Feld bei Prusim (westlich von Posen) | Bildquelle: B. Kaczan

Grundwasserspiegel sinkt Der Westen Polens leidet unter extremer Dürre

Stand: 28.06.2019 15:30 Uhr

Ernten schrumpfen. Die Pegelstände der Seen sinken. Der Westen Polens leidet unter immer häufigeren Hitzewellen. Doch auch der Braunkohle-Abbau lässt das Grundwasser absacken.

Von Jan Pallokat, ARD-Studio Warschau

Gleich hinter dem Bauernhof trotzt goldgelber Weizen der gefühlten Gluthitze von 35 Grad im Schatten. Aber der Eindruck täuscht, und Bauer Leszek Dratwiak macht sich Sorgen. Wenn es in den nächsten zwei Wochen nicht ordentlich regnet in seinem Dorf bei Gnesen, wird es wieder eng.

Zur Demonstration knickt er einen Halm ab: "Das sind fast reife Körner, wenn sie noch zwei Wochen in der Sonne stehen, dann schrumpeln sie. Dann gibt es pro Hektar nicht acht Tonnen, sondern nur sechs oder fünf."

Bauer Leszek Dratwiak (links) rechnet mit Ernteausfällen, sollte es in den nächsten zwei Wochen nicht regnen. | Bildquelle: Jan Pallokat
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Bauer Leszek Dratwiak (links) rechnet mit Ernteausfällen, sollte es in den nächsten zwei Wochen nicht regnen.

Das zweite Dürrejahr in Folge

Der Landwirt hat feuchte Augen, wenn er von immer geringeren Erträgen auch beim Raps erzählt. Nicht so sehr wegen des Geldes, es gibt Kompensation, sondern weil es ein Familienbetrieb in dritter Generation ist. Der Großvater kämpfte noch im Ersten Weltkrieg, und jetzt soll alles den Bach runter gehen? Ein weiteres Dürrejahr kündigt sich an: Es sind lebensfeindliche Bedingungen, die schon vor zwölf Monaten die weiten Ackerflächen im Westen Polens heimsuchten, bestätigt Kornel Pabiszczak von der Posener Landwirtschaftskammer.

"Trockene Jahre häufen sich. Aber diesmal hatten wir schon im Frühling sehr hohe Temperaturen", sagt er. Wärme sei eigentlich gut für die Pflanzen, aber man brauche entsprechend viel Wasser. Und Wasser fehle schon seit vergangenem Jahr, als die Trockenheit die Gemeinden heimgesucht hat, und der Winter so wenig Schnee brachte.

Wetter-Extreme nehmen zu

Dürreperioden hat es zwar historisch immer mal wieder in der Region gegeben, aber was den Warschauer Hydrologen Jaroslaw Suchozebrski aufhorchen lässt, sind die sich häufenden Wetter-Extreme.

"Einerseits gibt es lange Perioden ohne Regenfälle, dann plötzlich wieder heftige Niederschläge, in diesem Jahr besonders deutlich. So was gab es früher auch, aber nie so oft."

Der Grundwasserspiegel sinkt

Am beliebten Ostrowskie-Badesee an der Grenze zu Pommern sackt das Wasser unübersehbar ab; ungefähr einen Meter pro Jahr. Bade-Molen liegen inzwischen ganz auf dem Trockenen. "Bitte nicht springen", steht da noch wie zum Hohn. Eine Besucherin erzählt, man könne hier schwimmen: "Aber wir waren hier vor vier Jahren, da ging das Wasser noch bis zur Hälfte der Mole. Wir wissen auch nicht warum."

Am Ostrowskie-Badesee an der Grenze zu Pommern sackt das Wasser unübersehbar ab. Ungefähr einen Meter pro Jahr. | Bildquelle: Jan Pallokat
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Am Ostrowskie-Badesee an der Grenze zu Pommern sackt das Wasser unübersehbar ab. Ungefähr einen Meter pro Jahr.

Doch hier ist es weniger der ausbleibende Regen, es sind die Pumpwerke der nahen Braunkohle-Reviere, die den Grundwasserspiegel senken. Ladenbesitzer Jozef Drzazgowski kämpft schon länger gegen den Tagebau, aber damit ist er ein eher einsamer Streiter im Kohleland Polen. Vor Jahren ging er zum ersten Mal zum Gemeindevorsteher und fragte, was mit dem See passiere. "Er wusste es genau. Aber er wollte nichts machen, weil in seiner Gemeinde 200 Leute im Tagebau arbeiten und mit ihren Familien hatte er seine Wähler."

"Bis heute redet man in Polen den Leuten ein, die Energie aus Kohle sei am billigsten."

Wassergräben bleiben trocken

Austrocknende Badeseen, Wetterextreme: Mehr und mehr Polen schwant, das wirklich etwas aus dem Lot geraten sein könnte; und zwar bei ihnen, nicht irgendwo am Pol. Eine grüne Bewegung kommt dadurch aber noch lange nicht zustande.

Die Menschen auf dem Land sind bodenständig. Klimaprobleme global lösen zu wollen, kommt ihnen erst gar nicht in den Sinn. Auch Weizenbauer Dratwiak sucht die Probleme lieber bei sich selbst. "Früher funktionierte alles in sich, ich kenne das noch. Dämme, Deiche, wo sich das Wasser sammelte. Es gab ein gutes Ökosystem, überschwemmte Wiesen und die feuchte Luft", erzählt er. Aber das alles sei weg. Man habe die Böden verteilt und die Wiesen zu Feldern gemacht.

Unlängst zog er aus lauter Verzweiflung los, die alten Wassergräben wieder auszustechen, die er noch aus seiner Kindheit kennt. Aber da kommt kein Nass, mit dem man sie fluten könnte.

West-Polen dörrt aus - trotzdem kein Ökoboom
Jan Pallokat, Ard Warschau, zzt. in Posen
28.06.2019 12:10 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Inforadio am 28. Juni 2019 um 17:50 Uhr.

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