Lipski, ARD-Studio Warschau

Antreten bei der Jugendbrigade der Freiwilligen Feuerwehr von Miejsce Odrzańskie - auf Deutsch Mistitz genannt - Routine für Malwina, Magdalena, Jennifer und ihre Freundinnen. Zwei Mal pro Woche üben sie für den Ernstfall. Sie wollen mindestens so gut werden wie ihre großen Vorbilder, die Feuerwehrmänner.

Dass man Jungs in dieser Nachwuchsbrigade vergeblich sucht, stört sie nicht. "Ohne Jungs ist es besser, denn die schreien immer so. Und alles, was sie anfangen, dauert sehr lange", sagt die neunjährige Jennifer Wieczorek.

Ein Dorf ohne Jungs
Weltspiegel, 17.08.2019, Dirk Lipski, ARD Warschau

Download der Videodatei

Wir bieten dieses Video in folgenden Formaten zum Download an:

Hinweis: Falls die Videodatei beim Klicken nicht automatisch gespeichert wird, können Sie mit der rechten Maustaste klicken und "Ziel speichern unter ..." auswählen.

Video einbetten

Nutzungsbedingungen Embedding Tagesschau: Durch Anklicken des Punktes „Einverstanden“ erkennt der Nutzer die vorliegenden AGB an. Damit wird dem Nutzer die Möglichkeit eingeräumt, unentgeltlich und nicht-exklusiv die Nutzung des tagesschau.de Video Players zum Embedding im eigenen Angebot. Der Nutzer erkennt ausdrücklich die freie redaktionelle Verantwortung für die bereitgestellten Inhalte der Tagesschau an und wird diese daher unverändert und in voller Länge nur im Rahmen der beantragten Nutzung verwenden. Der Nutzer darf insbesondere das Logo des NDR und der Tageschau im NDR Video Player nicht verändern. Darüber hinaus bedarf die Nutzung von Logos, Marken oder sonstigen Zeichen des NDR der vorherigen Zustimmung durch den NDR.
Der Nutzer garantiert, dass das überlassene Angebot werbefrei abgespielt bzw. dargestellt wird. Sofern der Nutzer Werbung im Umfeld des Videoplayers im eigenen Online-Auftritt präsentiert, ist diese so zu gestalten, dass zwischen dem NDR Video Player und den Werbeaussagen inhaltlich weder unmittelbar noch mittelbar ein Bezug hergestellt werden kann. Insbesondere ist es nicht gestattet, das überlassene Programmangebot durch Werbung zu unterbrechen oder sonstige online-typische Werbeformen zu verwenden, etwa durch Pre-Roll- oder Post-Roll-Darstellungen, Splitscreen oder Overlay. Der Video Player wird durch den Nutzer unverschlüsselt verfügbar gemacht. Der Nutzer wird von Dritten kein Entgelt für die Nutzung des NDR Video Players erheben. Vom Nutzer eingesetzte Digital Rights Managementsysteme dürfen nicht angewendet werden. Der Nutzer ist für die Einbindung der Inhalte der Tagesschau in seinem Online-Auftritt selbst verantwortlich.
Der Nutzer wird die eventuell notwendigen Rechte von den Verwertungsgesellschaften direkt lizenzieren und stellt den NDR von einer eventuellen Inanspruchnahme durch die Verwertungsgesellschaften bezüglich der Zugänglichmachung im Rahmen des Online-Auftritts frei oder wird dem NDR eventuell entstehende Kosten erstatten
Das Recht zur Widerrufung dieser Nutzungserlaubnis liegt insbesondere dann vor, wenn der Nutzer gegen die Vorgaben dieser AGB verstößt. Unabhängig davon endet die Nutzungsbefugnis für ein Video, wenn es der NDR aus rechtlichen (insbesondere urheber-, medien- oder presserechtlichen) Gründen nicht weiter zur Verbreitung bringen kann. In diesen Fällen wird der NDR das Angebot ohne Vorankündigung offline stellen. Dem Nutzer ist die Nutzung des entsprechenden Angebotes ab diesem Zeitpunkt untersagt. Der NDR kann die vorliegenden AGB nach Vorankündigung jederzeit ändern. Sie werden Bestandteil der Nutzungsbefugnis, wenn der Nutzer den geänderten AGB zustimmt.

Einverstanden

Zum einbetten einfach den HTML-Code kopieren und auf ihrer Seite einfügen.

Wiederbelebung mit Teddybär

Auf dem Sportplatz des oberschlesischen 300-Seelen-Dorfs brennt ein Gartenhäuschen. Die Jugendfeuerwehr muss ran und Löschen wie die Großen, auch wenn es nur eine Übung ist. Außerdem gibt es Verletzte, die die Mädchen bergen und versorgen müssen. Auch wie man einen Menschen wiederbelebt üben sie; ein Teddybär dient als Übungspuppe.

Der Feuerwehrnachwuchs in Mistitz übt Wiederbelebungsmaßnahmen an einem Teddybären.
galerie

Der weibliche Feuerwehrnachwuchs übt Wiederbelebungsmaßnahmen an einem Teddybären.

Dass hier nur Mädchen trainieren, ist kein Zufall: Es gibt im Dorf keine Jungs, die mitmachen könnten. Seit fast zehn Jahren werden in Mistitz nur Mädchen geboren. Seitdem das in Polen bekannt wurde, bekommt Feuerwehrchef Tomasz Golasz Tipps, wie man einen Jungen zeugt. "Ich denke, man muss es halt so lange versuchen, bis es klappt", sagt er und zwinkert dabei mit dem Auge. Er hat auch zwei Töchter. Und ergänzt: "Ich denke, ich kriege noch einen Sohn."

Geschlechtsauswahl mit Axt und Blümchen  

23 Kilometer von Mistitz entfernt, in Kędzierzyn-Koźle, arbeitet Frauenarzt Jerzy Zygmunt. Er behandelt in seiner Praxis rund 6000 Frauen im Jahr, auch Frauen aus dem Dorf. Immer wieder wird er um Rat gefragt, wie man das Geschlecht des Babys beeinflussen kann. Volkstümliche Bräuche besagen, man solle eine Axt unter das Bett legen, um einen Jungen zu bekommen und ein Blümchen, wenn es ein Mädchen werden soll. "Es gibt überhaupt keinen wissenschaftlichen Beweis, dass das funktioniert", entgegnet er und lacht dabei.

Blick auf das oberslesische Dorf Mistitz in Polen.
galerie

Im oberslesischen Dorf Mistitz leben rund 300 Menschen.

Gebete für männlichen Nachwuchs

Den männlichen Nachwuchsmangel bekommt auch die katholische Kirche im Dorf zu spüren. Sonntagsgottesdienst in der Gemeinde "Zur Heiligen Dreifaltigkeit" - ein Pflichttermin für die meisten Dorfbewohner. Auch in der Messe sind es vor allem Mädchen, die sich als Messdienerinnen engagieren. Das ist auch Priester Joachim Augustyniok aufgefallen, er nimmt deshalb den Wunsch nach einem männlichen Baby in seine Fürbitten mit auf.

Sollten die Gebete der versammelten Dorfgemeinde tatsächlich bald erhört und dem Ort ein Junge geschenkt werden, will sich auch die Gemeindeverwaltung erkenntlich zeigen. "Ich möchte den Eltern, die einen Jungen zur Welt bringen, ein Geschenk machen", kündigt Rajmund Frischko von der Gemeindeverwaltung in Cisek an.

Katholischer Gottesdienst in Mistitz mit Messdienerinnen.
galerie

In der katholischen Kirche in Mistzitz prägen vornehmlich Messdienerinnen das Bild vor dem Altar. Der Priester betet für männliche Babys.

Mädchenüberschuss als Standortvorteil

Die Sorge ist groß, dass das 1679 gegründete Dorf Mistitz ausstirbt. Viele junge Familien sind weggezogen, es gibt zu wenig Arbeit. Doch der Mädchenüberschuss sei in Zukunft sogar ein Vorteil für den Ort, sagt Frauenarzt Zygmunt hoffnungsvoll: "Diese Mädchen sind die Zukunft und das Glück des Dorfes. Denn jetzt werden viele nette Jungs aus den Nachbardörfern zu ihnen kommen. Und alles wird so laufen wie es immer und überall in der Welt läuft."

Doch bis es soweit kommt, ist es für die Jugendfeuerwehr noch ein weiter Weg. Sie wird auf Jahre hinaus eine reine Mädchenbrigade bleiben. Aber weil sie die Jungs bislang auch gar nicht vermissen, werden die Mädchen schon nichts anbrennen lassen.

Die Mädchenbrigade in Mistitz steht aufgereiht vor einem Feuerwehrauto.
galerie

Die Jugendfeuerwehr des Dorfes wird noch über Jahre hinweg eine reine Mädchenbrigade sein.

Reportagen zu diesem und anderen Themen sehen Sie am Sonntag um 19:20 Uhr im Weltspiegel im Ersten.

Über dieses Thema berichtete der Weltspiegel am 18. August 2019 um 19:20 Uhr.

Darstellung: