Bartosz Milek, Junge im Mädchendorf | Bildquelle: ARD-Studio Warschau

Mistiz in Polen Das Mädchendorf hat wieder einen Jungen

Stand: 05.06.2020 17:47 Uhr

300-Einwohner zählt das Dorf Mistiz in Polen. Seit zehn Jahren ist hier kein Junge mehr geboren worden. Warum, weiß keiner. Jetzt ist es soweit. Und das ganze Dorf steht quasi Kopf.

Von Olaf Bock, ARD-Studio Warschau   

In dem polnischen 300-Seelen-Dorf Miejsce Odrzanskie - auf Deutsch Mistitz - gibt es einen Grund zum Feiern. Bartosz ist da - ein Junge! Der erste Junge nach zehn Jahren. Solange wurden in dem Dorf nämlich nur Mädchen geboren. Die Einwohner haben gehofft und sogar gebetet. Jetzt ist es soweit. Der Gemeindevorsteher hatte für diesen Anlass eine besondere Überraschung versprochen...

Luftaufnahme von Miejsce Odrzanskie | Bildquelle: ARD-Studio Warschau
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Im 300-Seelen-Dorf Mistitz ist wieder ein Junge geboren worden - erstmals seit zehn Jahren.

Eigentlich ist alles Routine in Miejsce Odrzanskie bei der Übung der freiwilligen Feuerwehr. Zweimal in der Woche trainieren sie hier die Brandbekämpfung. Das Löschteam legt los. Nur Mädchen sind dabei, das ist schon so seit vielen Jahren. Diese Jugendbrigade ist rein weiblich.

Der erste Junge im Mädchendorf

Doch etwas ist diesmal ganz anders: Denn am Rand des Übungsplatzes steht Anna Milek und schaut zu. Und sie hat Bartosz mitgebracht.

Der erste Junge im Dorf seit zehn Jahren!  Er schläft den Schlaf des Gerechten,  die Feuerwehrübung würdigt er keines Blickes.

Übung bei der Feuerwehr | Bildquelle: ARD-Studio Warschau
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Zweimal in der Woche trainieren die Mädchen Brandbekämpfung.

Dabei wissen einige der Mädchen schon genau, wo sich Jungs im Feuerwehrteam nützlich machen könnten. "Sie könnten helfen, wenn der Schlauch undicht ist oder wenn man es nicht schafft alleine aus so einem großen Schlauch das Wasser zu spritzen", meint die achtjährige Lilianna Kicler.  

Für einen echten Feuerwehr-Einsatz ist Bartosz natürlich noch viel zu klein! Aber der Feuerwehrchef Tomasz Golasz macht sich schon Hoffnungen und zählt darauf, dass der Junge später mal zur Feuerwehr kommt, sobald er ein wenig größer ist.

Feuerwehrchef Thomasz Golasz in Miejsce Odrzanskie | Bildquelle: ARD-Studio Warschau
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Feuerwehrchef Thomasz Golasz hofft auf Bartosz in seinem Team, wenn er größer wird.

Bräuche und Gebete sollten helfen

Dass sie in Mistitz so lange auf einen Jungenwarten mussten, ist ein Rätsel der Natur, für das es bisher keine logische Erklärung gibt. Und jetzt Bartosz! Anna Milek dreht mit ihrem Sohn täglich eine Runde an der frischen Luft.

Als sie schwanger wurde, da hatte sie schon das Gefühl, dass es ein Junge wird. Aber die Reaktion auf die Geburt von Bartosz hatte sie nicht erwartet. "Ich habe wirklich nicht gedacht, dass die Geburt so ein großes Ereignis wird. Ich dachte, ich entbinde in Ruhe und kehre nach Hause zurück, aber schon im Krankenhaus haben sie mir alle gratuliert", sagt Anna Milek.

Beten für die Geburt eines Jungen

Was haben sie im Dorf nicht alles in Betracht gezogen, bevor das kleine Wunder geschah. Volkstümliche Bräuche besagen, man solle eine Axt unter das Bett legen, um einen Jungen zu bekommen, und ein Blümchen, wenn es ein Mädchen werden soll. Das haben aber Anna Milek und ihr Mann bei ihrem Bartosz nicht ausprobiert. Dafür wurde aber in der Dorfkirche um himmlischen Beistand gebetet.

Vielleicht, so meint die Dorfbewohnerin Joanna Palka-Obrusnik, hat das ja geholfen. "Wir haben um neue Jungs im Dorf gebetet, und unser Gebet wurde erhört - es gibt einen Jungen, ein Geschenk auch des Himmels."

Geschenk-Übergabe: Die Mutter erhält eine Überraschung für die Geburt eines Jungen | Bildquelle: ARD-Studio Warschau
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Anna Milek darf sich zur Geburt über einen Geld-Gutschein freuen.

Eine Belohnung für die Geburt

Jetzt muss auch Gemeindevorsteher Rajmund Frischko ran. Denn er hatte ja eine Überraschung versprochen für die Geburt des ersten Jungen im Dorf nach zehn Jahren: Es ist ein Gutschein über umgerechnet 340 Euro.

Der Gemeindevorsteher sieht nun gute Zeiten aufkommen in der Krise. "Die positive Nachricht hat uns alle in einer schwierigen Zeit der Pandemie erreicht, aber sie erwies sich als Wendepunkt. Seit Bartosz Geburt passieren nur gute Sachen bei uns. Die Statistiken sehen optimistischer aus, die lokale Wirtschaft läuft besser. Wir sind alle sehr glücklich“ sagt er fröhlich in seiner Rede für die Familie Milek.

Die Mutter von Bartosz bekommt zusätzlich noch Blumen und Spielzeug im blauen Töpfchen. Das ist für Bartoszs kleine und große Geschäfte gedacht. Sogar ein eigenes T-Shirt wurde gedruckt für den freudigen Anlass: Der erste Junge nach zehn Jahren.

T-Shirt mit Aufdruck: Der erste Junge nach zehn Jahren! | Bildquelle: ARD-Studio Warschau
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T-Shirt und Geschenke: Das Dorf freut sich über einen Jungen

Bartosz ist schon jetzt ein kleiner Star. Mit einer stolzen Schwester. "Ich habe keine einzige Freundin, die einen Bruder hat. Ich bin die Einzige und das ist toll!", freut sich die neunjährige Lena Milek.  

Die Feuerwehr Mädchen freuen sich auf Bartosz

Bei der Feuerwehrübung gibt es auch "Erste Hilfe". Verband anlegen, wie bei einer Mumie. Alle helfen mit. Doch um ihren Abtransport macht sich die Patientin Magda Henzel ein wenig Sorgen.

"Ich würde mich etwas sicherer fühlen, wenn Jungs dabei wären. Weil sie so kräftig sind“, meint die Zehnjährige.

Doch bis Bartosz da mithelfen kann, dauert es noch ein paar Jahre. Solange muss sich Magda weiter auf ihre großen und kleinen Kolleginnen verlassen. Die machen das auch prima! Nach ihrer Übung wollen die erfahrenen Feuerwehrfrauen schon mal den Nachwuchs prüfen.

Mädchen üben bei der freiwilligen Feuerwehr in Miejsce Odrzanskie | Bildquelle: ARD-Studio Warschau
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Freuen sich über männlichen Nachwuchs: Die Mädchen aus Mistitz.

Wenn er zwei ist, darf er mitmachen

Mutter Anna würde sich jedenfalls freuen, wenn ihr Sohn zur Feuerwehr ginge. Sobald er zwei ist, darf er mitmachen. Und die zehnjährige Jennifer Wieczorek verspricht Bartosz schon mal. "Dann spielen wir mit ihm. Dann wird er einfach nicht alleine sein".

Bis er größer ist, geht es Bartosz aber ganz entspannt an: Viel Schlafen und Kräfte sammeln für die Herausforderungen des Lebens.

Diese und andere Reportagen können Sie am Sonntag um 19:20 Uhr in der Sendung Weltspiegel im Ersten sehen.

Über dieses Thema berichtete der Weltspiegel am 07. Juni 2020 um 19:20 Uhr.

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